Beltracchi im Filmporträt : Klassiker aus dem Handgelenk

„Die Kunst der Fälschung“: Der Dokumentarfilmer Arne Birkenstock porträtiert den Meisterfälscher Wolfgang Beltracchi. Tagsüber darf er ins sein Atelier. Abends muss er zurück in die Kölner Justizvollzugsanstalt.

von
Viel Wirbel. Wolfgang Beltracchi im Hof seines Kölner Ateliers.
Viel Wirbel. Wolfgang Beltracchi im Hof seines Kölner Ateliers.Foto: Senator

Der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi genießt durch seine jüngsten Buchveröffentlichungen gerade wieder reichlich Aufmerksamkeit, auch wenn das auf einem Missverständnis beruht. Beltracchi ist keineswegs jener sympathische Floh im internationalen Kunstpelz, den viele in ihm sehen. In Arne Birkenstocks Dokumentarfilm wird genau das deutlich, und so ist jeder Verdacht der Befangenheit schnell vom Tisch. Der Vater des Filmemachers, der Rechtsanwalt Reinhard Birkenstock, hatte den 2011 verurteilten Fälscher vor Gericht verteidigt.

Bundesweit ist „Beltracchi – Die Kunst der Fälschung“ ab Donnerstag in 15 Kinos zu sehen, nicht wenig für einen Dokumentarfilm. Den Maler muss es trotzdem schmerzen, angesichts der Zuschauerquoten vorangegangener Talkshows und TVInterviews. Beltracchi, das zeigt sich bei jedem öffentlichen Auftritt, ist eitel und selbstverliebt. Er soll denn auch unzufrieden sein mit seiner 90-minütigen (Selbst-)Darstellung im Film. Der demontiert den 63-Jährigen allerdings so leise und sukzessiv, dass es dem Zuschauer zunächst fast entgeht. Etwa wenn der Fälscher sich vehement dagegen wehrt, dass die Idee das eigentliche geistige Kapital eines Künstlers sei. Befragt von Henry Keazor, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Heidelberg, insistiert Beltracchi auf den handwerklichen Qualitäten, die man allein mitbringen müsse.

Davon hat er reichlich, wie er im Film immer wieder demonstriert: Ein Bild von Max Ernst ahmt er im Atelier in Windeseile nach. Wenn die Kamera dann aber im Hintergrund die neuen, originalen Beltracchis erfasst, von denen der Fälscher mit seiner Lebensgefährtin Helene künftig leben will, wird sofort klar, wie eklektisch ein Handwerk bleibt, dem kein Einfall zur Seite steht. Dass Keazor Beltracchi nicht angreift oder verbal in die Enge drängt, hat einen Grund: Der Film ist keine Inquisition.

Birkenstock deckt Widersprüche und Unwahrheiten vielmehr mit den Mitteln der Montage auf. Da entrüstet sich Auktionator Henrik Hanstein zu Beginn derart über das Fälscherpaar, dass er sich ausnahmsweise „die Scharia“ als Basis einer Rechtsprechung wünscht. Kein Wunder, schließlich wurde 2006 in seinem Kölner Haus das Gemälde „Rotes Bild mit Pferden“ von Heinrich Campendonk für 2,88 Millionen Euro versteigert. Anschließend stellte sich heraus, dass es sich um nur eine von über 70 Fälschungen aus der Werkstatt Beltracchis handelte. Hanstein wurde vor Gericht mit in die finanzielle Verantwortung genommen.

Später im Film stellt sich jene Genfer Kunsthändlerin der Kamera, die auf einer Expertise für ihren Campendonk-Käufer bestand und so die Sache ins Rollen brachte. Hanstein, sagt sie, habe schon Jahre zuvor Bekanntschaft mit den Beltracchis gemacht, die ihm ein Bild mit vager Provenienz anboten. Als dessen Echtheit in Zweifel stand, zog sich das Auktionshaus zurück. Wieso, fragt sich der Zuschauer, hat Hanstein dem Paar danach noch vertraut? Der Film steckt voller unbequemer Querverweise zur Frage, weshalb sich der Kunstbetrieb derart narren ließ. Das macht ihn sehenswert. Was fehlt, sind aufschlussreiche Informationen zu den Umständen des Drehs. Zum Beispiel der Hinweis darauf, dass die Filmarbeiten nur möglich waren, weil Beltracchi als Freigänger der Kölner Justizvollzugsanstalt tagsüber in sein Atelier darf. Oder darauf, dass die im Film präsentierten Reichtümer der Beltracchis sich längst in Gläubigerhand befinden.

Respekt zollt Birkenstock dem Fälscher dennoch – nicht für seine Arbeit, sondern für den seltsam unbeirrten Kurs, der ihn gleichzeitig neureich und Hippie sein ließ. Es ist ein alternativer Lebensentwurf der speziellen Art, über den man sich gleichermaßen empören wie wundern kann. Verblüffend, dass solch eine Nischenexistenz überhaupt noch möglich ist. Christiane Meixner

Ab Donnerstag im Babylon Kreuzberg, Capitol, Delphi, FT am Friedrichshain, Hackesche Höfe, International, Kant Kino

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben