Ausstellung "Kunst aus dem Holocaust" in Berlin : Schönheit und Schrecken

Die Sensation ist, dass es diese Bilder überhaupt gibt: Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt Kunst der Shoah aus der Gedenkstätte Yad Vashem.

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Leben wie der Teufel in Südfrankreich. Das Lager von Gurs, 1941 von Leo Breuer aquarelliert.
Leben wie der Teufel in Südfrankreich. Das Lager von Gurs, 1941 von Leo Breuer aquarelliert.Foto: Collection of the Yad Vashem Art Collection, Jerusalem.

Die Welt ist ein Gefängnis. Auf einem überlangen Tisch steht ein Globus, der auf seiner Vorderseite die Umrisslinien Europas zeigt. Dahinter hockt ein Mann mit Sträflingsfrisur, den Kopf tief in seinen Händen vergraben. Neben ihm liegen Rucksack und Wanderstab, Utensilien einer Flucht ohne Ende. Die nackten Wände erinnern an eine Gefängsniszelle. Endstation Hoffnungslosigkeit.

Mit dem Gemälde „Der Flüchtling“, das Felix Nussbaum 1939 in Brüssel malte, wird der Besucher der Ausstellung „Kunst aus dem Holocaust“ im Deutschen Historischen Museum begrüßt. Nussbaums Bild ist meisterlich komponiert, es schwebt, ein bisschen wie die Werke der Pittura Metafisica, zwischen Weltwiedergabe und Vision. Doch was es zeigt, ist harter Realismus, die Wirklichkeit der Verfolgung. Nussbaum wurde 1940 nach Einmarsch der Deutschen nach Südfrankreich deportiert, konnte zwischenzeitlich fliehen und versteckt überleben, bis er denunziert und 1944 in Auschwitz ermordet wurde.

Shoah-Kunst ist ein Oxymoron

Die Ausstellung, die 100 Kunstwerke aus der Gedenkstätte Yad Vashem präsentiert – mehr, als jemals zuvor Israel verlassen haben – ist eine Sensation. Sensationell schon deshalb, weil es diese Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde überhaupt gibt, die aus den Ghettos und Vernichtungslagern stammen, dem Zentrum des Schreckens, und dass sie den Schrecken überstanden. „Shoah-Kunst“ sei ein „Oxymoron, ein Widerspruch in sich“, sagt die Kuratorin Eliad Moreh-Rosenberg. Für die Erhabenheit der Kunst war im Konzentrationslager Theresienstadt oder im Ghetto von Kaunas kein Raum.

Trotzdem haben viele jüdische Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik Bilder geschaffen. Nicht nur prominente Maler wie Felix Nussbaum, Charlotte Salomon, Ludwig Meidner oder der Dada-Mitbegründer Marcel Janco und viele akademisch ausgebildete Künstler, sondern auch Kinder und Jugendliche. Sie wollten ihren Alltag festhalten, zeigen, was sie zu erdulden hatten, und oft wurde das Malen dabei zum Überlebensmittel, zu einem Grund, durchzuhalten. Eine postkartenkleine Ansicht von Karl Robert Bodek und Kurt Conrad Löw, zu sehen auf dem Plakat der Ausstellung, zeigt einen prachtvoll leuchtenden Zitronenfalter, der auf dem Stacheldraht des französischen Lagers Gurs sitzt. Die Bildzeile lautet: „Ein Frühling“. Dabei war der Frühling der Befreiung 1941 noch drei Winter entfernt.

Verzaubert von der Welt

Den drei Abteilungen der Berliner Ausstellung ist jeweils ein Gedicht vorangestellt. Besonders erschütternd ist eines, das „Traum“ heißt und von Abraham Koplowicz stammt. „Wenn ich groß bin, werde ich diese schöne Welt sehen / In einem riesigen Vogel ganz aus Eisen sitzend / Werde ich die Höhen des Universums durchqueren“, heißt es zu Beginn. Das Ende geht so: „Immer gleichermaßen verzaubert von der Schönheit der Welt / Die Wolke wird mir Schwester sein und der Wind Bruder.“ Mit einem Flugzeug ist Abraham nie geflogen, er wurde mit 14 Jahren in Auschwitz umgebracht.

Er hat überlebt. Selbstporträt von Josef Kowner aus dem Ghetto von Lodz, 1941.
Er hat überlebt. Selbstporträt von Josef Kowner aus dem Ghetto von Lodz, 1941.Foto: Collection of the Yad Vashem Art Collection, Jerusalem.

Die Wirklichkeit der Lager war grausam, aber manche Bilder wirken auf den ersten Blick geradezu idyllisch. Leo Haas hat die „Ankunft eines Transports in Theresienstadt“ mit Tusche als gewundenen Menschenzug aufs Papier gebracht, durch dicken Schnee und vorbei an windschiefen Weiden. Doch über den Köpfen kreisen unheilverkündende Krähen, und am Bildrand hat der Künstler ein „V“ hinterlassen, als Symbol für seinen Widerstand im Untergrund.

Bei Zvi Hirsch Szylis, der Gefangene beim Entsorgen von Abwässern mit einem Jauchewagen abbildet, wirkt das nachtblau eingefärbte Ghetto von Lodz wie eine düstere Variante von Chagalls Stetl-Träumereien. Felix Bloch zeigt das Ghetto von Theresienstadt, wo 35 000 Menschen starben, als Todesmühle. Gnadenlos rollt ein Totenwagen voller Leichen über Kranke und Verletzte hinweg.

Hinter jedem Bild steckt ein Schicksal, und oft erzählen schon die Lebensdaten, die hinter dem Namen des Künstlers stehen, fast die ganze Geschichte. Felix Bloch wurde 1944 in Theresienstadt zu Tode geprügelt. Zvi Hirsch Szylis wurde 1945 in Dachau befreit und starb 1987 in Israel. Leo Haas starb 1983 in Berlin. Etwa die Hälfte der ausgestellten Künstler überlebten die Shoah. Eine Überlebende kam sogar zur Ausstellungseröffnung aus Israel nach Berlin. Nelly Toll, heute 80 Jahre alt, hat farbenprächtige Gouachen gemalt. Mit ihrer Mutter in einer kleinen Kammer versteckt, zeichnete sie zwei Mädchen auf einer offenen grünen Wiese. Ein Sehnsuchtsbild.

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Die Kunst überlebte klandestin

Genau genommen steckt hinter jedem Bild noch ein zweites Schicksal: das des Kunstwerks selbst. Zur Kunstsammlung von Yad Vashem gehören fast 10 000 Werke. Der Kernbestand sind etwa 6000 Bilder, die während der Shoah entstanden und unmittelbar nach dem Krieg zusammengetragen wurden. Diese Kunst war bei den Deutschen unerwünscht, sie konnte nur klandestin überleben. Jacob Lipschitz versteckte seine Bilder in Tongefäßen, die er nach der Zerstörung des Ghettos von Kaunas auf dem Friedhof vergrub. Gefunden wurden sie dank seiner Frau Lisa, die im Gegensatz zu ihm das Kriegsende überstand. Lipschitz’ Selbstporträt zeigt einen Skeptiker mit Künstlermähne. Er skizzierte die Gesichter von Mitgefangenen aus dem Ghetto und aquarellierte eine Rückenansicht seines Bruders. Wächter hatten den Bruder zusammengeschlagen, sein Rücken ist blutig verkrustet.

Aus Auschwitz gibt es keine Bilder. Das Todeslager war Endstation, Zeichnen unmöglich. Aus dem Schwarzen Loch der Menschheitsgeschichte sollte nichts nach außen dringen.

Bis 3. April, täglich 10–18 Uhr. Katalog (Wienand Verlag) 39,90 €.

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