Autor Norman Manea wird 80 : Der Zeuge

Eine Mann und seine unzähligen Exilerfahrungen: Dem rumänischen Autor Norman Manea zum 80. Geburtstag.

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Autor Norman Manea.
Autor Norman Manea.Foto: Thilo Rückeis

Zeitangaben haben in Rumänien eine vage bis poetische Bedeutung. So ist bei Schiffsreisen die Lautsprecherdurchsage „Sofortige Abfahrt!“ nicht unbedingt wörtlich zu verstehen. Mitte Mai feierte der Verlag Polirom in Bukarest im großen Stil den achtzigsten Geburtstag seines Autors Norman Manea vor. Dessen Prosaband „Oktober, acht Uhr! (Octombrie ora opt) bewahrt auf wundersame Weise das Erbe des rumänischen Surrealismus und ist dabei von einer eigentümlichen Spannung und düsteren Heiterkeit grundiert.

Das 2007 auch auf Deutsch erschienene Buch enthält die Erzählung „Der Pullover“, für deren Abdruck in der Zeitschrift „Akzente“ einst Heinrich Böll sorgte. Es geht um einen ahnungsvollen Jungen in einem Lager „in dieser Einöde am Ende der Welt“, dem das Kleidungsstück zum Symbol für den allgegenwärtigen Tod wird. Dieser Junge war der fünfjährige Norman Manea. Seine jüdische Familie wurde 1941 unter der Antonescu-Diktatur in ein Konzentrationslager nach Transnistrien deportiert, was die Großeltern nicht überlebten. Mit bitterer Ironie nennt er diese Jahre sein „erstes Exil“.

Die Bedrängung des Individuums in Bukarest

Nach Kriegsende folgte die vermeintlich wohlgelittene Rückkehr der Juden in die rumänische Gesellschaft. Der Wasserbauingenieur Manea beteiligte sich zunächst enthusiastisch am kommunistischen „Projekt des universellen Glücks“, bis er die Lügen des Kollektivismus erkannte. Er sezierte sie in der fantastischen Autobiografie „Die Rückkehr des Hooligan“, in Erzählungen wie „Die Trennwand“ oder „Fenster zur Arbeiterklasse“. Sie schildern meisterlich die Bedrängung des Individuums in Bukarest, dem „Riesenkörper eines stöhnenden Sauriers“.

1981 beklagte Manea in einem Interview den schwelenden Nationalismus und Antisemitismus, was ihn in der zutiefst amoralischen Diktatur des „großen Stotterers“ Ceausescu endgültig zum Staatsfeind machte. 1986 begab er sich mit seiner Frau Cella über West-Berlin ins zweite Exil nach New York. Als er Ende Mai in der Rumänischen Botschaft mit dem hohen Orden „Stern Rumäniens“ geehrt wurde, dankte Norman Manea im sanften Deutsch der Bukowina, das er in seiner Geburtsstadt Suceava von einem eigenen Hauslehrer gelernt hatte, Berlin für die Freiheit und die Liebenswürdigkeit, die ihm damals als DAAD-Stipendiaten erwiesen worden sei.

Das Exil sieht er als "dramatische Enteignung"

„Wir sind alle im Exil“ (Hanser) heißt sein jüngstes Buch, das Essays von 1989 bis 2015 versammelt. Bis heute schreibt Manea, der am New Yorker Bard College Europäische Studien lehrt, in seiner Muttersprache, die er mit sich trägt wie eine Schnecke ihr Gehäuse; das Englische empfindet er als „Mietsprache“. Im Campus-Roman „Die Höhle“ (2012) über Rankünen in der rumänischen Exilgemeinde verschmolz er erstmals osteuropäischen Sarkasmus mit amerikanischer Leichtigkeit. Dennoch sieht er das Exil auch als „dramatische Enteignung“, wie er 2011 in der Dankesrede zum Nelly-Sachs-Preis sagte.

Ab September will sich der große Schriftsteller, Europäer und Zeitzeuge zweier Diktaturen Adelbert von Chamisso widmen – in Berlin, das Norman Manea wie stets mit seinem verschmitzten Humor bezirzen wird. Zu seinem 80. Geburtstag am heutigen Dienstag gehen die herzlichsten Glückwünsche nach New York.

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