Ausstellung : Schön von oben

Die Berlinische Galerie entdeckt die Fotografin Eva Besnyö neu. Sie kam 1930 für zwei Jahre nach Berlin, wo sie viele Alltagsszenen mit ihrer Rolleiflex-Kamera festhielt. Später emigrierte die ungarische Jüdin nach Amsterdam.

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Mensch und Arbeit. Kohlenarbeiter, Berlin 1931. Foto: © Eva Besnyö/Maria Austria Inst. Amsterdam
Mensch und Arbeit. Kohlenarbeiter, Berlin 1931. Foto: © Eva Besnyö/Maria Austria Inst. Amsterdam

Paris sei passé, romantisch. Wenn sie was lernen wolle, müsse sie nach Berlin gehen, sagte ein Freund zu Eva Besnyö. Und so zog die 20-Jährige 1930 von Budapest in die deutsche Hauptstadt. Sie blieb zwei Jahre. Gemessen an ihrem Leben als Fotografin, waren es zwei wichtige Jahre. Denn hier traf sie nicht nur auf andere ungarische Künstler wie Laszlo Moholy-Nagy oder Robert Capa, den sie schon aus Kindertagen kannte, sondern saugte nach der Arbeit als Pressereporterin und Assistentin in der Dunkelkammer das vibrierende, kulturelle Leben der Stadt auf, blätterte im Wald von Magazinen und Illustrierten, ging ins Kino, um russische Filme anzuschauen. All das prägte sie.

Am liebsten fotografierte Besnyö Alltagszenen, die ihr das trubelige Berlin hinwarf. Sie zog mit ihrer Rolleiflex durch die Stadt. Aus einem Fenster heraus muss wohl jene Aufnahme der Starnberger Straße in Schöneberg entstanden sein: Ein paar Passanten, Auto, Litfasssäule und Häuserecke erstarren an einer fast leeren Kreuzung zu einem Spiel aus Formen, zur Schönheit im Banalen von oben. Darum ging es ihr immer wieder, um das „Neue Sehen“. Die Technik gab nun die Gestaltungsmöglichkeiten vor, Schärfe und Unschärfe, Licht und Schatten waren das bestimmende Stilmittel. Als sie Berlin 1932 nach zwei Jahren gen Amsterdam verlassen musste, weil sie als Jüdin bereits die Bedrohung durch die Nationalsozialisten spürte, gehörte Eva Besnyö zu den herausragenden Vertretern der neuen Fotografie.

In Holland ist man sich dessen bis heute bewusst. Noch bis ins hohe Alter – Besnyö starb 2003 mit 93 Jahren in der Nähe von Amsterdam – stellte die Fotografin in Museen und Galerien aus. Hierzulande ist sie in Vergessenheit geraten, auch wenn sie mit dem renommierten Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie ausgezeichnet wurde.

Die Berlinische Galerie erinnert nun auch in Berlin an die außergewöhnliche Frau – dank der Initiative des Verborgenen Museums. Das zeigt seine Retrospektiven normalerweise, dem Namen alle Ehre machend, in einem Hinterhof in der Schlüterstraße. In der Berlinischen Galerie bekommen die ungarisch-holländische Fotografin und das Charlottenburger Museum nun eine größere Bühne. Beide verdienen es.

Es geht dem Verborgenen Museum um Künstlerinnen, die vergessen wurden. Oft steht die Lebensgeschichte der Frauen genauso im Mittelpunkt wie ihre Kunst, Zeitgeschichtliches trifft auf Kunsthistorisches. Auch über Besnyös Biografie gibt es viel zu erfahren – wenn man den Katalog liest. Denn der ist umfangreich mit Texten ausgestattet. Die Ausstellung dagegen dampft die Informationen ein, wenig erfährt man über Besnyös politisches Engagement, etwa dass sie im Zweiten Weltkrieg gefälschte Ausweispapiere für Verfolgte herstellte oder dass sie sich in den Siebzigern der holländischen „Dolle Mina“-Frauenbewegung anschloss.

Besnyös Bilder erzählen davon wenig. Zwar gibt es eine Wand mit Aufnahmen von schuftenden Arbeitern, manche davon sind auch am Alexanderplatz entstanden, aber eigentlich ist Besnyös Werk durchdrungen von Formwillen, von Kompositionen, die sie in Landschaften, Menschen und Architektur entdeckte.

„Eva Besnyö. Fotografin 1910–2003. Budapest – Berlin – Amsterdam“, so heißt die Schau mit etwa 120 Schwarz- Weiß-Fotografien und so ist sie auch geordnet. Nach Lebensstationen. Nur an den rot gestrichenen Wänden gruppieren sich die Vintage-Prints nach gestalterischen und motivischen Themen: Besnyös Schattenspiele, ihre Aufnahmen der holländischen Künstlerszene, von ihrem Mann, dem Filmemacher John Fernhout und seiner Mutter, Charley Toorop, einer angesehenen expressionistischen Malerin, von Häusern und Stränden. Überraschend ist ihre Vielseitigkeit. Da fixiert 1937 das junge Modell „Narda“ mit trotzigem Blick den Betrachter und sprengt in ihrer geringelten Bluse fast den Rahmen, da leuchtet ein weißer Fensterrahmen gegen das karge Grau der Erde an, da balgen sich Kinder auf der Straße. Besnyö beherrscht nahezu alle Genres: Das Porträt, die Landschaft, die Reportage.

Eva Besnyö, Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, bis 27. Februar 2012, Mi–Mo 10–18 Uhr. Katalog (Hirmer Verlag) 39,90 €.

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