Bayreuther Festspiele : Wahnfried vor Gericht

Gesungene Dialektik der Aufklärung: Barrie Kosky eröffnet mit einer umjubelten Inszenierung von Wagners „Meistersingern“ die Bayreuther Festspiele.

Der dreifache Richard. Klaus Florian Vogt als Stolzing, Daniel Behle als David und Michael Volle als Hans Sachs (v.l.). Und alle drei als Wagner.
Der dreifache Richard. Klaus Florian Vogt als Stolzing, Daniel Behle als David und Michael Volle als Hans Sachs (v.l.). Und alle...Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Ein Pogrom in Bayreuth, das gab’s noch nie. Jedenfalls nicht im Festspielhaus. Barrie Kosky lässt die Prügelszene am Ende des zweiten Aufzugs vollends ausarten. Nürnbergs Bürger, angetan in Mittelalterroben, sprich: das deutsche Volk zeigt seine antisemitische Fratze und trampelt den armen Beckmesser fast zu Tode. Der setzt sich seinerseits eine „Stürmer“-Judenfratze auf, hüpft, trippelt und windet sich, ein Sündenbockstanz unter den Augen der Öffentlichkeit. Und während Philippe Jordan im Graben das ansonsten ungemein feinnervige Orchester zum Tumult animiert, füllt bald dieselbe Fratze als gigantischer Kopf-Ballon die Bühne, der zum Lied des Nachtwächters gleich wieder in sich zusammenfällt.

Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“, das deutscheste seiner Stücke, Hitlers Lieblingsmusik, Reichsparteitags- und Durchhalte-Oper auf dem Grünen Hügel zum Kriegsende, es ist ein unmögliches, teils unerträgliches, teils unwiderstehliches Werk. Krachende Komödie, Nationalpathosschleuder, Utopie, Dystopie, kritische Selbstreflexion des musikalischen Handwerks und der Hybris, die Wagner zu eigen war. Es wäre grundfalsch zu sagen, dass der Australier Barrie Kosky, der erste jüdische Regisseur in Bayreuth überhaupt, sich von all den widersprüchlich schillernden Aspekten der „Meistersinger“ lediglich Wagners Antisemitismus vornimmt.

Die Fratze dominiert nur einen kurzen Moment die Bühne, überdeutlich, es geht nicht anders. Denn erstens arbeitet Wagner in den „Meistersingern“ selbst mit den Mitteln der Überzeichnung, und zweitens gehört der Ballon wenigstens einmal groß aufgeblasen, weil die NS-Verstrickung des Wagner- Clans und der Festspiele eben hier in Bayreuth viel zu lange kleingeredet wurde. Ausführlich hatte sie bisher nur Stefan Herheim im „Parsifal“ von 2008 auf dem Grünen Hügel thematisiert.

Diese am Ende umjubelten „Meistersinger“ sind ein Ereignis. Weil Kosky Wagner-Biografie und -Musik kurzschließt, dass die Funken sprühen. Weil er die Partitur bis in einzelne Noten durchdringt, sie zudem mit ihrer Rezeptionsgeschichte auflädt und mit der Gegenwart samt ihren aktuellen Nationalismen und Ausgrenzungsmechanismen. Oper at its best: Familienaufstellung und Phantasmagorie, Manie und Magie, Kasperletheater, Verführungskunst, Traumaforschung. Man sieht, was man hört, ist betört, verstört.

Michael Volle als Sachs: ein zerrissener, hochkomplexer Charakter

Was nicht zuletzt an den Sängerdarstellern liegt und an Koskys Personenführung, für die der Intendant der Komischen Oper auch in Berlin gerühmt wird. Allen voran: Johannes Martin Kränzle als Beckmesser (über ihn später mehr) und Michael Volle als Hans Sachs, dem das Nachdenken, sprich: das Hadern mit dem Schuster- und dem Komponistenleben die Stimme moduliert. Sein souveräner Bariton wechselt unentwegt die Register: väterliche Autorität, Selbstsucht, Häme, Verschlagenheit, Sehnsucht, Triebverzicht, die Wut über die Brutalität der Welt – ein zerrissener, hochkomplexer Charakter. Sein Wahn-Monolog wird zum Bekenntnis eines verzweifelten, mit sich selbst ringenden Künstlers, gesungene Dialektik der Aufklärung.

Überhaupt hat man ein derart spielfreudiges Wagner-Ensemble lange nicht in Bayreuth gesehen. Klaus Florian Vogt entwickelt als bewährt jugendlicher Walther von Stolzing nach der Lehrstunde bei Sachs im Preislied Innigkeit und Anmut, weit über den metallisch blitzenden Schönklang seines Strahletenors hinaus. Daniel Behle gibt einen charmant-frechen David, Wiebke Lehmkuhl eine beseelte Magdalene, Günther Groissböcks leiht seinen souverän-geschmeidigen Bass Vater Pogner. Lediglich Anne Schwanewilms als Eva bleibt etwas eindimensional, spitzig, kühl. Aber ihnen allen ist die Lust anzusehen, einmal natürlich, intelligent und differenziert agieren zu dürfen- Wobei man fast jedes Wort versteht, anders als bei Katharina Wagners „Meistersingern“ 2007.

Es beginnt burlesk. Während Philippe Jordan schon dem Vorspiel allen Pomp und das Besserwisserische austreibt, das Tempo anzieht und die Lautstärke drosselt – Wagner duftig wie Mozart, befremdet wie Mahler –, gibt der Vorhang den Blick frei auf das Wohnzimmer von Haus Wahnfried. Guckkastenbühne, Puppenstube, die Wagners privat. Der Meister empfängt Pakete mit Preziosen aus Paris und einen Cosima-Ölschinken, selbige sitzt mit Migräne in der Ecke, ihr Vater Franz Liszt klimpert mit dem Schwiegersohn vierhändig auf dem Klavier herum, und bei der christlichen Familienandacht wird Gast Hermann Levi zum Beten genötigt. Levi, Uraufführungsdirigent des „Parsifal“, wurde von Wagner als Musiker geschätzt und als Jude gedemütigt, zur Taufe gedrängt – ein schreckliches Paradox. Alsbald steigen viele Wagners aus dem Klavier.

Die Musik, ein Alter Ego. Sachs, Ritter von Stolzing, der Geselle David, in ihnen allen steckt Richard W. Gemeinsam geben sie nun die „Meistersinger“ als Heim- und Vexierspiel in Wahnfried, mit dem Patriarchen Wagner als Sachs, seiner jungen Gattin Cosima als hippelige Eva, Levi als Beckmesser und Liszt als Pogner. Die Puppenstube verschwindet schließlich im Bühnenhintergrund.

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