Kultur : Ausstellung: Rotierende Herzen

Ronald Berg

Wer Verena Pfisterer nicht kennt - und das werden selbst Kunstkenner zugeben müssen - wird ihre Arbeiten für die erstaunlichen Leistungen eines Newcomers halten. So frisch wirken der von ihr konzipierte Lichtbrunnen und das Glasbett in der Galerie Kienzle & Gmeiner. Selbst das rotierende Herzchen kann es mit seinem zitternden Kreisen an der Spitze eines Drahts durchaus mit Arbeiten von Rebecca Horn aufnehmen, ohne jedoch auf eine ironische Note zu verzichten. Und auch der Entwurf für einen blau leuchtenden Glasraum, in dem wabernder Dampf den Boden bedeckt, hat gegenüber der jüngst in der Neuen Nationalgalerie von Ann Veronica Janssens präsentierten Farbdampfkammer nur den - allerdings entscheidenden - Nachteil, dass er nie verwirklicht wurde. Denn all die vorgestellten Arbeiten sind weit zurück datiert.

1967 zieht Pfisterer nach Berlin und gibt die Kunst auf. Dabei hatte die Studentin an der Düsseldorfer Akademie noch im Vorjahr zusammen mit Jörg Immendorf, Franz Erhard Walther und Joseph Beuys ausgestellt. Mit dem Abschluss an der Akademie kam die Entscheidung gegen den Kunstbetrieb. Die Gründe dafür sind vielfältig: ihre psychische Konstitution, ihr Unwillen sich durchzuboxen und mit allen Tricks an einer Künstlerkarriere zu basteln. An einem Mangel an Talent oder Inspiration lag der Rückzug sicher nicht. Das beweisen die "Ausgrabungen", die Martin Kienzle - selber Kunsthistoriker - gemeinsam mit Verena Pfisterer zusammengetragen hat. Trotz ihrer Ausbildung zur Psychotherapeutin blieb Pfisterer ganz privat der Kunst treu und entwickelte bis in die siebziger Jahre zeichnerische Entwürfe. Der kinetische schwarz-weiße Lamellenraum gehört dazu, der seine Farbe ändern sollte. Gleiches gilt für die zehn roten, hintereinander gestaffelten Glasräume (Länge insgesamt 25 Meter) oder ein blaues Plastikdampfbett. Die Entwürfe kosten heute 800 Mark.

Glas und Licht waren in dem gut anderthalb Jahrzehnten ihres künstlerischen Schaffens ein großes Thema von Verena Pfisterer. Der Einfluss von der Düsseldorfer Künstlergruppe Zero war noch frisch, und eine Resonanz auf die Lichträume und kinetischen Objekte von Piene, Uecker und Mack findet sich in ihrem Werk. Dennoch hat sie schon als Studentin zu einer ganz eigenen Position gefunden, in deren Zentrum die unmittelbare psychologisch-physische Wirkung der Kunst stand. Etwa beim "Lichtbrunnen" von 1966, einer am Boden stehenden Tonne mit Spiegelabschluss und einem kegelförmigen Lampenrund, aus dem das Licht mit 2400 Watt herausstrahlt. Ähnlich eindringlich funktionierte eine geschlossene Kabine, in der man einem "Silberfallen" (1965) ausgesetzt war. "Ein stilles, leises Geschehen. Ein silbriges Flimmern auf einem und um einen", umschrieb Pfisterer das Geschehen damals. Beide Arbeiten haben leider nur im Foto (2000 Mark) überlebt, genauso wie die "Bunte Glaskuppel", in der Pfisterers damalige Kommilitonin Katharina Sieverding als Modell posiert (200 Mark). Die wie Sonnenschirme aussehenden Kuppeln können als Vorstufe zu den später nicht mehr ausgeführten Glas- und Meditationsräumen mit Kuppeln undvon innen erleuchteten Glasbetten gelten, die in der Ausstellung als Zeichnungen vorliegen (800 Mark).

Weitere Facetten der Künstlerin verdeutlichen mit Farbstift und Tusche angefertigte Kleiderentwürfe: Ein himmelblauer Mantel und knallgelbe Hosen für den Herrn und weißes Rüschenkleid oder orangefarbiger Hosenanzug für die Dame. Diese heute noch schrillen Kombinationen hat Pfisterer teilweise früher selbst getragen. Fast traditionell erscheinen dagegen die rankenartigen Tier- und Blumenkompositionen (4500 Mark) oder Amsel-, Meisen- oder Goldfink-Bilder im Stil der Heimatkundebücher auf Vogelhäuschen, die mit Manuskriptenseiten gefüllt sind (unverkäuflich). Trotz dieser Fülle an künstlerischer Potenz und gestalterischer Qualität zeigt Verena Pfisterers Beispiel doch eines: Um im Kunstbetrieb zu resüssieren, kommt es auf die Kunst allein nicht an.

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