Berlinale als Romanschauplatz : Die große Illusion

Die Berlinale als Schauplatz: Was ist Wirklichkeit, was Fiktion? Gibt es eine Grenze zur eigenen Biografie? Erfahrungen einer Autorin, die in ihrem Roman „Zehn Tage im Februar“ ein wildes Festival erlebt.

Heike-Melba Fendel
Schaulaufen im Blitzlicht. Am Donnerstag geht es wieder los. Da werden die die Berliner Filmfestspiele eröffnet.
Schaulaufen im Blitzlicht. Am Donnerstag geht es wieder los. Da werden die die Berliner Filmfestspiele eröffnet.Foto: dpa

Als ich 25 Jahre alt war und erst kurz zuvor begonnen hatte, über Filme zu schreiben, fragte man mich, ob ich das Presseheft zu Rudolf Thomes Film „Das Mikroskop“ schreiben wolle. Weil ich seit jeher zu fast allem Ja sage, sagte ich: Ja. Später schaute ich mir den Film an und mochte ihn gern. Im Büro des Münchner Filmverleihs sollte ich dann ein Interview mit dem Regisseur für besagtes Presseheft führen. Ihn mochte ich nicht ganz so gern.

Er sah mich an, wie aus Erfahrung selbstbewusste 50-jährige Männer aus Mangel an Erfahrung selbstbewusste junge Frauen ansehen: skeptisch. Wir sprachen lang und verstanden uns gar nicht. Am folgenden Tag teilte mir die Dame vom Verleih mit, Herr Thome habe sich über die Dilettantin beschwert.

Das mehrstündige Interview abzutippen war eine reine Qual, es zu lesen, erst recht. Die können mich alle mal, dachte ich und schrieb das Interview nicht um, sondern neu, bis ich es ähnlich gut fand wie den Film, um den es sich drehte.

Tage später rief die Dame vom Verleih erneut an, die Rudolf Thome das Interview zur Freigabe vorgelegt hatte. Er habe, so teilte sie mir mit, seine Meinung geändert. Es sei ja wohl doch ein recht gescheites Gespräch gewesen, das wir da miteinander geführt hätten.

Er hatte nicht gemerkt, dass dieses Interview frei erfunden war. Er mochte es und weil er es mochte, hielt er es für wahr. Ich mit einem Mal auch. Ja, dachte ich, als ich die Kassette mit dem Originalgespräch löschte, dieses Interview ist jetzt wahr. Für ihn, für mich und alle Journalisten, die es lesen und verwenden würden.

Ein paar Jahre später

Ein paar Jahre später veranstaltete die Firma, die ich inzwischen gegründet hatte, im Auftrag des Deutschen Institutes für Herrenmode eine Modenschau in einer in der Kölner Südstadt gelegenen Kirche. Der Designer Ozwald Boateng ließ seine Kollektion vor Kanzel und Kruzifix vorführen, das Publikum saß auf Kirchenbänken, aß Brezeln und trank Sekt.

In den 1990er Jahren ging derlei als „abgefahren“ durch. Etwas zu abgefahren, befand die Kirchenaufsicht und rügte den Pfarrer, der, so zitierte ihn der Kölner „Stadt-Anzeiger“, gar nicht gewusst habe, was diese Leute da eigentlich alles ohne seine Erlaubnis veranstaltet hätten. Auch meine Mutter und ihre Freundinnen rügten mich. Wie wir den Pfarrer so hätten hintergehen können. Ich erklärte, dass der sich in Wahrheit bloß hätte herausreden wollen und er von Anfang an im Bilde gewesen sei.

Die Damengesellschaft weigerte sich, mir zu glauben. In der Zeitung stehe etwas anderes, nämlich die Wahrheit. Meine erlebte Wahrheit kam gegen die gedruckte der „Zeitung“ nicht an, Tochter hin, Veranstalterin her.

Ich war bereits

Ich war bereits seit langer Zeit die Agentin von Esther Schweins und noch länger waren wir dicke Freundinnen. An einem Tag, an dem sie einen Schwung Telefoninterviews zu absolvieren hatte, verlor sie ihre Stimme. Nichts ging mehr. Da die Interviews schlecht zu verschieben waren, beschlossen wir, mich an ihrer statt ans Telefon zu setzen. Wir kannten uns so gut, ich hatte sie bei unendlich vielen Interviews begleitet, wo also könnte das ein Problem sein?

So telefonierte ich einen Nachmittag lang nacheinander mit einem knappen Dutzend Journalisten, deren Stimmen vor Aufregung belegt klangen. Hin und wieder kam die stumme Esther ins Zimmer, hörte eine Weile zu und verließ den Raum in der Gewissheit, dass es sich am Ende vollkommen gleich sein würde, wer die bessere Esther war.

Wenn ich eine Geschichte

Wenn ich eine Geschichte mehr als einmal erzähle, erscheint sie mir gelogen. Es ist nicht die Geschichte, der ich nicht glaube, sondern ihre Wiederholung. Nur wer etwas zu verkaufen hat, wiederholt sich: der Werber, der PR-Mensch, der Agent, der Star, der Politiker. Wenn etwas häufig genug wiederholt wurde, nennt man es „Botschaft“. Kern und Wesen der Botschaft sind allein ihre Wiederholung. Wie das Motto, die Formel oder die Parole ist sie sich ihrer Wahrheit so sicher, dass sie keine Abweichung duldet.

Die Autorin. Heike-Melba Fendel.
Die Autorin. Heike-Melba Fendel.Foto: Jennifer Fey/Promo

Ähnlich unangreifbar: das Gefühl. Das Gefühl, im Mediendeutsch Emotion genannt, richtet sich mit seinem Reinheitsgebot zugrunde. Gefühl des Grauens: Gänsehaut pur. Gern tautologisiert sich das Gefühl zum Bauchgefühl. Das Bauchgefühl ist sehr gesprächig. Stets heißt es: Ich höre auf mein Bauchgefühl. Dabei sagt es dem selbsternannten Bauchmenschen immer dasselbe: Deine Low-Brain-Diät ist total okay. Nicht so viel denken, recherchieren, lernen oder fragen. Das Gewicht der Welt ist eine zu große Belastung für das flach trainierte Powerhouse, auch bekannt als Darmhirn. Oder, wie mir ein Radiomoderator letzte Woche zehn Sekunden, bevor wir auf Sendung gingen, fröhlich verkündete: Ich habe jetzt nicht extra ihr Buch gelesen, aber wir hangeln uns da schon durch.

Ich habe also

Ich habe also ein Buch geschrieben. Einen Roman. Roman, das heißt: Nageln Sie mich bloß nicht fest mit der Wahrheit. Autobiografie hingegen verheißt: So und nicht anders ist es gewesen.

Meine Hauptfigur ist eine Icherzählerin. Sie war Filmjournalistin, sie ist Firmeninhaberin, sie tummelt sich auf Festivals, sie lebt in Köln und in Berlin. Ganz schlauen Menschen fällt auf, dass es eine große Schnittmenge zwischen Autorin und Icherzählerin gibt. Diese Erkenntnis wird im Herr-Lehrer-ich-weiß- was-Duktus verkündet und stetig ergänzt.

Ob Bauchgefühl oder Wikipedia die Erkenntnis befeuern, der Ätsch-Faktor bleibt derselbe: Ist ja gar nicht erfunden, ist ja bloß passiert.

Jede Geschichte hat drei Seiten

Jede Geschichte hat drei Seiten, weiß ein dem Produzenten Robert Evans zugeschriebenes Bonmot: Deine, meine und die Wahrheit. Das ist für einen Filmemacher erstaunlich eng gefasst. In Wahrheit ist die Wahrheit ein Vorschlag, den das Kino zu machen versteht. Und die Literatur. Also auch ein Roman, der von einer Frau erzählt, die sich das Leben weder von Fakten noch von Bauchgefühlen, sondern allein vom Kino erklären lässt. Bin ich eine solche Frau? Ich könnte das bejahen und immer aufs Neue ausführen.

Nach journalistischer Lesart wäre ich eine Autobiografin. Nach meiner eigenen, siehe oben, eine Lügnerin. „In Wahrheit kommt mir die Wahrheit zu den Ohren heraus. Ich bin randvoll mit Wahrheit: ewiger, akuter, erfundener, erflehter, erhörter. Jeder Gedanke, jede Erinnerung, jede Prognose, jede Lösung eine neue Wahrheit, die sich nach dem Durchspielen selbst zerstört.“

Das schreibe ich, die Icherzählerin, über mich oder sie, die Hauptfigur, für die es nur eine einzige Person gibt, die im Besitz der Wahrheit ist. Und das ist die große Regisseurin Jane Campion, die ihr in persönlichen Begegnungen wie auch mittels ihrer Filme als Guru wie Orakel dient.

Am Ende des Romans veröffentlicht die Icherzählerin ein Interview mit Jane Campion im „Tagesspiegel“, das sie unter dramatischen Umständen geführt hat.

Es gibt, auch das lässt sich googeln, dieses 2013 von mir auf der Berlinale geführte Interview, in dem Jane Campion den zum Titel erhobenen Satz sagt, Glamour sei die Politur, mit der wir die Kratzer der Seele verdecken. Die Icherzählerin sagt, dieser Satz sei, wie das ganze Interview, in Wahrheit ihre Erfindung. Die vielfach preisgekrönte Regisseurin, so behauptet sie, hätte ihn jedoch genauso gut tatsächlich gesagt haben können, da er ihr vollkommen entspräche.

So, wie Rudolf Thome die Sätze für sein Presseheft hätte sagen können. Und wer weiß, vielleicht hat er sie ja doch gesagt, diese Sätze, und dieser Text brauchte bloß einen Anfang, den er gegen Ende in seine Logik zwingen kann. Um eine Alternative zum schrecklichen Bauchgefühl anzubieten, die keine Wahrheit wäre, sondern schlicht das Ende der Verkaufe. Und der Beginn alles Möglichen.

"Future Imperfect" ist der tolle Titel

„Future Imperfect“ ist der tolle Titel der erwartbar tollen Retrospektive mit historischen Science-Fiction-Filmen auf der kommenden Berlinale. Die Zukunft ragt in die Vergangenheit wie das Kino in die Wahrheit. Monolithische Blöcke, die das ihnen innewohnende Geheimnis in eben dem Maße ausstellen, wie sie es verschließen. Wie es in Alex Cox Science-Fiction-Komödie „Repoman“ aus dem Jahr 1984 heißt: „Reality – what a Concept!“

Heike-Melba Fendel ist Geschäftsführerin der Agentur Barbarella. Bei Blumenbar ist jetzt ihr Roman „Zehn Tage im Februar“ erschienen., 208 Seiten, 18 €.

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