Kultur : Autobahnmauthausen

Jude, Unjude, Nochjude? Seit 20 Jahren schreibt die Berlinerin Esther Dischereit über deutsche Identitäten

Katja Reimann

Eins nach dem anderen legt sie ihre Bücher auf den kleinen Cafétisch. Eine Aufsatzsammlung, Romane, Gedichtbände, Publikationen zu Kunstprojekten, die sie betreut hat und, halt, hier noch ein Buch über die Olympischen Spiele 1988 in Seoul, das sie mitverfasst hat. „Südkorea – kein Land für friedliche Spiele“ heißt es. „Ein Thema, das gerade wieder aktuell wird“, sagt Esther Dischereit. China, die weltweiten Proteste. Gedankenverloren blättert sie durch das Buch, legt es zu den anderen, stützt den Kopf mit den dichten dunklen Locken in die Hände.

Esther Dischereit ist Schriftstellerin, sie ist Deutsche, und sie ist Jüdin. Im April 1952 wurde sie in Heppenheim nahe Darmstadt geboren, 1989 zog sie nach Berlin. Ihre Mutter war Jüdin, überlebte die Kriegsjahre gemeinsam mit der älteren Schwester in einem Versteck. „Vielleicht“, so schreibt der Suhrkamp-Verlag, sei Dischereit „die wichtigste deutsch-jüdische Autorin der Nach-Shoa-Generation“.

Noch viel bekannter als in Deutschland ist sie allerdings im Ausland, in Großbritannien und den USA. Dorthin fährt sie zu Lesereisen, Seminaren und Forschungskolloquien, bei denen ihre Texte im Mittelpunkt stehen. Ihr jüngster Kurzgeschichtenband, erschienen im Suhrkamp Verlag, heißt „Der Morgen an dem der Zeitungsträger“ (2007), ihre zweite Gedichtsammlung „Im Toaster steckt eine Scheibe Brot“ (2007).

Sie sei „in jeder Hinsicht widerspenstig zu lesen“, wurde über Dischereit geschrieben. Und das bezieht sich nicht nur auf ihre Sprache, ihren Stil, sondern auch auf ihre Themenwahl; weil sie Dinge beim Namen nennt, die man, hier in Deutschland, „lieber nicht laut ausspricht“. Rose Rosenberg, die Protagonistin ihrer sarkastisch-humorigen Geschichte „Mit Eichmann an der Börse“, ist von Beruf „Wiedergutgemachte“, ihre zweite Tochter aus einer „späteren Verbindung mit einem arischen Mann hervorgegangen“.

Noch immer, so suggeriert Dischereit, arbeiten sich Juden und Deutsche an den gleichen Vorurteilen ab, klammern sich an abgenutzte Begrifflichkeiten: „Trotz der anderen Verhältnisse hatten die Begriffe sich eine Zeit lang hinübergerettet in die Zeiten, für die sie nicht passen sollten, aber die Begriffe weigern sich manchmal zu gehen“, heißt es in dieser Geschichte. „Sekundär-Antisemitismus“, nennt es Esther Dischereit. Als „jüdische Auftragsschreiberin“ sieht sie sich allerdings nicht. Viel eher ist es politische Verantwortung, die sie antreibt. Sie, die in den 60er Jahren kommunistisch organisiert war und sich, als sie in Frankfurt Deutsch, Politik und Sport studierte, bei den Wahlen zum Studentenparlament als Kandidatin für die Roten Zellen aufstellen ließ. Die Folge für die angehende Lehrerin: Berufsverbot. Sie arbeitete als Schriftsetzerin und in antiautoritären Kinderläden.

Esther Dischereit lächelt. Sie ist schon ein wenig stolz darauf, unkonventionell zu sein. Manchmal sind ihre Kurzgeschichten rätselhaft. Dann zeigen sie nur kurze Ausschnitte aus dem Leben von Personen, meist sind es Frauen. In dieses Leben tritt man als Leser ein – und wird nach wenigen Seiten wieder hinausgeworfen, ohne Erklärung, ohne Auflösung. „Ich habe keine Antworten, schlage nichts vor“, sagt Esther Dischereit. Sie beobachte nur, als hätte sie „eine Lupe zur Hand genommen“.

Ein Beispiel ist „Der Morgen an dem der Zeitungsträger“, die Titelgeschichte ihres Kurzgeschichtenbands. Da horcht eine Frau allmorgendlich auf die Schritte des Zeitungsboten vor ihrer Wohnungstür, stellt sich vor, wie er aussehen, was für ein Mensch er sein mag. Als eines Morgens Obst verschwindet, das sie zur Kühlung vor die Tür gelegt hatte, beginnt sie, dem Zeitungsmann kleine Botschaften zu übermitteln, legt sogar Geld für ihn bereit. Zunehmend werden ihre Fantasien erotisch – zum Schluss wartet sie, im Nachthemd und erregt, hinter dem Türspion. Wörter und Sätze wiederholen sich in dieser Geschichte, vermitteln ein Gefühl des Sich-im-Kreis-Drehens. In ihrer Unberührbarkeit, sagt Dischereit, sei die Frau auch ein Synonym für die Gesellschaft der Bundesrepublik, die in ihrer Aufarbeitung der Geschichte, des Holocaust, stagniere. „Der Erinnerungsdiskurs auf Staatsebene ist sehr entfaltet, der persönliche Diskurs nicht.“ Das ist keine Feststellung, sondern ein Vorwurf. Mit ihren Texten stößt Dischereit das Erinnern an, hält all denen, die sich der Reflexion verweigern, den Spiegel vor. Dafür braucht sie, wie im Gedichtband „Im Toaster steckt eine Scheibe Brot“, oft nur ein paar Zeilen: Ich heiße Samuel. / Provozieren Sie immer? Oder: Hinter der Windschutzscheibe geklebt / zahlten und kassierten sie / ,Maut wie Mauthausen’, sagte ich / ,Sie sind geschmacklos“, / sagte der Fahrer. / Der Kassierer nickte.

Jüdisch sein – für Esther Dischereit ist das auch und vor allem ein politischer Zustand. „Wie lebt es sich heute als Jüdin in Deutschland?“ ist eine der Fragen, denen sie nachgeht. Ihre Charaktere sind oft auf Reisen, scheinen nach etwas zu suchen, sei es die eigene Herkunft oder ein Ziel. Sie finden es nicht immer. Was bleibt, ist ein melancholisches Gefühl, als stünde man da, wie die Protagonistin aus „Sein Schweigen im Körper“, mit einem abgebrochenen Zündschlüssel in der Hand: „Sie versuchte sich zu erinnern an die Umstände und die Zeit, zu der sie losgefahren war. Wann war das geschehen? Wo war das gewesen? Wo war sie angekommen?“

Bereits Dischereits erster Roman „Joemis Tisch: Eine jüdische Geschichte“ (1988) enthält auf den Anfangsseiten einen Satz, der einerseits diese Suche und andererseits eine bewusste Entscheidung, einen Selbstentwurf, bezeichnet: „Nach 20 Jahren Unjude will ich wieder Jude werden.“ Ein Satz, der auch an Texte der deutsch-jüdischen Autorin Barbara Honigmann erinnert, die im späten Erwachsenenalter die jüdische Religion für sich (wieder-)entdeckte. Ein Vergleich, den Esther Dischereit nicht leiden kann. Überhaupt empfindet sie es als „ausgesprochen ausgrenzend“, dass in Deutschland deutsch-jüdische Autoren wie sie selbst, Maxim Biller, Honigmann oder Katja Behrens stets in einem Atemzug genannt werden.

Hätte es mit der Veröffentlichung von „Joemis Tisch“ damals nicht auf Anhieb geklappt, dann hätte sie das Schreiben gleich wieder bleiben lassen, sagt Dischereit. Doch Suhrkamp zeigte Interesse, und sie machte weiter, publizierte ihren Roman „Merryn“ (1992) und schrieb bis heute mehr als ein Dutzend zum Teil preisgekrönter Hörspiele. 1998 veröffentlichte sie die Aufsatzsammlung „Übungen jüdisch zu sein“. Ein fast schon programmatischer Titel – auch für ihr eigenes Leben.

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