Ausstellung „Rapunzel & Co“ bei Bonn : Von Babylon nach Ground Zero

Die Ausstellung „Macht. Wahn. Vision. Rapunzel & Co“ im Arp-Museum in Rolandseck am Rhein erzählt von Türmen und Menschen in der Kunst.

von
Hoch hinaus. Turm aus Erdfladen von Madeleine Dietz.
Hoch hinaus. Turm aus Erdfladen von Madeleine Dietz.Foto: Madeleine Dietz

„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter“, ruft die böse Zauberin Gothel im Märchen der Brüder Grimm, als sie den treppenlosen Turm zu dem gefangenen jungen Mädchen hochsteigen will. Rapunzels Zopf war nach Lesart der Bonner Künstlerin Christina Kubisch 40 Meter lang, kupferrot und stark wie Drahtseil. Er baumelt jetzt im gläsernen Aufzugsturm von Richard Meiers neuem Arp-Museum in Rolandseck am Rhein, eingehüllt von schillerndem Licht und einem diffusen Klangteppich aus Atemgeräuschen, Schluchzern und Hilferufen. Vorbei an der riesigen Zopf-Skulptur führt der Lift nach oben zur Ausstellung „Macht. Wahn. Vision. Rapunzel & Co“, die mit 40 überwiegend zeitgenössischen Arbeiten aus aller Welt von Türmen und Menschen in der Kunst erzählt.

Vorläufer der Schau war eine Heilbronner Ausstellung zu den bildhauerischen Perspektiven urbaner Turmarchitektur. In Rolandseck wird ergänzend die Symbiose von Mensch und Turm in der skulpturalen Kunst hinterfragt. Als Zitate tauchen historische Ikonen wie Jan Brueghels um 1650 gemalter Babylonischer Turm und Vladimir Tatlins Entwurf für die III. Sozialistische Internationale auf, dazu reale Bauten wie der schiefe Turm von Pisa oder das Empire State Building. Auf vielfältige, oft bitterernste, mitunter aber auch erfrischend humorvolle Weise verbinden die Künstler der Ausstellung, darunter Jörg Immendorf und Giorgio de Chirico, die beiden konträren Motive.

Vergänglichkeit von Turm und Mensch

Wie Rapunzel im Märchen der Brüder Grimm war auch die Heilige Barbara im 3. Jahrhundert nach christlicher Legende eine Gefangene im Turm. Eingesperrt vom eigenen Vater, damit die junge Frau aus dem antiken Nikomedien, heute Izmit in der Türkei, von ihrer Religion abließ. Die Glaubensfeste ging lieber in den Tod. In der Ausstellung ist eine mittelalterliche Lindenholzstatue der frühchristlichen Märtyrerin mit einem Turm im Arm zu sehen. Gleich neben der madonnenhaften Schönen verharrt Hans Arps dunkler „Turmmensch Trier“. Die elf Zentimeter hohe Bronzefigur aus dem Spätwerk war eine Reminiszenz an die römischen Ruinen im nahen Trier.

Die Vergänglichkeit von Turm und Mensch, bei Arp nur angedeutet, treibt heute viele jüngere Künstler um. Sie thematisieren immer wieder die Anschläge vom 11. September 2001. Der Ire Malachi Farrell beispielsweise hat für seine audiovisuelle, kinetische Großinstallation „Nothing stops a New Yorker“ die sieben wichtigsten Hochhaustürme von Manhattan aus Sperrholz und Pappkartons nachgebaut und in ein Trümmerfeld von Verpackungsmüll gesetzt. Die Wolkenkratzer fuchteln unermüdlich mit Roboterärmchen zu Aerobic-Musik aus dem Hintergrund, bis plötzlich der schreckliche Originalsound vom Einsturz des World Trade Centers einsetzt und die bizarren Bewegungen kurzfristig außer Kontrolle geraten lässt. Noch spektakulärer agierte Raul Ortega Ayala. Die menschliche Hybris beim Turmbau zu Babel brachte den Mexikaner auf die Idee, seinen meterhohen „Babel Fat Tower“ aus Tierfett und Knochen während der Ausstellungsdauer vor den Augen der Besucher im warmen Scheinwerferlicht auf ein unansehnliches wächsernes Häufchen zusammenschmelzen zu lassen. Wo Künstler nicht tiefernst die Flüchtigkeit der Dinge thematisieren, generieren sie häufig Türme als unverkennbare Phallussymbole. So jedenfalls Paul McCarthy, James Lee Byars, Leiko Ikemura und auch Friedemann Grieshaber mit seinen nicht enden wollenden Stelen.

Hoch hinaus

Frauen bauen da lieber mit leichter Hand und Augenzwinkern hoch hinaus. Madeleine Dietz beispielsweise hat einen Turm aus trockenen Erdfladen aufgeschichtet. Über die Wand dahinter lässt sie mit Diaprojektor und Drehmotor das Bild eines jungen Mädchens im Blümchenkleid huschen, bis das Ganze zur unzertrennlichen Einheit zusammenwächst. Annette Streyl strickte den Ost-Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz nach und hängte ihn über eine Stange. Bettina Pousttchi türmte aus simplen Absperrgittern Wladimir Tatlins visionäres Spiralskelett aus dem Jahr 1919 aufeinander, und Johanna Smiatek kreierte eine rosa-rote Skyline aus Lippenstiften in den Farben Indiana Rouge, Champagne Rosé, Caramel Pink und Passion Red. Die swingenden, atmenden Pagoden von Bettina Bürkle und Klaus Illi schließlich bestehen nur mehr aus Luft und aus farbiger Ballonseide. Spätestens diese grotesken, dünnhäutigen Giganten nehmen auf liebenswürdige Weise dem Betrachter alle Angst vor Türmen als Gefängnisse und als Orte des Schreckens.

„Macht. Wahn. Vision. Rapunzel & Co. Von Türmen und Menschen in der Kunst“, Arp-Museum Bahnhof Rolandseck, bis 31. August 2014, Katalog: Kerber Art, www.arpmuseum.org

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben