Ausstellung über DDR-Comichelden : Reisefreiheit für die Fantasie

Dig, Dag und Digedag brachten Generationen von DDR-Bürgern zum Lachen - und gingen dabei manchmal an die Grenzen des Erlaubten. Jetzt widmet sich eine Ausstellung den Helden des DDR-Comics "Mosaik".

von
Wer erinnert sich noch an Dig, Dag und Digedag? Den drei kleinen Helden aus dem legendären DDR-Comic "Mosaik von Hannes Hegen" widmet das Museum in der Kulturbrauerei nämlich jetzt seine erste Wechselausstellung. Darunter findet sich auch eine erste Entwurfszeichnung von Johannes Hegenbarth für die kleinen Kobolde aus dem Jahr 1955.Weitere Bilder anzeigen
Foto: © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
12.04.2014 16:19Wer erinnert sich noch an Dig, Dag und Digedag? Den drei kleinen Helden aus dem legendären DDR-Comic "Mosaik von Hannes Hegen"...

Die Legionäre staunten nicht schlecht. Eben haben sie die Stadtmauern Roms noch gegen Angreifer gesichert, da tauchen am antiken Himmel seltsame Vögel auf: An adlerförmigen Fallschirmen segeln abtrünnige Kämpfer des verräterischen Julius Gallus auf die Verteidiger nieder. Die fliegenden Römer, die ihren fantasievollen Angriff auf den Seiten des DDR-Comics Mosaik starteten, ärgerten nicht nur die Verteidiger Roms, sondern auch die Zensoren. Anstoß erregte die Form der Fallschirme: Der römische Adler erinnere zu sehr an das Wappentier der verfeindeten Bundesrepublik.

Dig, Dag, Digedag - DDR-Comic "Mosaik"
Wer erinnert sich noch an Dig, Dag und Digedag? Den drei kleinen Helden aus dem legendären DDR-Comic "Mosaik von Hannes Hegen" widmet das Museum in der Kulturbrauerei nämlich jetzt seine erste Wechselausstellung. Darunter findet sich auch eine erste Entwurfszeichnung von Johannes Hegenbarth für die kleinen Kobolde aus dem Jahr 1955.Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
12.04.2014 16:19Wer erinnert sich noch an Dig, Dag und Digedag? Den drei kleinen Helden aus dem legendären DDR-Comic "Mosaik von Hannes Hegen"...

Wie mit Feder und Retuschier-Pinsel die gezeichneten Fallschirme kurzerhand entpolitisiert wurden, lässt sich anhand von Skizzen nachvollziehen, die in der gerade eröffneten Ausstellung „Dig, Dag und Digedag“ zu sehen sind. Die Episode gilt als Treppenwitz der DDR-Zensur. In der Geschichte der wohl populärsten Helden der Republik ist sie eher eine Ausnahme. Die zeitreisenden Knollennasenkobolde wichen nicht nur äußerlich stark von der sozialistischen Heldennorm ab. Sie waren auch weitgehend ideologiefrei, wenngleich sie gelegentlich aneckten.

Dass es sie überhaupt geben durfte, ist erstaunlich. Comics galten einst als Schmutz und Schund. In Ost wie West verbrannten Jugendschützer und Bildungskonservative die Hefte demonstrativ auf Scheiterhaufen. Galten Comics im Westen als Ursache von Jugendkriminalität und Verrohung, so sah man sie in der DDR als „Gift des Amerikanismus“ vor dem die sozialistische deutsche Jugend bewahrt werden musste. Heute füllt der „Schund“ von einst Museumsvitrinen. Eben erst zog eine Ausstellung im Tiergarten-Museum eine kritische Bilanz des im DDR-Comic vermittelten Geschichtsbildes (Tsp 19.3.), nun widmet sich die Berliner Dependance des Bonner Hauses der Geschichte in der Alten Schmiede der Kulturbrauerei mit 320 Original-Zeichnungen, Dokumenten, unveröffentlichten und zensierten Entwürfen den Digedags.

Erfunden hatte sie 1955 der Zeichner Hannes Hegen. Hinter diesem Pseudonym verbarg sich der 1925 geborene Sudetendeutsche Johannes Hegenbarth. Der gelernte Glasmaler hatte ein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig abgebrochen, als er Anfang der Fünfziger begann, Karikaturen im Dienste der DDR-Propaganda zu zeichnen. Sein erfolgreichstes Projekt, die Mosaik-Hefte im FDJ-eigenen Verlag Junge Welt waren dagegen erstaunlich unpolitisch. Die drei Kobolde Dig, Dag und Digedag reisten darin durch ferne Welten und vergangene Epochen. Sie begleiteten den mittelalterlichen Ritter Runkel von Rübenstein auf Schatzsuche, trafen Piraten in der Südsee, waren in London und Paris und sogar im verfeindeten Amerika – und boten damit wenigstens der Fantasie ein Stück Reisefreiheit. Statt Comics waren allerdings „sozialistische Bildgeschichten“ gewünscht und so wichen die anfänglichen Sprechblasen bald Bildunterschriften, die mitunter gereimt daherkamen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben