Ausstellung von Psychatrieinsassen : Kreativbombe

Die Sammlung Prinzhorn, berühmt für ihre Outsider Art, zeigt 120 Werke in Berlin. Die Surrealisten ließen sich von den Werken nachhaltig beeinflussen.

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Im Blick. Die „Teufelsziege“, eine anonyme Zeichnung von 1926.
Im Blick. Die „Teufelsziege“, eine anonyme Zeichnung von 1926.Foto: Sammlung Prinzhorn

Ein Engel schwebt mit ausgebreiteten Armen im Blau. Doch sein gesichtsloser Kopf gleicht einer Kriegsgranate. Mit der Exaktheit eines technischen Zeichners hat August Natterer um 1911 das Zusammentreffen des Unvereinbaren festgehalten. Ganz so, wie es die Surrealisten später zum Prinzip ihrer unergründlichen Kombinatorik machten. Aber Natterer war kein Künstler, sondern ausgebildeter Elektromechaniker und saß in der Psychiatrie.

Als der junge Arzt Hans Prinzhorn an der Heidelberger Universitätsklinik ab 1919 Zeichnungen Natterers und anderer Anstaltsinsassen in die Hände bekam, war er fasziniert. „Dem Betrachter schwankt irgendwie der Boden unter den Füßen“, befand der promovierte Kunsthistoriker und beschloss, das Material zu sammeln und zu publizieren. Max Ernst hatte das frisch erschienene Buch „Bildnerei der Geisteskranken“ im Gepäck, als er 1922 in Paris eintraf. Dort schlug das reich bebilderte Kompendium ein wie eine Kreativbombe. Die abgedruckten Arbeiten wirkten wie ein Katalysator auf die Fantasieproduktion der Surrealisten.

Carl Lange entdeckte Visionen in seiner Einlegesohle

Die Ausstellung in der Sammlung Scharf-Gerstenberg zeigt nun 120 Werke dieser ungewöhnlichen Kollektion, die sich mit der Idee einer Dependance in Berlin trägt. Die Schau selbst beginnt ganz harmlos. Eine Galerie geschniegelter Porträtköpfe gibt sich als wilhelminische Typenparade mit onduliertem Haar, gewichstem Schnurrbart und Ordensbrust. Kaum merklich verrückt sich das ein oder andere Detail, ein Bart schert aus, eine Hand macht sich selbstständig, und unter der glatten Fassade werden schwer zu bändigende Gegenkräfte spürbar. Ein obsessives Bestreben, Ordnung zu halten, System in die Sache bringen, die Dinge so präzis wie möglich zu gestalten, ist in vielen der ausgestellten Werke zu beobachten. Da wird der Körper geröntgt, vermessen und aufgeschnitten, noch die luftigste Vision und brutalste Metzelei bis in den letzten Schnörkel exakt notiert. Ausgerechnet in seiner rechten Schuheinlegesohle entdeckte Carl Lange seine christlichen Visionen und zeichnete sie säuberlich nach, natürlich im Schuhsohlenformat. Hedwig Wilms häkelte eine Kaffeekanne samt Tablett aus weißem Baumwollgarn, Softart avant la lettre. Serielle Konsequenz bewies Gustav Sievers beim dutzendfachen Wiederholen des immer gleichen Fensterausblicks. Solch stupides Beharren spiegelt aber auch den entsetzlich starren Anstaltsalltag, der viele der lebenslang Internierten irgendwann in Apathie fallen ließ.

Kampf auf Augenhöhe

Die oft winzigen Formate zeugen davon, dass die Schöpfer sich ihr Material meist heimlich, entgegen rigider Vorschriften organisieren mussten. Karl Genzel begann mit Plastiken aus geknetetem Brot, bevor man ihm erlaubte, ein Schnitzmesser in der Zelle zu benutzen. Seine verblüffenden Mischwesen aus Tier, Mensch und Dingwelt sind ein Höhepunkt der Schau. Irgendwo zwischen afrikanischer Stammeskunst, frühem Mittelalter und Expressionismus möchte man sie einordnen, aber sie sind zu eigensinnig, buchstäblich unfassbar. Seine Skulptur „Weib und Mann“, als Janusgestalt zusammengeschweißt aus zwei Körpern, tänzelt als Dämon fröhlich und beängstigend am Ausgang der Ausstellung. 1938 ging das Stück mit der NS-Ausstellung „Entartete Kunst“ auf Deutschlandtournee, als abschreckend gemeintes Vergleichsstück zu den Werken moderner Künstler. Der Künstler Javier Téllez dreht die Sache um: In einer 2012 entstandenen Filminstallation konfrontiert er Genzels Schnitzwerk mit einem muskelbepackten Prometheus des NS-Bildhauers Arno Breker. Ein Kampf mit offenem Ausgang, auf Augenhöhe.

Sammlung Scharf-Gerstenberg, Schloßstr. 70; bis 6. 4., Di–Sa 10–18 Uhr, So 11–18 Uhr