Ausstellung : Wie sag’ ich’s meinen Möpsen?

„Mädchen in Uniform“ war ein Filmhit der Weimarer Republik. Jetzt wird Christa Winsloe wiederentdeckt, die die Vorlage schrieb. Eine Ausstellung im Schwulen Museum Berlin stellt die Autorin und Tierbildhauerin vor.

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Tierfreundin. Die Schriftstellerin Christa Winsloe (1888 – 1944).
Tierfreundin. Die Schriftstellerin Christa Winsloe (1888 – 1944).Foto: Sammlung R. von Gebhardt

„Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos“, hat Loriot in seiner unnachahmlich charmanten Weise einmal gesagt. Und wenn er überdies behauptete, die unförmigen Tierchen vereinten in sich die Vorzüge von Kindern, Katzen, Fröschen und Mäusen, dann waren selbst sehr mopskritische Menschen geneigt, ihm Glauben zu schenken.

Einen ähnlichen Effekt hat die Lektüre der mopsschwärmerischen Texte von Christa Winsloe, einer Geistesverwandten Loriots und Besitzerin mehrerer schwarzer Möpse. Im „Berliner Tageblatt“ schrieb sie 1928 unter der Überschrift „Wie sag’ ich’s meinen Möpsen“ eine liebevoll-witzige Hommage an die Tiere: „Schöne Seelen haben sie, das ist sicher. Sonst haben sie hauptsächlich Bauch, mit vorn und hinten etwas nach Hund hin ambitionierenden Anfangsversuchen.“ Ein gerahmtes Exemplar dieses wunderbaren Textes hängt derzeit im Schwulen Museum, das mit seiner Ausstellung „Mädchen in Uniform – Christa Winsloe (1888–1944)“ zur aktuellen Wiederentdeckung der Autorin beiträgt. Zudem ist kürzlich die Biografie „Meerkatzen, Meißel und das Mädchen Manuela“ von Doris Hermanns erschienen.

Christa Winsloe kam am 23. Dezember 1888 als drittes Kind einer Deutschen und eines Engländers in Darmstadt zur Welt. Als sie elf war, starb ihre Mutter. Der mit der Erziehung überforderte Vater – ein bereits mit 50 Jahren pensionierter Offizier – schickt sie 1903 ins Potsdamer Kaiserin-Augusta-Stift. Dort verbrachte sie zwei albtraumhafte Jahre, die sie später in ihr Theaterstück „Ritter Nérestan“ einfließen ließ. Darin kommt die junge Manuela, deren Mutter gerade gestorben ist, in ein strenges preußisches Internat und verliebt sich in eine Lehrerin. Als diese sie abweist, bringt die Schülerin sich um.

Das nur mit Frauen besetzte Stück hatte im November 1930 in Leipzig Premiere. Es kam gut an, weshalb es im Jahr darauf eine Berliner Neuauflage unter der Regie von Leontine Sagan gab. Der Titel war nun „Gestern und heute“, außerdem wurde ein Sportlehrer hinzuerfunden, so dass neben 20 Frauen auch ein Mann auf der Bühne des Theaters in der Stresemannstraße stand. Dies hoben die Kritiker stets hervor, wie in Zeitungsausschnitten nachzulesen ist, die im Museum ausliegen.

Felix Hollaender prophezeite der Aufführung Erfolg und beschrieb höchst anschaulich ihre Wirkung: „Wer kann widerstehen, wenn ein Rudel Backfische in dem luftigen Schlafsaal sich entkleidet, die nackten noch unentwickelten Brüste, die mageren Schultern zeigt, und trotz allem Gequältsein verliebte Blicke miteinander tauscht, sich heimlich die verbotenen Zigaretten zuwirft und die Reize seiner Frühjugend offenbart?“

Der Rummel um das Theaterstück überraschte Winsloe, die aus München zur Berliner Premiere gekommen war. Und es ging weiter: Carl Froehlich, Leiter der Deutschen Film Gemeinschaft, fragte Leontine Sagan, ob sie auch bei einer Verfilmung des Stückes Regie führen wollte. Sie nahm an, Winsloe schrieb das Drehbuch und so entstand „Mädchen in Uniform“ – eine Art Blockbuster der Weimarer Republik.

Am 27. November 1931 im Berliner Capitol uraufgeführt, gewann der Film ein Jahr später beim Festival von Venedig den Publikumspreis und lief sogar in Japan. „Mit einem Schlag wurde Winsloe weltberühmt – wenn auch nur für kurze Zeit“, schreibt Hermanns über die Autorin, die zwei Jahre später den Roman „Das Mädchen Manuela“ nachschob. Im Buch zum Film, das unlängst neu aufgelegt wurde, fügte sie das tragische Ende wieder ein, denn die zu einem Selbstmordversuch abgemilderte Kinofassung missfiel ihr.

Die von Heike Stange und Wolfgang Theis kuratierte Berliner Ausstellung stellt „Mädchen in Uniform“ mit vielen Fotografien ins Zentrum, wobei auch Géza von Radványis zweite Adaption aus dem Jahr 1958 ausführlich gewürdigt wird. Darin spielte Romy Schneider die Schülerin, Lilli Palmer die von ihr verehrte Elisabeth von Bernburg. Biografische Informationen zu Winsloe gibt es kaum – lediglich auf einem DIN-A4- Blatt sind die wichtigsten Stationen notiert.

Anschaulich wird allerdings Christa Winsloes erste Karriere als Bildhauerin. Sie war auf Tiere spezialisiert und so sind unter anderem eine Murmeltier-Bronze und zwei Skulpturen von Rosettenmeerschweinchen in den Kreuzberger Museumsräumen zu bewundern. Außerdem dokumentieren großformatige Fotos Winsloes Bildhauerarbeiten. Sie liebte Tiere und ließ die ganze erste Etage ihres Hauses in München-Schwabing zu einer Heimstatt für ihre Äffchen, Vögel, Meerkatzen und Meerschweinchen ausbauen.

Winsloe war 1924 nach München zurückgekehrt, wo sie Bildhauerei studiert hatte. Hinter ihr lagen eine Ehe mit dem ungarischen Baron Lajos Hatvany sowie eine kurze Zeit in Berlin. Hier hatte sie – durch die Inflation in Not geraten – begonnen für Illustrierte zu zeichnen und für Zeitungen zu schreiben.

In München gehört Winsloe zur Bohème. Sie ist mit Joachim Ringelnatz, Erich Mühsam und der Familie Mann befreundet. Vor allem mit Erika Mann, die später eine kleine Rolle in „Mädchen in Uniform“ spielen sollte, und Klaus Mann tauscht sie sich aus. Mit den beiden teilt sie die amouröse Offenheit gegenüber dem eigenen Geschlecht. Die gern in Hemd und Schlips auftretende Künstlerin macht keinen Hehl daraus, auch Affären mit Frauen zu haben. Eine ihrer größten Lieben ist die US-amerikanische Journalistin Dorothy Thompson, die die Nazis in ihren Texten schon früh scharf kritisiert. Mit ihr geht Winsloe 1933 in die USA, wo sie für „Harper’s Bazaar“ oder die „Saturday Evening Post“ schreibt. Allerdings benötigt sie stets eine Übersetzerin, da ihr geschriebenes Englisch nicht ausreicht.

Die Sprache ist wohl auch ein Grund dafür, das sie nach einem Jahr in die Heimat zurückgeht. „Ich muss in Deutschland sein. Ich will auch, und es ist keineswegs so schwer, wie man sich das denkt“, schreibt sie an Thompson. Hier irrt die erstaunlich unpolitische Autorin: Sie erhält in Deutschland Publikationsverbot, weil „Mädchen in Uniform“ in einem niederländischen Verlag erscheint, der auch von den Nazis verfemte Autoren druckt. So lebt Winsloe ab1940 im südfranzösischen Cagnes-sur-Mer, wobei sie sich nicht als Exilantin betrachtet. Im Juni 1944 werden sie und ihre Schweizer Lebensgefährtin Simone Gentet bei Cluny erschossen. Man hatte sie wohl für Spioninnen oder Verräterinnen gehalten.

Schwules Museum, bis 4. März., Mi bis Mo 14–18 Uhr, Sa 14–19 Uhr. Doris Hermanns: Meerkatzen, Meißel und das Mädchen Manuela. Die Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe. Aviva Verlag, Berlin, 317 S., 19,90 €. Christa Winsloe: Das Mädchen Manuela. Krug & Schadenberg, Berlin 296 S., 16,90 €

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