Kultur : Bangemachen gilt nicht

Das Werkleitz-Festival in Halle empfiehlt Kunststücke gegen die Angst

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Herr Schmidt verrichtet sein Tagwerk wie immer. Nur dass er dieses Mal für die Sache der Kunst tätig wird, wenn er mit einem scharfen Messer einen Keil unter die Rinde des Zweigs schnitzt und einen anderen Zweig hineinsteckt, das Ganze mit einem Band umwickelt und Wachs um die Schnittstellen schmiert. Er hat einen Apfelbaum veredelt – Ella Ziegler hatte den Baumschulexperten darum gebeten. Sie ist Aktionskünstlerin, hat in Tschechien Edelreiser besorgt, die nun an den Baum auf einer Wiese in einer Neubausiedlung von Halle gepfropft wurden. Die Natur als Sinnbild für Einwanderung und Integration. Oder auch nicht. Mal sehen, ob sich Knospen zeigen.

Die Veredelung ist Teil eines mehrteiligen Kunstprojekts beim Werkleitz-Festival in Halle. Das steht in diesem Jahr unter dem Motto „Angst hat große Augen“ und will herausfinden, wie Ängste entstehen. Wie gehen Menschen mit ihr um, welche Rolle spielt sie in der Gesellschaft? Hat der Apfelbaum Angst vor einem Ast aus Tschechien? Die Gärtner plagt allenfalls die Sorge, ob der angestückelte Ast einen Schimmelpilz trägt oder ein Dieb einen Zweig der langjährig gehegten Züchtung abzwickt. Ein bisschen zu idyllisch kommt die Haus-und-Garten-Aktion daher. Ella Ziegler will in der überhitzten Integrationsdebatte offenbar Wogen glätten. Angst hat auch viel mit Einbildung zu tun.

Weil in Halle nicht das große Geld sitzt, überlegt sich die Werkleitz-Gesellschaft für jedes Festival neue Kooperationen und Herangehensweisen. 1993 als Förderverein für Film- und Medienkunst von drei Studenten der Braunschweiger Kunsthochschule gegründet, öffnet sie sich in diesem Jahr anderen Kunstformen. Leiter Daniel Herrmann holt sich zur Unterstützung das Berliner Kuratorenteam „KUNSTrePUBILK“ dazu – es organisiert Kunst im öffentlichen Raum. So bespielen die fünf Künstler in Berlin-Mitte etwa eine Brachfläche an der Kommandantenstraße, Ecke Alte Jakobstraße, den sogenannten Skulpturenpark.

Für Werkleitz haben die Berliner Aktionen von acht Künstlern nach Halle gebracht, die bereits mehr oder weniger versteckt in und um Halle herum sichtbar werden. Im Stillen zunächst, die Ergebnisse werden dann im Lauf des Festivals bis in den Oktober hinein dokumentiert. Am Sonnabend durfte eine Gruppe von Berlinern mit dem Reisebus aber bereits einige Stationen abfahren. Wir besuchen nicht nur Ella Ziegler auf der Streuobstwiese, sondern auch den Amerikaner Steven Rowell am Ortsrand von Görzig bei Bitterfeld in einem alten Trafohäuschen, in dem die Stasi seit den 70er Jahren Anrufe nach Westberlin mithörte. Rowell will ebenfalls lauschen, aber vor allem den Geräuschen der Region. Zurzeit sammelt er Sounds von alten Industrieanlagen, Bauernhöfen und Baggerseen, die man später in der Abhöranlage abspielen kann. Auch bei ihm verpufft jede Angst.

Die Künstlerin Antje Schiffers wiederum begibt sich gern in Situationen, die ihr fremd sind. Sie mischt sich unter deutsche Bauern, mexikanische Bergdorfbewohner oder Werksmitarbeiter von Großkonzernen. Für ihre Werkleitz-Aktion hat sie zusammen mit dem Künstler Thomas Sprenger drei Ortskundige gebeten, sich dreitägige Wanderungen durch die Gegend auszudenken. Auf die Reise geschickt werden in den nächsten Monaten drei Testpersonen, denen die Region vollständig fremd ist. Sie sollen das Fürchten lernen.

Eigentlich ein spannendes, märchenhaftes Unterfangen. Auf die Reisegruppe aus Berlin wartet denn auch eine junge Frau, die gerade von ihrer Tour durch das ehemalige Braunkohlerevier rund um Merseburg zurückkehrt ist. Leider hatte sie kaum Zeit, darüber nachzudenken, was sie berichten soll. Dabei war sie tatsächlich auf Furcht gestoßen – in Gesprächen mit den Einheimischen über den Strukturwandel und die ungewisse Zukunft für die Region.

Schon 2009 hatte das Festival mit einer Schau europäischer Stipendiaten internationales Flair nach Halle geholt. Beim diesjährigen Programm aber gewinnt man bisher den Eindruck, dass die Künstler in eine ihnen fremde Gegend und Kultur einfallen. Die großen Augen, Symbol für den ängstlichen Blick, stehen hier eher für ein naives Staunen. Aber es stehen ja noch weitere Aktionen auf dem Festivalkalender, Arbeiten von Henrik Schrat, Folke Köbberling und Martin Kaltwasser. Und die New Yorker Gruppe Critical Art Ensemble will im Oktober auf einer Brache in Halle eine Bombe zünden.

Auf dem Rückweg nach Berlin bricht Marcel Schwierin ein Tabu. Während der Fahrt zeigt er amerikanische Aufklärungsfilme über Autounfälle. Und dann rauscht auch noch ein „Runter vom Gas“-Plakat am Fenster vorbei. Schwierin arbeitet unter anderem bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen und für die Transmediale in Berlin. Für Halle wird er ein fünftägiges Programm zusammenstellen, vom Kurzfilm bis zur Doku. Ein japanischer Stummfilm von 1926 ist dabei, über einen Mann, der seine Frau aus dem Irrenhaus holen will und selbst nicht mehr hinauskommt. Ein intimes Bekenntnis der Regisseurin Valeria Gaia Germanica zu ihrem kriminellen Neffen und der trinkenden Mutter. Und die Werbung von Kupferberg Gold aus den zwanziger Jahren, die davon erzählt, wie eine überraschende Sekt-Lieferung einen Mann davon abhält, Selbstmord zu begehen. Ist Alkohol also doch eine Lösung? Davon kriegt man aber eher kleine Augen.

Werkleitz-Festival Halle: bis Oktober. Filmprogramm 12. - 17. 10. www.angsthatgrosseaugen.de

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