Kunst : Öl ist dicker als Blut

Malen statt erben: Der Argentinier Miguel Rothschild baut Triumphbögen aus Kartons.

Daniel Völzke
Rothschild
Guckt traurig, malt ironisch. Miguel Rothschild in seinem Berliner Atelier. -Foto: Mike Wolf

Der Pakt mit dem Teufel, den der verarmte Künstler Miguel Rothschild schloss, hielt nicht lange. Der Versucher erfüllte ihm zwar alle Wünsche: Reichtum, Luxus, eine schöne Frau, eine reizende Stieftochter noch dazu. Endlich konnte Rothschild leben wie ein echter Rothschild. Nur malen konnte er plötzlich nicht mehr. Das Talent war dahin, verloren gegangen zwischen Badmintonspielen im Schlossgarten und dem Nachmittagstee. Also beendete Rothschild den Teufelspakt und zeichnete fortan – arm, aber sexy – auf dem Kurfürstendamm Porträts für Touristen.

Die anderen, die historischen Rothschilds waren Bankiers, Schlossbesitzer, Kaufleute, Erzeuger erlesener Weine. Miguel Rothschild ist Künstler. 43 Jahre alt, aufgewachsen und als Maler ausgebildet in Buenos Aires, wohnhaft in Berlin. Nicht unbedingt verarmt, als Künstler nicht erfolglos. Doch an den Glanz der jüdischen Bankiersdynastie erinnert nur sein Name. In der Diaprojektion „Rothschild fordert sein Erbe ein“ erzählt der Argentinier in 73 Fotografien die schamlos übertriebene Bild-Text-Geschichte vom sozialen Aufstieg und kreativen Absturz des Künstlers Miguel Rothschild. Sie beginnt mit der Überfahrt des Helden nach Europa.

„Mir war langweilig in Argentinien“, sagt Rothschild mit weichem Dialekt. „Buenos Aires ist ein wenig weit weg von der Welt.“ Er sah die Künstler älterer Generationen und befand, dass sie im eigenen Saft schwimmen. Um nicht auch so zu enden, ging er Anfang der neunziger Jahre nach Berlin. Wohin hätte man Anfang der Neunziger auch sonst gehen sollen?

Heute stapeln sich in Rothschild Wohnatelier in Mitte vergangene und zukünftige Projekte, etliche aus Trinkhalmen zusammengesteckte Gebilde, Säulen aus Chipsverpackungen und eine Plexiglasscheibe, in der goldene Nägel und Nadeln stecken. Wie ein Sternenhimmel sieht das aus. Unter der Zimmerdecke schläft ein Kater auf einem Kartonturm, vor den Rechnern sitzen zwei Assistenten aus Spanien und arbeiten an der Umsetzung neuester Ideen.

Nach seiner Ankunft in Berlin hatte Rothschild inmitten des städtischen Aufbruchs seine Liebe zur direkten und schnellen Performance entdeckt. Er studierte als Meisterschüler Rebecca Horns an der Hochschule der Künste und begann, installativ zu arbeiten. Er habe schon lange nach Deutschland gewollt, erklärt Rothschild, dessen Eltern 1933 aus dem Rheinland nach Argentinien emigrierten. Er interessiere sich nämlich brennend für den Deutschen Idealismus und die Romantik. Von wegen Geldgier.

Von seinem Heimatland verabschiedete sich der Argentinier mit einer letzten Ausstellung, sie hieß: „Frauen, die mich wie einen Hund leiden ließen“. Er malte acht großformatige Frauenporträts in schaurig düsteren Farben. Dazu präsentierte er erste installative Elemente: Museal anmutende Tafeln erzählten die Geschichte der jeweiligen Angebeteten. Und mitten in diesem Walhalla des Scheiterns hing das Porträt eines deutschen Schäferhundes – als Selbstbildnis des leidenden Künstlers.

Miguel Rothschild liebt solch eulenspiegelhaftes Wörtlichnehmen. Er ließ sich Blut abnehmen und malte damit Bilder, die von – zwinker, zwinker – seiner künstlerischen Ader zeugen. Das Klischee vom leidenden Künstlergenius (und das vom melancholischen Argentinier gleich mit) parodiert er auch mit seiner Bildgeschichte „Killer Tränen“, die aus 73 Daumenkinos besteht und mit der er 2000 den Karl-Hofer-Preis der Universität der Künste gewann. In diesem Bild-für-BildFilm begründet ein gewisser Miguel Rothschild die angeblich weltberühmte Sad Art, bei der Leinwände von geschossartig austretenden Tränen durchlöchert werden. Im Daumenkinofilm „Die Familie Mustermann“ versucht der Bohemien die Musteridylle einer Musterfamilie zu zerstören, wird aber mustergültig von Meister Proper verprügelt und am Ende von einem IKEA-Tisch aufgefressen. Die kleinen Bücher mit den Daumenkinos präsentierte Rothschild neben selbstgebauten meterhohen Fassaden, die sehr nach Musterhaus aussahen. „Der Künstler wettert gegen dieses künstliche Glück, ist aber eigentlich neidisch“, erläutert Rothschild. Es klingt wie ein Geständnis. Wie zur Bestätigung rekelt sich der Kater im Korb. Die Frau des Künstlers, eine Argentinierin, bringt frischen Kaffee.

Faustische Zerrissenheit wird der Betrachter von Rothschilds Arbeiten trotz der Teufelspakte lange suchen. Eine gewisse Form von Selbstironie liege ihm nahe, gesteht der Künstler ein. Selbstironie, wie man sie bei Woody Allen finde. Rothschild, der eher wie der junge Luis de Funès aussieht, gewinnt den banaleren Aspekten des Künstlerlebens Slapstick-Momente ab. Die Gesetze des Daumenkinos, des Stummfilms und des im Argentinien der sechziger Jahre so populären Fotoromans diktieren den übersteigerten, stereotypen Ausdruck. Die Abhängigkeit von öffentlichen und privaten Geldern oder das paradoxe Buhlen um die Gunst eines Publikums, das sich einen außergewöhnlichen, isolierten, freien Künstler erträumt, werden mit dieser Ironie schon etwas erträglicher.

Immer steht bei Rothschild Trivialstes gegen das Erhabene – daraus entwickelt seine Kunst den Humor. Er baut Triumphbögen aus Lebensmittelkartons, sammelt Alltagswaren und Reklametafeln, die das Wort „Paradies“ enthalten, und präsentiert sie in Leuchtkästen, die sie wie Kirchenfenster strahlen lassen.

Ab September wird in der Ausstellung „Neue Heimat“ in der Berlinischen Galerie ein vier Meter hoher und breiter Polyeder aus Trinkhalmen zu sehen sein. In seiner Form ist er dem Stein nachempfunden, der in Albrecht Dürers Stich „Melencolia I“ als stumme Herausforderung hinter dem trübsinnigen Engel steht. Auch hier lehnt sich das Leichte gegen das Schwere auf, die knallbunten Trinkhalme gegen die Stimmung auf dem Dürerbild, gegen die Last der Kunstgeschichte. „Ich möchte Tragik untragisch darstellen“, sagt Miguel Rothschild. „Ist das Publikum erst durch den Witz und die erzählte Geschichte angelockt, wird es auch Tiefgründigeres in den Arbeiten entdecken.“

Ein Glück für die Kunst, dass Rothschilds Pakt mit dem verführerischen Teufel des Luxuslebens nicht lange hielt. Denn seitdem hat sich der Künstler vom Verführten zum Verführer aufgeschwungen: Mit scheinbaren Oberflächlichkeiten zieht er den Betrachter in die Tiefe.

„Rothschild fordert sein Erbe ein“, bis 9. September im Pergamonmuseum. Der Triumphbogen aus Pappkartons steht im Dom Aquarée, Heiligegeistgasse, Mitte.

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