Berlin-Krimi : Auf ein Bier ins Nasse Dreieck

Volker Kutscher hat für seine historischen Berlin-Krimis einen Kultkommissar erfunden. Gereon Rath ermittelt jetzt zum vierten Mal. Eine Spurensuche.

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Der Potsdamer Platz 1930. Im runden Haus im Hintergrund Haus Vaterland.
Der Potsdamer Platz 1930. Im runden Haus im Hintergrund Haus Vaterland.Foto: bpk



Fünf Tote bei politischen Auseinandersetzungen – das ist die Bilanz eines Berliner Wochenendes im Jahr 1932. Gereon Rath, Kommissar der Mordkommission, beobachtet den Straßenterror der Nazi- Schlägertrupps. Er hat keine Vorstellung, wohin der Wahnsinn führen wird. Angst macht ihm das aber nicht. Rath hört von der Gleichschaltung Preußens und der Absetzung des Polizeipräsidenten. Doch dass die Nazis kurz davor sind, die Macht zu übernehmen, sieht er nicht kommen.

Gereon Rath ist jung, er ist ein passionierter Polizist, er weiß sich zu wehren. In Volker Kutschers Roman „Die Akte Vaterland“ hat er seinen vierten Fall zu lösen. Er ist Demokrat, doch was die Politiker der Weimarer Republik veranstalten, die Papens, Schleichers und Hitlers, hält er für ein undurchschaubares, irres Spiel, das mit seinem Leben und mit der Weltstadt, in der er arbeitet, nur oberflächlich zu tun hat. Er ist noch immer durchgekommen, dieser Gereon Rath.

Der Mordfall, den er aufklären soll, hat ihn gepackt. Ein Spirituosenhändler mit Beziehung nach Masuren ist tot. Er geht um Geschäfte mit gepanschtem Alkohol und die traurig-tragischen Folgen einer Liebesgeschichte. Rath geht auf Dienstreise in eine Landschaft, die heute zu Polen gehört – für Volker Kutscher, den Erfinder des Kommissars, bietet das eine Gelegenheit, um zu erzählen, wie die Gefühle der einfachen Leute in den Weimarer Jahren zu Politik werden.

Mit Gereon Rath, dem Exilkölner in der deutschen Hauptstadt, hat der Kölner Autor Volker Kutscher einen spannenden Durchschnittsmenschen geschaffen. Rath erlebt den Untergang der Weimarer Republik so, wie viele das Ende der ersten deutschen Demokratie empfunden haben werden: mit einer Mischung aus Zynismus und Ungeduld. Weil dieser Polizist von Politfinessen nichts wissen will, eignet er sich so gut, um zu erzählen, wie Armut, Gewalt und Terror das Lebensgefühl in einer großen Stadt verändern und wie aus einem liberalen Staat ein autoritäres Regime wird.

Im Gespräch sagt Volker Kutscher, dass er noch einiges vorhat mit dem Kommissar und mit dessen Verlobter Charlotte „Charly“ Ritter und anderen Bewohner der wilden Stadt in Preußen. Mindestens bis zu den Olympischen Spielen von 1936 will er an und mit Rath zeigen, wie Deutschland zur Diktatur geworden ist. Kutscher glaubt, dass die Entwicklung von der Weimarer Republik zum Dritten Reich „keine zwangsläufige“ war, wie er sagt. Wenn der Autor, der zum Recherchieren öfter mal nach Berlin kommt, über seinen Helden spricht, wird deutlich, dass er große Sympathien für die Weimarer Republik hat, ohne sie jedoch zu verklären.

Deutschland war damals auf dem schnellsten Weg in moderne Zeiten. Charlotte Ritter, Raths Geliebte, lebt die Möglichkeiten, die junge Frauen damals hatten, mit einem Selbstgefühl und einem Selbstbewusstsein, das an die Gegenwart erinnert. Als künftige Kindsmutter lässt sie sich von dem patriarchalisch geprägten Kommissar nicht verplanen, auch wenn sie dessen Wohnung am Steinplatz im eleganten Westen schätzen lernt. Charlotte studiert monatelang in Paris und kommt derart elegant gekleidet von dort zurück, dass man sich sogar in der damaligen Modemetropole Berlin nach ihr umsieht.

Es sind vor allem die charakterstarken Romanhelden, mit denen der 1962 geborene Kutscher den Lesern eine längst verwehte Zeit so nahe bringt, als wäre sie jüngste Vergangenheit. Man meint einen mit Geruchs- und Geschmacks-Applikationen versehenen Schwarz-Weiß-Film zu sehen, so detailliert beschreibt Kutscher die Atmosphäre – egal ob Rath in den Kellerlokalen mit schönen Transvestiten zu tun hat oder mit Verbrechern aus den kriminellen Ringvereinen.

Berlin ist für Kutschers Untergangs-Erzählung die Folie, der Aktionsraum, in dem Geschichte passiert; die Verbrechen, die Gereon Rath aufzuklären hat, passen in die Zeit und die politischen Verwicklungen. Cool schlägt Volker Kutscher, ein freundlicher, uneitler Mann mit einem offenen Gesicht, den Bogen zum finsteren James Ellroy, um auszudrücken, wie wichtig im Atmosphäre ist: Auf Ellroys Romanen klebten auch nicht die Etiketten „Los Angeles“ und „Klassik“, um sie besser vermarkten zu können. Genauso wenig gehe es ihm in den Rath-Geschichten nur um das historische Berlin und das Genre Krimi.

Die bislang vier Romane, angefangen mit „Der nasse Fisch“ wurden alle auf Anhieb Bestseller. Sie nehmen die Leser mit in eine Zeit, in der man am Anhalter Bahnhof aus dem Zug stieg, die große Stadt auf sich wirken ließ, um dann, wie die Touristen heute, zum Potsdamer Platz zu ziehen. Dort lag das Haus Vaterland „wie ein gestrandeter Vergnügungsdampfer“, schreibt Kutscher im vierten Rath-Roman über das Gebäude, in dem sich rund ein Dutzend verschiedener Lokale befanden: „In seinen ersten Berliner Tagen hatte Rath in der Rheinterrasse so etwas wie Heimat zu finden versucht, dann aber festgestellt, dass es hier nur viel zu süßen Wein gab und kitschige Rheinromantik. Zu Berlins viel beschworenem Weltstadtflair, an das vor allem die Berliner selbst glaubten und die Touristen aus der Provinz, die voller Staunen auf die glitzernde Stadt schauten, hatte das Etablissement jedenfalls nicht viel beizusteuern, da hatten die mondänen Bars im Westen wie Femina oder Kakadu eindeutig mehr zu bieten, jedenfalls für Raths Geschmack.“

Kutscher kennt die Stadt seit den frühen achtziger Jahren. Er ist gerne hier, doch der aktuelle Hype lässt ihn kalt – er fühlt sich Köln verbunden. Die Berliner von damals beschreibt er mit spöttischer Sympathie – so weit waren und sind sie innerlich von dem Kölner auch nicht entfernt. Den vier Romanen merkt man an, dass Kutscher den verflogenen Geruch der Kohleheizungszeiten noch mitbekommen hat, dass er viele Kilometer über Pflastersteinstraßen und Granitplattengehwege gegangen ist. Und dass er Sinn hat für die proletarisch-soziale Prägung der Stadt und bestimmter Kieze. Kommissar Rath wohnt zunächst in Kreuzberg und geht mit Kollegen ins Nasse Dreieck, um Bier und Korn zu trinken und zu rauchen. Er hat sein Büro im Polizeipräsidium am Alexanderplatz, er geht mittags auf ein paar Frikadellen samt Bier zu Aschinger und lässt sich vom Leiter der Mordkommission Ernst Gennat (den es wirklich gab) Kuchen auf den Teller häufen, während man einen Mordfall bespricht. Manchmal, erzählt Kutscher, stelle er sich heute an eine Straßenecke und betrachte den Ort mit den Augen von Gereon Rath.

Das Schreiben und Recherchieren hat Kutscher bei einer Kölner Zeitung gelernt. Nebenher verfasste er zunächst Regionalkrimis, bis der Film „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ ihn dazu inspirierte, seinen bekanntesten Polizisten zu erfinden. Einige persönliche Vorlieben machen ihm das Schreiben leichter. Die Neue Sachlichkeit, die Mode, die Autos von damals, das gefalle ihm, sagt Kutscher. Man merkt es. Gereon Rath ist ein eleganter Mann, aber auch ein zwiespältiger Charakter, dessen Art der Verbrechensbekämpfung ein wenig an einsame Helden aus Humphrey-Bogart-Krimis erinnert. Dass Rath keine Angst vor den halbseidenen und kriminellen Milieus hat, dass er wegen einer alten, tödlich verlaufenen Geschichte erpressbar ist, macht ihn zu einem interessanten, zwiespältigen Typen. Man kann schon jetzt gespannt sein, wie es ihm gehen wird, wenn die Nazis erst an der Macht sind.

Volker Kutscher: Die Akte Vaterland. Gereon Raths vierter Fall. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2012. 564 Seiten, 19,99 €. Volker Kutscher, 49, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Wuppertal und Köln. Vor fünf Jahren erschien sein erster Gereon-Rath-Krimi „Der nasse Fisch“. Kutscher lebt in Köln.

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