Ausstellungsreihe der Berliner Festspiele : Quantensprünge in der Kunst

Im Dunkeln tappen und in schwarze Löcher fallen: Die Berliner Festspiele experimentieren mit „Immersion“.

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Computersimulation von Gravitationswellen, die beim Zusammenstoß von zwei Schwarzen Löchern entstehen.
Computersimulation von Gravitationswellen, die beim Zusammenstoß von zwei Schwarzen Löchern entstehen.Foto: Berliner Festspiele

Was Immersion bedeutet, haben die Menschen in Berlin in den letzten Tagen erlebt. Eintauchen, abtauchen, nass werden. Und mitten in der historischen Regenzeit eröffnen die Berliner Festspiele ihre Reihe „Limits of Knowing“ mit unterschiedlichen Beispielen für immersive Kunst. Was das ist? Nicht so leicht zu erklären. Am Anfang steht eine Installation, eine Verbindung von Wissenschaft und Kunst. Sie soll dem Besucher oder Benutzer eine besondere Wahrnehmung des Raums, der eigenen Person, der Zeit ermöglichen. Auf jeden Fall ist eine wortreiche kuratorische Erklärung erforderlich. Immersive Kunst braucht einen Beipackzettel.

Es gibt keine Objekte mehr

Im Gropius-Bau ist nun ein immersiver Parcours eingerichtet. Im „Haptic Field 2.0“ von Chris Salter + Tez geht man in einen Umkleideraum, legt einen mit Sensoren und Vibratoren besetzten Overall an und betritt dann ein dunkles Nebenzimmer. Was man dort wahrnimmt, das ist das Kunstwerk. Objekte gibt es nicht mehr, nur noch Subjekte und ihre technischen Hilfsmittel. Die Vereinzelung des Menschen, ein Phänomen des digitalen Zeitalters, schreitet in dieser Kunst nicht nur fort, sondern sie wird forciert. Die Wahrnehmung bezieht sich auf Unsichtbares.

Gravitationswellen zum Beispiel. Rana X. Adhikari, ein Physikprofessor, hat ein Gerät entwickelt, das die von den Besuchern erzeugten Daten aufzeichnet: Vibrationen, Klänge, Temperatur. Rainer Kohlbergers Raum „Not even nothing can be free of ghosts“ lockt mit stroboskopischem Licht und einem pulsierenden Sound, der von Quantenfluktuation inspiriert sein soll. Man fühlt sich wie im Innern des eigenen Körpers oder auf der Spur der Geschichte des Universums. Ist es das Rauschen der Zeit, der Blick in schwarze Löcher?

Im letzten Herbst schickte Mona El Gammal in einem ehemaligen Fernmeldeamt in Friedrichshain die immersiven Versuchspersonen durch ihren „Rhizomat“. Ein klaustrophobisches Erlebnis. Jetzt kann man in einem „Virtual Reality Experience Space“ den abenteuerlichen Rundgang digital nachvollziehen. Immersive Geschichten brauchen Gimmicks. Hier sind es große Virtual-Reality-Brillen.

Menschen in Mausoleen

Es ist schwer, die Qualität des Immersiven zu beurteilen, da es radikal vom Erlebnis des Einzelnen abhängt und die „Kunstwerke“ nicht fixierbar sind. Bei Rimini Protokoll und dem Projekt „Nachlass“ liegen die Dinge ein wenig anders. Immerhin in kleinen Gruppen kann man die acht Räume erschließen, in denen die Erinnerungen an Menschen wohnen, ihre Stimmen, Fotos, auch ihr Mobiliar. Stefan Kaegi hat diese Menschen in der letzten Zeit ihres Lebens begleitet. Es sind Vermächtnisräume, „Mausoleen des 21. Jahrhunderts“, wie es bei Rimini heißt. Diese Begegnungen, ohne sensorischen Anzug, ohne Hightech-Brille, gehen nahe. Die Räume erreicht man durch einen dunklen Flur, einen Übergang in das Reich der Toten oder noch Lebenden. Insofern war die Arbeit von Rimini Protokoll schon immer immersiv. Sie lässt den Zuschauer eintauchen in ein Menschenleben, eine Arbeitswelt. Immersiv hieße dann intensiv?

Für intensive Theatererlebnisse stehen Vegard Vinge und Ida Müller. Sie eröffnen am 1. Juli am Eichborndamm das Nationaltheater Reinickendorf. Weit draußen, in einer ehemaligen Munitionsfabrik, bauen sie eine Welt aus Ibsens Stücken, vor allem dem „Baumeister Solness“. Es ist das größte Projekt der Immersion. Bis zu zwölf Stunden läuft eine solche Reinickendorfer Nationaltheatervorstellung, und wer vor einigen Jahren Vinges und Müllers „Borkman“ im Volksbühnen-Prater erlebt hat, der weiß: Hier wird nicht gescherzt. Das wird nichts sein für zarte Raumtaster.

Immersion lässt viele Möglichkeiten, viele Fragen offen. Es ist ein Modewort des Kunstbetriebs. Die einen verstehen es als Einengung, die anderen als Erweiterung. Und haben wir nicht alle hundert Mal am Tag immersive Erlebnisse und Störungen, wenn wir mit smarten Telefonen hantieren? Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, sagt, es gehe hier nicht ums Festhalten, sondern eher ums Loslassen ...

„Limits of Knowing“, Martin-Gropius-Bau, bis 31. Juli. „Nationaltheater Reinickendorf“, Vorstellungen bis 30. Juli.

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