Kultur : Bauhaus Dessau: Das schicke Bapperl zur Vermarktung einer alten Stadt

Michael Zajonz

Wenn Visionäre Unternehmer werden, ist die Geschäftsidee oft ihrer Zeit voraus. Wo sich unternehmerisch denkende Politiker auf solche Visionäre berufen, kann utopisches Potential schnell zum Anlass gründlicher Mißverständnisse werden. Jüngstes Beispiel: Bauhaus Dessau. Dort bildete sich im vergangenen Jahr eine Partnerschaft aus Stadtverwaltung, Designzentrum Sachsen-Anhalt und Bauhaus-Stiftung, um das von der Stadt Dessau beantragte Warenzeichen "bauhausdessau" zu beleben (Tsp 10. 2.). Vorausgegangen war die Entdeckung eines Vertrages, mit dem der letzte Direktor der Kunst- und Designschule, Ludwig Mies van der Rohe, Verwertungsrechte der Entwürfe 1934 an Dessau abgetreten hatte. Sollte diesem Dokument rechtliche Qualität zugesprochen werden - demnächst beginnt am Landgericht Düsseldorf ein Verfahren, in dem zwei Firmen um die Rechte an einem Hocker von Marcel Breuer streiten - dürfte der Markt für Bauhaus-Repliken durcheinander geraten. Das Magdeburger Wirtschaftsministerium gab schon mal eine Recherche nach Design-Entwürfen der Dessauer Jahre 1925 - 32 in Auftrag, die in Sachsen-Anhalt produziert werden könnten.

Der kommerzielle Charakter des Projektes bewog nun Peter Hahn, Direktor des Berliner Bauhaus-Archivs, dem beauftragten Design-Zentrum Sachsen-Anhalt weitere Nachforschungen in seinem Haus vorläufig zu untersagen. Das Tochterunternehmen der Stadt Dessau und der dortigen Sparkasse solle zunächst ein "Vertragsangebot bezüglich der beabsichtigten wirtschaftlichen Nutzung der in Berlin befindlichen Bauhaus-Objekte" unterbreiten. Gegen regionale Mittelstandsförderung kann auch Hahn nichts einwenden, solange für die Aufarbeitung des gemeinsamen Erbes höchste wissenschaftliche Standards gelten.

Wie authentisch müssen Repliken überhaupt sein? Ein Blick auf die seit 1930 von Thonet produzierten Freischwinger Marcel Breuers zeigt, dass konstruktive Details und eingesetzte Verfahren - so die umweltbelastende Vernickelung - mehrfach abgewandelt wurden. Die Grenze zwischen Modifizierung und Verfälschung ist unscharf. Auch Marion Diwo vom Design-Zentrum verweist auf "marketingbedingtes Redesign", wie Abweichungen von Abmessungen des historischen Vorbilds. Hahns diesbezügliche Bedenken allerdings scheint sie als nachrangig zu betrachten: "Herr Hahn will Geld sehen".

Gibt es überhaupt genügend "unbekanntes Bauhaus"? Noch im Januar war am Design-Zentrum von 250 möglichen Entwürfen die Rede, eine Erwartung, die an den drei musealen Bauhaus-Sammlungen - neben Dessau und Berlin die Kunstsammlungen zu Weimar - gedämpft wird. Michael Siebenbrodt, Leiter des Bauhaus-Museums in Weimar, kann sich maximal 20 geeignete Objekte vorstellen. Fraglos zu mager, um ein neues Label unter prestigeträchtigem Namen zu starten. Da verlockt es, zeitgenössische Produkte in die Marke einzubeziehen. Etikettenschwindel wittern Kritiker wie Hahn; eine Neubelebung des Bauhausgedankens versprechen sich die Projektpartner.

Gerade zwei Mal wurde das neue Label an zeitgenössische Produktlinien bislang vergeben. So wirkt die Kritik an den postmoderen Eskapaden einer ortsansässigen Stahlwarenfirma - etwa eine Pfeffermühle mit aufgesetzter Kugel - vorschnell. Über Geschmack lässt sich streiten. Doch wird das Bauhaus-Bapperl künftigen Besuchern des Dessauer Museumsshops eine Orientierung bieten? Variable Textzusätze sollen die neuen Produkte kennzeichnen. Dabei dürften Bezeichnungen wie "edition anhalt" oder "edition 2000" für Verwirrung sorgen.

Hahns Strenge erwächst aus langjähriger Erfahrung. Einzig die zurückhaltende Vergabe der eigenen Marke "original bauhaus modell" sichert dem Sortiment der Bauhaus-Archiv GmbH überregionalen Ruf. Auch in Berlin erwirbt der Kunde des Museumsshops Zeitgenössisches - freilich ohne das Versprechen irgendeiner Bauhaustradition. Die Marke wird an Repliken vergeben, deren Vorbilder nebenan in der Sammlung stehen. Auch in Weimar wurden hauseigene Keramiken Otto Lindigs reproduziert, ohne dass man weiterreichende Ambitionen hegt. Das Dessauer Projekt hingegen zielt letztlich auf ein Stadtmarketing-Konzept unter Bauhaus-Flagge. Holger Platz, Bürgermeister von Dessau und Vertreter der Stadt im Verwaltungsrat des Design-Zentrums, spricht denn auch von einer "wichtigen Schicksalsgemeinschaft" der drei Projektpartner. Die Stiftung Bauhaus Dessau wird ihr ganzes wissenschaftliches Renommee einbringen müssen, um die Einwände der Kritiker zu entkräften.

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