Kultur : Bei Aufruf Mord

Schwarze Familienfarce: „Leg ihn um“.

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Die Ausgangsidee wirkt wie ein umgedrehter „König Lear“, mit einem abdankenden Herrscher, der sich zum Opfer der Nachgeborenen macht. Ein moribunder Patriarch stellt seinen vier erwachsenen Kindern, die er allesamt für „Pack“ und „Versager“ hält, ein Ultimatum. Wer ihn innerhalb einer Woche umbringt, erbt Villa, Geld und Firma. Ansonsten geht alles – da gibt sich der lebensmüde Unternehmer ganz soldatisch – an die Kriegsgräberfürsorge. „Leg ihn um“ lautet wie in einem Italowestern der Titel von Jan Georg Schüttes schwarzer Familienkomödie.

Und so, wie Hans-Michael Rehberg den Greis spielt, mit geradezu nussknackermäßiger Bärbeißigkeit, ist sofort klar, dass seine von Oliver Sauer, Stephan Schad, Susanne Wolff und Pheline Roggan dargestellten Nachkommen schon immer einen schweren Stand gehabt haben müssen. Sie tun erst entrüstet, lassen sich dann doch auf das Spiel ein und schmieden Mordpläne, aber jeder Anschlag endet im Slapstick. Eine Wildschweinfalle versagt, die vergifteten Buletten landen im Müll, und selbst der Plastiktütensex, für den sich die Schwiegertochter hergibt, führt nicht zu sofortigem Herzstillstand, sondern zum ultimativen Liebesrausch. Verdammt zäh, der Alte.

Die Idee zu seinem zweiten Kinofilm hatte Schütte bei seiner eigenen Familienaufstellung. Es gab kein festes Drehbuch, Handlung und Dialoge entwickelte der Regisseur gemeinsam mit den Schauspielern, die zum großen Teil schon bei seinem Erstling „Die Glücklichen“ dabei waren. Der Humor, der in der Improvisation entstand, ist trocken und norddeutsch, die Mischung aus Lakonie und Groteske erinnert an die frühen Werke von Detlev Buck und die Filme von Lars Jessen („Am Tag, als Bobby Ewing starb“, „Dorfpunks“). Manche der Figuren, die sich im Gutshaus des Patriarchen zum finalen – so der Untertitel – „Familienfest“ versammeln, verrutscht in die Karikatur, mitunter verliert sich der Plot in Verästelungen. Doch ähnlich böse und komisch sind die Neurosen einer Sippschaft im deutschen Kino schon lange nicht mehr vorgeführt worden. Wunderbar die Szene, als der Vater die Lebensgefährtin des Sohnes kennenlernt. Genau gesagt ist es der Lebensgefährte, eine Dragqueen im Transenfummel. „Das ist meine Freundin“, sagt der Sohn. Und Hans-Michael Rehberg, das Vatermonster im Endstadium, richtet seinen Oberkörper im Sterbebett auf und entgegnet: „Toll. Ich dachte schon, du bist schwul.“ Christian Schröder

Acud, Babylon Mitte

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