Filmkunst-Ausstellung : Das Tosen der Turbinen

Die Filmkünstlerin Hito Steyerl hat im Neuen Berliner Kunstverein (NBK) ihre erste Einzelausstellung in Deutschland. Sie zeigt Videos über Politik, Identität und kulturelle Übersetzungsfehler.

Kolja Reichert
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Starfighter im Anflug. Hitos Steyerls Film "After the Crash" (2009). -Foto: NBK/Jens Ziehe

„Jedes Mal wenn die Wirtschaft abstürzt, geht es uns gut.“ Ein ausrangierter Pilotentyp sitzt in der kalifornischen Wüste in seinem Elektrorollstuhl. Um ihn herum ausgeweidete Jumbojets, die Nasen gebrochen, die Flügel gestutzt. Ein Abwrackunternehmen für Flugzeuge. 3000 Dollar sei ein Wrack wert. Drehe man noch einen Actionfilm damit, bringe es 8000. Und kommt dieses Filmteam aus Deutschland vorbei, wird Kunst draus.

Die Filmkünstlerin Hito Steyerl hat im Neuen Berliner Kunstverein (NBK) ihre erste Einzelausstellung in Deutschland. Im Video „After The Crash“ erscheint der eigenartige Recyclinghof am Ende der Welt als Krisenmetapher, als kaltes Auge eines Wirbelsturms aus Menschen, Schrott und Bildern. Blockbusterszenen zeigen aus dem Gleichgewicht geratene Flugkörper, Ikarusse im Sturzflug. Dazu singt Charlotte Gainsbourg: „We wish you all a very happy flight“. Routine und Katastrophe liegen nur Augenblicke auseinander; unter Wertschöpfungsaspekten sind die Übergänge fließend.

Als Essayfilmerin bekannt geworden, wurde Steyerl in den letzten Jahren zunehmend als Künstlerin entdeckt. Durchbruch war die Documenta 12, als Steyerl jenes Grundfarben-Triptychon aufgriff, mit dem Alexander Rodtschenko 1921 das Ende der Malerei verkündete. Drei Bildschirme zeigten nichts als das Rot der höchsten Terrorwarnstufe in den USA. Im NBK dokumentiert „Red Alert 2“ die Reaktionen des Publikums – allerdings versteckt hinter der raumhohen Leinwand von „After The Crash“, das noch durch die Kopfhörer der älteren, erzählerischen Arbeiten dröhnt.

Bondage in Tokio: Einst arbeitete Hito Steyerl als Modell

In Linz hat Steyerl zum Kulturhauptstadtjahr die Deportationsrouten von Zwangsarbeitern in den Putz eines NS-Gebäudes geritzt. Politik, Identität und Repräsentation ziehen sich durch Steyerls Werk, kulturelle Übersetzungsfehler und die Zirkulation von Bildern. Auch ihrer eigenen. Ihr bewegender Film „November“ ist ein Denkmal für ihre Jugendfreundin Andrea Wolf, mit der sie Bruce-Lee-Filme guckte, dann selbst feministische Martial-Arts-Filme drehte und die sie später ganz real als PKK-Kämpferin in Kurdistan verlor.

Andrea nannte sie sich auch selbst, als sie während ihres Filmstudiums in Tokyo als Bondage-Model jobbte. Zwanzig Jahre später begibt sie sich in „Lovely Andrea“ in Tokyos SM-Szene auf die Suche nach den alten Fesselungsfotos. Das Netz, in dem die Künstlerin sich schließlich als nackte 20-Jährige wiederfindet, beschreibt auch ihre eigene Methode: Assoziativ verknüpft sie ihre unterhaltsamen Recherchen mit Spiderman zwischen den Twin Towers (jene Filmszene, die nach 9/11 verboten wurde) und gefesselten Guantamo-Häftlingen. Das sitzt, gerade weil es so lapidar daherkommt. Man habe es bei den Aufnahmen aus Abu Ghraib und Guantanamo mit „politischem Bondage von ungeahnten Ausmaßen“ zu tun, erklärt Steyerl, die nun an die Kunstakademie Malmö geht, nachdem sie viele Jahre in Berlin an der UdK gelehrt hat. Im Spiel mit den Bildern lockert sie die Knoten zwischen Medieninszenierung und kollektiven Vorstellungen – die Seile, in denen wir alle hängen.

Immer mehr rückt die junge Dolmetscherin in den Mittelpunkt, selbst Fesselungskünstlerin. In der Arbeit „In/Dependance“ sieht man sie drehend auf zwei frei schwebenden Leinwänden, Augen geschlossen, die Haare nach oben fallend, wie eine Blüte auf ihrem Stiel. Steyerl hat die Aufnahmen auf den Kopf gestellt. Die Fesselungsnummer als Befreiung, als Feier der Schwerelosigkeit. Vorne taumeln die Flugzeuge zu Boden, drüben wogen die Bilder der getöteten Freiheitskämpferin Andrea Wolf über der Demonstrantenmenge, und hier kreist jemand friedlich um die eigene Mitte.

- NBK, Chausseestr. 128/129, bis 18. 10., Di-So 12-18 Uhr.

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