Kultur : Basta Berlusconi Beppe Grillos bewegender Auftritt in Berlin

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Vor der Halle verteilen sie Flugblätter. „Referendum am 12. Juni“ steht darauf: „Vier mal Ja!“ In knapp zwei Wochen können die Italiener abstimmen: über die Atomkraft, die Privatisierung ihrer Wasserversorgung und die Immunität von Regierungsmitgliedern. Aber die italienischen Medien schweigen die Volksabstimmung tot. Weil die Medien Ministerpräsident Berlusconi gehören oder von den Konzernen kontrolliert werden, wird Beppe Grillo später sagen. Und im ausverkauften Fritzclub ohrenbetäubenden Applaus ernten. Da klebt dem 63-Jährigen das schwarze Hemd schon wie ein nasser Lappen am fülligen Leib und seine grauen Haare wirbeln wie ein Wischmob.

Beppe Grillo, Italiens bekanntester Komiker und Politaktivist, ist auf Europatournee. In Berlin tigert er zwei Stunden lang durch die Zuschauerreihen, brüllt, raunt, packt einen Besucher bei den Ohren und sprudelt über vor scharfem Witz und Anklagen gegen die rückständige und kriminelle italienische Politik. Einer Dramaturgie folgt der Auftritt nicht. Die Themen reichen von der Müllmafia über das Greisenalter italienischer Politiker bis hin zum Schnellzug Turin-Lyon, bei dessen Bau Milliarden von Euro versenkt werden.

Die italienischen Kommunalwahlen, die Berlusconi am Montag krachend verlor, behandelt Grillo jedoch nur am Rande. Berlusconi, „der Zwerg“, wäre ein zu leichtes Fressen für ihn; und die Auseinandersetzung mit der Parteienpolitik hält er für Zeitverschwendung. Grillo will keinen Marsch durch die Institutionen antreten – er will an ihnen vorbeimarschieren. Der Genueser ruft die europäische Jugend auf, der gescheiterten EU ein Europa des common sense entgegenzusetzen. Und er erzählt die unfassbare Geschichte von der westfälischen Kartoffel, die 8000 Kilometer durch Europa gekarrt wird, bevor man aus ihr Pommes frites macht.

Wer aber meint, hier schimpfe ein einsamer Nörgler, kennt Grillo nicht. Er war TV-Komiker bis er in den Neunzigern wegen Kritik an der Regierung mit Auftrittsverbot belegt wurde. Seitdem spricht er auf den Plätzen Italiens, und Zehntausende kommen, weil Grillo die Kunst der öffentlichen Rede wie kein zweiter beherrscht. 2007 veranstaltete er den Vaffanculo Day, den Leck-mich-am-Arsch- Tag: Anderthalb Millionen Menschen zeigten damals Italiens Politikern den Mittelfinger. Zudem nutzt Grillo die neuen Medien. Sein Blog gehört zu den meistgeklickten der Welt. Der zweite Teil der Show besteht denn auch in der Vorführung neuer Web-Seiten und intelligenter Technik.

In Berlin, wo fast nur Italiener zur Grillo-Show gekommen sind (sie wird nicht ins Deutsche übersetzt), sagt er: „Ich beneide euch um eure Stadt. Berlin ist frei.“ Er meint nicht die Libertinage, sondern den Nahverkehr. Diese Bewegungsfreiheit gebe es in Italien nicht. Das Land entspreche nicht mehr den Vorstellungen, die man sich in Deutschland so gerne von ihm mache: Dolce Vita? Pustekuchen. Stattdessen hätten die Italiener die Banken, den Faschismus und die Mafia erfunden. Philipp Lichterbeck

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