Kultur : "Baise-moi": "Viel Fleisch und Blut"

Nadine Lange

Die beiden schienen ein bisschen gefährlich zu sein: Abweisendes Auftreten, harte Sprache und große Trinkfestigkeit wird den jungen Frauen bescheinigt. Und jetzt sitzen sie in ihren kuscheligen Wollpullis auf der Sofakante, trinken Wasser und Tomatensaft und schauen ein bisschen müde aus. Ungeschminkte Gesichter. Das sind also Virginie Despentes und Coralie Trinh Thi, die mit ihrem Film "Baise-moi" in Frankreich einen Skandal ausgelöst und zum ersten Mal seit zwanzig Jahren die Zensur herausgefordert haben. Auf Festivals gab es vor den Kinos Tumulte, zu viele Menschen wollten in ihren Film. Auch in den Zeitungen wurde heftig gestritten. "Wir haben wirklich nicht gedacht, dass wir so eine Aufregung verursachen würden," sagt Virginie Despentes. Vielleicht liegt es an ihrem sympathischen Tonfall oder an ihrer erstaunlichen Unbedarftheit, dass man ihr aufrichtig glauben möchte. Und beruht "Baise-moi" nicht auf ihrem Debütroman, nach dessen Veröffentlichung alles ruhig geblieben war? Er wurde weder verboten noch angegriffen. Wieso also sollte die Verfilmung zu einer Provokation werden?

Zwingend war das nicht. Das Buch, das in der deutschen Übersetzung den Titel "Wölfe fangen" trägt, schildert den Amoklauf von zwei jungen Frauen, die genug von der Männergewalt haben und zurückschlagen - wild, wahllos und grausam. Auch Frauen und ein Kind werden ihr Opfer. Zwischendurch schnappen sie sich ein paar Männer - für kurzen Sex.

Der letzte Tabubruch

Aus diesem Stoff hätte vieles werden können, etwa eine Hardcore-Version von "Thelma and Louise". Doch es wurde deutlich mehr: Virginie Despentes tat sich mit der in Frankreich sehr bekannten Pornodarstellerin Coralie Trinh Thi zusammen und schrieb mit ihr in nur einer Woche das Drehbuch. Für Despentes, die sich gerne Pornofilme ansieht und früher in einer Peepshow arbeitete, mag die offene Darstellung von Genitalien und Penetrationen nichts besonderes sein und für die erst 24-jährige Coralie Trinh Thi schon gar nicht, aber im Mainstream-Kino ist sie einer der letzten Tabubrüche. Man kann eigentlich nicht so naiv sein, die Folgen dieser Übertretung nicht abschätzen zu wollen.

Vieles deutet jedoch darauf hin, dass die Macherinnen sich über die Wirkung ihrer Mittel wenig Gedanken machten. So ist für die Beiden im Vergleich zum Buch keine Akzentverschiebung vom Gewaltätigen hin zum Sexuellen zu erkennen. "Man kann die Sexszenen nachzählen, es sind nicht mehr," betonen sie. Dass nicht allein die Anzahl, sondern vor allem die Inszenierungsart über die Wirkung entscheidet, scheint ihnen nicht in den Sinn zu kommen. Auch dass schießende Frauen im Kino längst nicht so ungewöhnlich sind wie explizite Sexszenen, steht nicht auf ihrer Rechnung.

Recht arglos sprechen sie über den Höhepunkt von "Baise-moi" - das Massaker im Swinger-Club, das es im Buch nicht gibt. Sie wollten am Ende noch mal "viel Fleisch und Blut" haben, erzählt Coralie Trinh Thi lachend. Sie hatte die Idee für diese Szene. Ihre Partnerin fand es schlicht lustig, an einem derart erbärmlichen Ort ein sadistisches Gemetzel zu veranstalten. Einfach machen, nicht viel nachdenken - das scheint die Devise für diesen auf Videomaterial gedrehten Film gewesen zu sein. Er ist aus dem Bauch heraus entstanden und nicht aus dem Kopf. Das gibt Virginie Despentes in ihrer offenen Art auch ohne Umschweife zu: "Baise-moi ist deshalb so roh geworden, weil mir für vieles die Worte und die Erklärungen fehlen," sagt sie.

Feministinnen sind Krieger

So kann der Film als eine physische Reaktion verstanden werden, als ein schriller Schrei gegen Gewalt an Frauen. Die Macherinnen sehen sich selbst als Avantgarde eines "kriegerischen Feminismus". Darunter verstehen sie folgendes: Frauen bitten Männer nicht mehr, weniger gewalttätig zu sein, sondern stellen sich der Gewalt. Sie nehmen sie als gegeben an und gehen damit um. Außerdem wolle man im Gegensatz zu den früheren Feministinnen "den Sex nicht länger ausschließen, sondern mitnehmen," sagt Coralie Trinh Thi.

Mitgenommen haben sie den Sex in ihren Film tatsächlich. Allerdings ohne ihn zu überprüfen oder gar zu verändern: Die Pornodarstellerinnen in den beiden Hauprollen stimulieren auf ganz konventionelle Weise männliches Begehren. So entpuppt sich das instinktive Filmemachen als eine Falle. Dabei war die Schriftstellerin Virginie Despentes schon einmal weiter. In ihrem Roman, ist Nadine dick und Manu trashig. Ihnen ist völlig egal wie sie auf Männer wirken. Sie sind jenseits aller Grenzen - zu Tieren verwandelte Frauen. Mit solchen Frauen wäre "Baise-moi" ein wirklich gefährlicher Film geworden.

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