Berlin-Tagebuch von Viktor Martinowitsch : Ein Weißrusse am Wannsee

Der Schriftsteller Viktor Martinowitschs war zu Gast beim Literarischen Colloquium Berlin. Wie er die Stadt erlebte, auf Radwegen oder im Tiergarten, und was ein Stadtplan mit Karma zu tun hat, lesen Sie in seinem Tagebuch.

Viktor Martinowitsch
Die Schriftsteller Viktor Martinowitsch (sitzend) und Gerard Donovan (stehend).
Unterwegs zur nie erreichten Pfaueninsel: Die Schriftsteller Viktor Martinowitsch (sitzend) und Gerard Donovan (stehend).Foto: Chung Wenyin

Auf der Wiese vor der Villa, die unsere Schriftstellergemeinschaft beherbergt, stehen eine 200-jährige Eiche und eine riesige Platane, deren Alter ich nicht einmal schätzen kann. Der dunkle, raue Stamm der Eiche und die helle, ganz in Ocker gescheckte Platane lassen mich unwillkürlich denken, wie unmöglich so etwas in unserem postsowjetischen Kontext wäre. Wer würde zwei alte, in ihr Zwiegespräch vertiefte Bäume hoch über einem Seeufer erhalten?

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Am Wannsee kam eine feine alte Dame auf mich zu, gekleidet wie Roman Abramowitschs Mutter. Sie verblüffte mich nicht wenig, als sie mich um Geld bat. Ich ertastete eine 50-Cent-Münze in meiner Manteltasche und gab sie ihr mit den Worten: „Sie werden entschuldigen, ich habe nicht mehr, ich bin Schriftsteller.“ Sie nahm die Münze würdevoll entgegen, nickte erhaben und erwiderte: „Ich bin auch Schriftstellerin. Aber besser als Sie, ich habe nämlich keine 50 Cent.“

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Der schrecklichste Ort der Stadt ist das Mahnmal für die ermordeten Juden. Beim Betreten trägst du noch ein schiefes Grinsen im Gesicht – man hat schließlich schon anderes gesehen. Du schlenderst umher, und die glatten Betonplatten werden größer und größer, wie deine Angst. Die Erde sinkt unmerklich ein, und du gerätst in einen licht- und luftleeren Wald, ohne dass du sagen könntest, ab welchem Punkt das Ganze nicht mehr lächerlich war. Ich verabscheue meine Angst, deshalb bin ich mitten in der Nacht hierher gekommen und in das schwärzeste Schwarz gegangen. Dann begann der Teufelsspuk – da waren plötzlich kleine Kinder, die sich in der bleiernen Stille in einer mir unbekannten Sprache etwas zuwisperten und immer wieder hinter den Platten hervorlugten. Panisch stürzte ich zum Ausgang, als hoch über mir, von einem Betonblock zum nächsten springend, eine Horde Teenager vorüberzog.

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"Sind Sie Dichter?" - "Nein, ich bin Schrifsteller!"

Erste Begegnung mit der taiwanischen Schriftstellerin Chung Wenyin. Sie: „Viktor, sind Sie ein Dichter?“ Ich: „Nein! Nein! Wo denken Sie hin! Ich bin Schriftsteller!“ Der Ire Gerard Donovan, der die Szene verfolgt hat, kämpft mit einem zehnminütigen Lachanfall. Er krümmt sich regelrecht vor Lachen. Immer wieder fängt er an: „Are you a poet? No! I’m a writer!“ Schließlich bekommt er japsend heraus, dass ich meinen Platz in der Literaturgeschichte sicher hätte mit diesem Spruch. Und er ergänzt, er hätte genauso geantwortet. Dabei habe ich seine Prosa gelesen – seine Beschreibungen sind erfüllt von reiner, hoher Poesie.

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Wenyins Name bedeutet so viel wie Literatur oder Stimme. Eine Zukunft als Romancière war ihr in die Wiege gelegt. Sie erinnert mich an Maggie Cheung, die Lieblingsdarstellerin von Wong Kar-Wai. Dieselbe Halspartie, derselbe Gang. Wenn sie ihr Gegenüber nicht versteht, eine Gesprächspause sich zu lange hinzieht oder sie nicht weiß, wie sie eine komplexe Empfindung ausdrücken soll, lacht sie.

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Hundert Meter vom LCB entfernt, steht eine von Friedrich Drake geschaffene Marmorstatue. Eine Muse, eine Göttin, vielleicht auch Bismarck. Nein, Bismarck steht 50 Meter näher am Wasser, also unbedingt eine Muse. Alle Finger der rechten Hand sind abgeschlagen. Deshalb gilt sie den Schriftstellern im Haus als Denkmal des Kritikers.

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Unterwegs zur Pfaueninsel

Mit Gerard und Wenyin unterwegs zur Pfaueninsel. Wir finden sie nicht, dafür beschreibt uns Gerard ausführlich, wie es sich anfühlt, wenn du deinen ersten Tantiemen-Scheck für deine in Deutschland übers Jahr verkauften Bücher bekommst. Gerard ist toll. Longlist des Man Booker. Nobelpreis in Reichweite. Wenyin hat ein schönes Foto von uns beiden gemacht - und da heißt es, die Schwarz-Weiß-Fotografie sei am Aussterben.

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Habe Viktor Pelewin gesehen. Ein wahrhaft inniges Gespräch zweier überzeugter Radfahrer.

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Jeden Tag fünf bis sechs Stunden spazieren, so denkt es sich am besten. Meine Wege sind meist spontan - ich markiere mir einen Punkt im Stadtplan, schlendere dorthin, trinke einen Kaffee und lasse mich weiter treiben. Ständig zieht es mich in den Tiergarten, zwischen seinen Bäumen und Bänken komme ich zu mir. Mir ist aufgefallen, dass hier in der Innenstadt auf den Spielplätzen überhaupt keine Kinder zu sehen sind. Wahrscheinlich sitzen sie zu Hause und eignen sich die Gadgets an, die sie von ihren Eltern bekommen haben; aber auf den Karussells oder den schönen, stabilen Schaukeln sitzen nur nachdenkliche, einsame Erwachsene, die von dort einen Blick in die eigene Kindheit zu werfen scheinen.

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