Band zum 250. Geburtstag der Salonière Henriette Herz : Im Herzen von Berlin

Die legendäre Salonière Henriette Herz empfing bei sich die schreibenden Hipster der frühen Romantik. In einem neu aufgelegten Band werden ihre Erinnerungen wieder lebendig.

Tobias Schwartz
Henriette Herz: Erinnerungen, Briefe und Zeugnisse.
Henriette Herz: Erinnerungen, Briefe und Zeugnisse. Andere Bibliothek, Berlin 2014. 675 Seiten, 40 €.Foto: Die Andere Bibliothek

Die Berliner Salonkultur ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Das möchte man insbesondere dann sagen, wenn man des 250. Geburtstages von Henriette Herz gedenkt. Die legendäre Salonière empfing bei sich in der Spandauer Straße 35 und danach in der Neuen Friedrichstraße (heute Littenstraße) zahllose literarische Größen der frühen Romantik und späten Goethezeit, darunter Schleiermacher, Madame de Stael, Tieck, die Brüder Humboldt, kurz: so gut wie alle schreibenden Hipster ihrer Epoche. Friedrich Schlegel traf in ihrem Salon Dorothea Veit, die Tochter Moses Mendelssohns, die er dann heiratete.

Nostalgie ist bei diesem Gedenken allerdings nicht angebracht. Denn die frühe Networkerin war eher Optimistin (auch wenn sie als Schriftstellerin nie reüssieren konnte) und eine veritable Idealistin, die als solche nicht nur Frucht ihrer Zeit, sondern selbst ein Zentrum des geistigen Lebens in der von der Aufklärung geprägten preußischen Metropole war.

„Wer den Gendarmenmarkt und Madame Herz nicht gesehen hat, hat Berlin nicht gesehen ...“, hieß es über die Konkurrentin Rahel Varnhagens, einer anderen Salon-Gastgeberin jener Jahrzehnte. Erst 2000 wurde nach Herz ein Platz nahe des Hackeschen Marktes benannt. Ihr Grab auf dem Friedhof am Halleschen Tor, das ein von Schinkel entworfenes Kreuz ziert, ist Ehrengrabstätte des Landes Berlin.

Neuer Band mit Erinnerungen, Briefen und Zeugnissen

Lebendig werden Henriette Herz und ihr Salonleben in einem lange vergriffenen, aber jetzt wieder neu aufgelegten Band der Anderen Bibliothek, der ihre Erinnerungen und auch die wenigen überlieferten Briefe enthält. Einen Großteil ihrer Korrespondenz hatte die am 5. September 1764 in Berlin geborene und 1847 auch hier verstorbene Tochter des Mediziners Benjamin de Lemos, Direktor des jüdischen Krankenhauses, und Frau des um einiges älteren Arztes Marcus Herz, eines Lessing-Freundes, vernichtet.

Foto: promo

An deren Stelle stehen nun eindrucksvolle Briefe von Zeitgenossen. Henriette Herz kannte sie alle, ob Goethe, Schiller oder auch Jean Paul („Er wohnte damals in einem ziemlich obskuren Wirts- oder eigentlich Kaffeehause, ja das vulgäre Wort ‚Kneipe’ möchte für dasselbe das bezeichnendste Wort gewesen sein“). Und sie war stolz auf ihre Bekanntschaften – so wie Berlin stolz auf diese schillernde Persönlichkeit ist. Tobias Schwartz

Henriette Herz: Erinnerungen, Briefe und Zeugnisse. Andere Bibliothek, Berlin 2014. 675 Seiten, 40 €.

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