Baumeister der neuen Volksbühne : Ein Dorf für die Welt

Wie man in Zukunft bauen kann: Der Berliner Architekt Francis Kéré in einer beispielhaften Ausstellung der TU München

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Schule der Einfachheit: Francis Kérè
Schule der Einfachheit: Francis KérèFoto: TU München

Wann gibt es das schon: Ein Architekturstudent, immerhin kurz vor dem Diplom, gewinnt den renommierten Aga-Khan- Preis, einen von sieben gleichgewichtigen – ex aequo –, die alle drei Jahre von einer jeweils neu zusammengesetzten Jury für Bauvorhaben in der islamischen Welt vergeben werden.

Das hat es tatsächlich gegeben, im Jahr 2004, als Diébédo Francis Kéré kurz vor seinem Abschluss an der Technischen Universität  Berlin den Preis zugesprochen bekam, für einen Schulbau im Dorf Gando im westafrikanischen Staat Burkina Faso.

Mit der Auszeichnung wurde Kéré bekannt, durch seine daraufhin einsetzende rege Vortrags- und bald auch Ausstellungstätigkeit berühmt, und mittlerweile ist er als Architekt des neuen Parlamentsgebäudes in Ouagadougou, der Hauptstadt des Landes, vorgesehen. Seines Landes: Kéré wurde 1965 in Gando geboren, dorthin kehrte er zurück, um mit den Kenntnissen des angehenden Architekten mit Berliner Ausbildung von Ende 2000 an in sieben Monaten eine Grundschule zu bauen. Die Grundschule, denn vorher gab es keine in dem 3000-Einwohner-Dorf, wie überhaupt die Schulbesuchsquote und damit auch die Alphabetisierungsrate im Land noch immer unter fünfzig Prozent beträgt.

Damit ist im Kern alles gesagt über Kéré. Über seine Fähigkeit als Baumeister, seine Verwurzelung in der Heimat, sein soziales Engagement – denn das Geld für den Schulbau organisierte er selbst – und das Charisma, das ihm eigen ist. Einen anderen Charismatiker traf er im Jahr 2008, den Allroundkünstler Christoph Schlingensief, mit dem er die Idee eines „Operndorfes“ 30 Kilometer vor Ouagadougou entwickelte, das auch nach Schlingensiefs Tod weiterverfolgt wird. Mit Erfolg: Kéré war klug genug, als erste Bauten des Komplexes diejenigen für Bildung und Gesundheitsversorgung zu realisieren, die nun locker verstreut inmitten der roterdigen Savanne stehen, wie es der landestypischen Siedlungsweise entspricht, und von den Menschen in den umliegenden Dörfern gern angenommen werden.

Lehm ist ein fantastischer Baustoff

„Die Kunst ist im besten Fall ein Organismus, der sich mit dem Leben verbindet“, hat Schlingensief gesagt. Ob es das von ihm imaginierte „Festspielhaus“ eines Tages geben wird, steht in den Sternen; das Projekt ist nach wie vor auf Spenden angewiesen. Inzwischen konnte Kéré zahlreiche Projekte in Westafrika verwirklichen. Zugleich hofft er, in anderen Ländern und nicht zuletzt in Deutschland nach Wettbewerbserfolgen tätig zu werden. Seine Projekte ausgestellt hat er bereits mehrfach. Nun ist München an der Reihe. Das Architekturmuseum der dortigen TU unter Leitung von Andres Lepik, das ihm eine schöne Präsentation in seinen Räumen der Pinakothek der Moderne ausrichtet.

Ihr Titel lautet „Radically Simple“, und das ist natürlich Programm. Kéré transplantiert keine industriellen Bauweisen und Materialien in seine arme Heimat, sondern entdeckt den Reichtum des Landes für seine Bauten. Dieser Reichtum ist der Lehm, der sich zu haltbaren – und mit wenigen Prozent Zement angereichert, noch haltbareren – Ziegeln formen lässt und aus dem sein berühmtes Schulgebäude in Gando errichtet ist. Als Schutzhaut gegen die gleißende Sonne und ihre Hitze ist Wellblech über das eigentlich Dach gespannt, sodass der Zwischenraum als natürliche Lüftung dient.

Francis Kéré lebt seit 30 Jahren überwiegend in Berlin

Solche schlichten, aber alles andere als primitiven Lösungen findet Kéré, der seit 30 Jahren überwiegend in Berlin lebt und hier auch sein Architekturbüro unterhält, bei all seinen Bauten. Es darf auch mal Stahlbeton sein, aus dem das konstruktive Gerüst größerer Bauten errichtet wird, im Einzelfall – wie beim Restaurant im Nationalpark von Bamako (Mali) – baut er sogar eine Klimaanlage ein. Das wie ein Hügel sanft auf sieben Geschosse ansteigende Parlamentsgebäude, das er für Ouagadougou plant, wird gewiss nicht aus Lehm erbaut werden, aber auf seinen breit gelagerten Terrassen landwirtschaftliche Parzellen gewissermaßen als Anschauungsmaterial aufnehmen.

Die Ausstellung in München hat Kéré mitgestaltet. Sie folgt in ihrem Aufbau seinem Lebensweg vom subsaharischen Dorf über die europäische Fremde, den Austausch, die Heimkehr bis zur internationalen Wirkung und Würdigung, deren Teil die Münchner Präsentation selbst ist. Das ist äußerst geschmackvoll arrangiert, mit entrindeten Stämmen am Eingang („Wald“) über die ungebrannten Lehmziegel seiner Heimat, die Modelle von Projekten „Beyond Village/Hinaus in die Welt“ bis zum von ihm gegründeten Verein „Schulbausteine für Gando“.

Gäbe es Schinkels wiedererrichtete Bauakademie, die Ausstellung müsste sofort nach Berlin weiterwandern

Kéré baut nicht heimattümelnd; ersatzweise wird neuerdings das aus dem Englischen etwas holprig übernommene Adjektiv „vernakulär“ verwendet. Beispielhaft sei das Architekturzentrum in der malischen Stadt Mopti von 2010 herangezogen. In Sichtweite der berühmten, aus Lehm erbauten Moschee stehen die eingeschossigen Pavillons dieser Lehr- und Forschungsanstalt, errichtet aus den erwähnten zementgestärkten Lehmziegeln und überdeckt von einer zweischaligen Konstruktion aus Stahlstäben mit einer Haut aus dünnem Blech, die zum Schutz gegen die Witterung weit übersteht. Die Räume sind mit ganz flachen Tonnengewölben zwischen metallenen Trägern überdeckt. Wandhohe Fenster-Flügeltüren in metallenen Rahmen unterbrechen die rötlichen Wände, und ein niedriger Sockel hebt die Gebäude leicht über die umgebenden Grasflächen heraus. Der ganze Komplex, so der Katalog, sei Werbung „für die in der Subsahara noch immer weitverbreitete, aber nicht sehr angesehenen traditionelle Lehmbauweise“.

Nicht zuletzt darin liegt das Verdienst der Architektur von Francis Kéré: die herkömmlichen Fertigkeiten zu stärken, weiterzuentwickeln und ihre Tauglichkeit für die klimatischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen seines Landes und der ganzen Großregion unter Beweis zu stellen.

Gäbe es Schinkels Bauakademie, die Münchner Ausstellung müsste sofort hierher weiterwandern. Stattdessen soll es in Berlin bald ein Bauwerk geben: das temporäre Theater, das Chris Dercon auf dem Flughafengelände Tempelhof für die Volksbühne errichten will. Damit kehrt dann auch Francis Kéré dorthin zurück, wo sein Freund Christoph Schlingensief einmal seine Theatergeschichte begann.

München, Architekturmuseum der TU in der Pinakothek der Moderne, bis 26. Februar. Katalog bei Hatje Cantz, 34,80 €. – Infos unter www.architekturmuseum.de

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