Berlinale 2015 : Der Eröffnungsfilm: "Nobody Wants the Night"

Startschuss mit Schauwert: Der Berlinale-Eröffnungsfilm "Nobody Wants the Night" hat eine resolute Regisseurin, eine großartige Hauptdarstellerin - und ein bisschen viel Mystik.

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Aufgetaut. Rinko Kikuchi und Juliette Binoche.
Aufgetaut. Rinko Kikuchi und Juliette Binoche.Foto: Reuters/Stefanie Loos

Wenn es keinen Weg gibt, dann bahn’ dir einen! Der Spruch stammt von Robert Peary, der vor gut 100 Jahren als Nordpol- Entdecker Ruhm erlangte – obwohl er wahrscheinlich nie da war. So sind sie, die Männer: Machen viel Gewese um ihre Abenteuer und brüsten sich einer Heldentat, die sie gar nicht begangen haben.

Also her mit den Frauen, den Abenteuerinnen, denen, die darauf bestehen, die gleichen Strapazen auf sich zu nehmen wie das starke Geschlecht. Her mit „Nobody Wants the Night“, dem Eröffnungsfilm einer Frau, über ein, nein zwei etwas andere Heldinnen, über die Amerikanerin Josephine Peary, die ihrem Ehemann Robert in die Arktis hinterher gereist ist (wahre Geschichte!), und über Allaka, die Inuit-Frau, die mitten im Polarwinter ein Kind von eben diesem „Mann Peary“ bekommt.

Isabel Coixet zeigt eine Frau, die nie aufgibt

Her mit dem siebten Berlinale-Beitrag von Isabel Coixet („Mein Leben ohne mich“, 2003), die gern mal einen Wutanfall bekommt, wenn es um Frauen und Film geht. „Der Weg zum Filmemachen ist steinig, er ist mit verdammten Felsbrocken gepflastert – und ich will genau die gleichen, die den Männern im Weg liegen“, sagte sie dem „Hollywood Reporter“. Der Weg von Josephine Peary ist zunächst eher ein Sonntagsspaziergang. In edlem Pelz steht sie in gleißender Polarlandschaft und erlegt ihren ersten Bären. Ein Berlinale-Startschuss mit Schauwert und Star: Schneeweiß und Bärenblutrot, dazu das entwaffnende Lachen von Juliette Binoche als Josephine. Die will partout weiter, zu ihrem Mann an den Pol, wider den Rat sämtlicher erfahrener Reiseführer und der Inuit sowieso.

Eine Frau, die nie aufgibt? Ja, aber auch eine verwöhnte Dame aus der Washingtoner Bourgeoisie, die angesichts ihres toten Bären ein stolzes „Park Avenue, wer hätte das gedacht!“ ausruft, den Hundeschlitten mit Kisten voller Kristallgläser, Seidenkleider und Grammofon belädt und die Inuit wie bessere Hunde behandelt. Josephine ist selbstbewusst, stur, aber auch herrisch, überheblich und mörderisch egoistisch (was sie nicht davon abhält, über diejenigen zu weinen, deren Tod sie in Kauf nimmt). Kurz, sie ist genauso chauvinistisch wie die Männer ihrer Art, ihrer Klasse, ihrer Zeit.

Ins ewige Eis mit Juliette Binoche

Eben diese Pionierin schickt Isabel Coixet (nach dem Drehbuch von Miguel Barros) nun in ein existentialistisches Drama, ins ewige Eis, in die Polarnacht. Weiter, immer weiter – kein Western, ein Northern. Vergiss die Tischmanieren und die Eifersucht auf die Inuit-Geliebte, hier regiert die Natur. Der Schneesturm, die bittere Kälte, der Hunger, irgendwann bilden Josephine und Allaka (Rinko Kikuchi) eine notgedrungene Schicksalsgemeinschaft – die Männer sind nicht mehr da. Und die glamouröse Binoche verwandelt sich in eine überforderte, panische, schier wahnsinnig werdende Frau – großartig, wie Binoche die Metamorphose vollzieht.

Warum will der Mensch an den Nordpol? Es ist die Faszination des Nichts, heißt es einmal. Unerforschtes, nie betretenes Land: Vielleicht geht es einer Regisseurin ähnlich, die ein durchaus pathetisches Abenteuerin-Epos entwerfen will, ohne sich in einen Kanon bewährter Bilder einschreiben zu können. Anfangs blendet die schneeweiße Leinwand, dann trübt sie sich ein, wird neblig, grau, trübe und schwer. Die Kamera fliegt über majestätische Schneegebirge, dann verschluckt die Dunkelheit alle Konturen, und der Blickwinkel verengt sich auf kleinstem Raum. Zwei Frauen in einem winzigen Iglu, extreme Close-ups, Schemen und Schatten, es ist stockfinster in diesem Kino-Mutterleib (und man freut sich, dass die Notbeleuchtung im Kinosaal wenigstens ein bisschen Licht auf der Leinwand wirft). Bis das Iglu in der Sturmnacht birst und ein Kind zur Welt kommt. Weibliche Symbolik, dramatisch überhöht – ein bisschen viel Mystik dann doch. Aber Isabel Coixet ist klug genug, um sich keine Illusionen darüber zu machen, welche ihrer Protagonistinnen am Ende die Sonne wiedersieht. Nein, Frauen sind nicht die besseren Menschen.

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