Berlinale-Blog : Er kam, sah und schwieg

Robert Pattinson stellt seinen Film "Life" vor, hat aber nicht viel zu sagen. Außerdem: Ryan Reynolds und Helen Mirren schauen vorbei, die deutsche Serie versucht eine Ehrenrettung, Andreas Dresen übergeht ärgerliche Fragen. Der Tag im Berlinale-Blog.

von , und Tilman Strasser
Foto: dpa
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+++Da ist er ja: Robert Pattinson +++

Zur "Queen of the Desert"-Premiere war er bereits angesagt, dann hieß es, er komme gar nicht - nun ist Robert "Twighlight" Pattinson verspätet angereist und erlebt zumindest noch die Vorführung seines Films "Life". Allzu motiviert scheint er nicht zu sein: Schon beim Foto-Call war unschwer von seinen Lippen die Frage abzulesen, ob er noch mal Richtung "bathroom" verschwinden könne. Andererseits machen es ihm die Fotografen auch nicht einfach - für die Kollegen Dane DeHaan und Alessandra Mastronardi interessieren sie sich kaum, aber als Robert Pattinson kurz verschwinden will, brechen sie in lautes, protestierendes Geschrei aus. Dabei ist zum Beispiel Dane DeHaan auch kein Unbekannter seit seiner Rolle in "Spider-Man 2: Rise of Electro".

Stimmen und Eindrücke von der Pressekonferenz:

Wenn der Eindruck nicht täuscht, knipsen die Fotografen auch bei der Konferenz nach dem Foto-Call noch aufgeregter als sonst und sind noch schwerer zu beruhigen - die Leiterin der Konferenz muss mehrmals auffordern, das Fotografieren jetzt einzustellen.

Anwesend: Anton Corbijn (Regisseur), Luke Davies (Drehbuchautor), Robert Pattinson (Schauspieler), Dane DeHaan (Schauspieler), Alessandra Mastronardi (Schauspielerin), Kristian Bruun (Schauspieler), Christina Piovesan (Produzentin), Iain Canning (zweiter Produzent)

Dane DeHaan: "Ich konnte mich mit dieser Rolle (James Dean, d. Red.) erstaunlicherweise viel mehr identifizieren als mit vielen anderen Rollen. Ich komme ja gerade von Spider-Man-Drehs, es stehen viele Entscheidungen für meine Karriere an - und Ruhm und der Umgang damit waren für James Dean ja auch ein großes Thema."

Robert Pattinson: "Ich finde, dass Denis (seine Rolle, d. Red.) ein ziemlich zeitloser Charakter ist. Einer, der versucht, künstlerisch zu arbeiten, und Angst hat, nicht gut genug zu sein."

Frage eines Journalisten: Glaubt Regisseur Corbijn, es habe ihn bei der Besetzung beeinflusst, dass DeHaan und Dean dieselben Buchstaben im Nachnamen tragen?

Anton Corbijn, trocken: "Klar, nur deshalb hat er die Rolle gekriegt."

Dane DeHaan: "Deshalb wurde mein Name in der Ankündigung dieses Festivals auch erst mal falsch geschrieben - da stand 'Dean DeHaan'." (lacht)

Anton Corbijn auf die Frage, wie er Pattinson das Fotografieren beigebracht habe: "Ich weiß nicht, ob ich Robert überhaupt irgendwas beigebracht habe. Ich habe ihn einfach damit arbeiten lassen. Wir konnten uns bei Drehbeginn darauf verlassen, dass die Kamera ein ganz natürlicher Teil seines Körpers war. Seine Figur war ein Fotograf, der immer bereit war, ein Bild zu machen."

Robert Pattinson: "Ich habe mit einer 1953er Leica ein paar Monate experimentieren können - bevor ich dann zu Drehbeginn ein paar ganz fürchterliche Bilder geschossen habe." (lacht)

Anton Corbijn auf die Frage, ob Instagram & Co die Fotografie negativ beeinflusst: "Es gibt einen Vorteil und einen Nachteil. Die Menschen wollen ja jeden Mist festhalten. Und die normalen Fotografen finden es immer schwieriger, damit Geld zu verdienen. Heutzutage ist es ziemlich schwer, einer Fotografie Wert beizumessen. Ich fühle mit den Fotografen, die ihren Weg jetzt erst beginnen."

Radio Columbia stellt eine Frage - wie eigentlich auf jeder Pressekonferenz.

Robert Pattinson auf die Frage nach seinem Verhältnis zu James Dean: "Als ich angefangen habe mit dem Schauspiel, gab es viele, die eine James-Dean-Phase hatten - ich auch. Dane sollte die Frage allerdings noch mal beantworten, der hat eine intensivere Beziehung zu Dean aufgebaut. Ich fühlte mich teilweise ein bisschen wie ein Papparazzo - und habe etwas Mitgefühl für diese Leute entwickelt. Ich fühlte mich schlecht und wollte mir jeden Tag etwas antun. (lacht) Aber zu James Dean kann ich sonst nichts mehr sagen, das sollte Dane tun."

Dane DeHaan auf die Frage, was wohl dazu geführt hat, dass Dean eine Legende wurde: "Zu der Zeit gab es nicht viele Schauspieler, die gemacht haben, was Dean gemacht hat - in Filmen so zu spielen, wie Menschen sich im echten Leben benehmen. Die Filme waren eigentlich Filme für Teenager. Er war ein so offenes, emotionales Gefäß, der die menschliche Natur auf eine Art und Weise dargestellt hat, der die Menschen angerührt hat - und die Menschen haben sich nach seinem Tod immer gefragt: Was hätte er noch getan? Er wäre heute 83, er könnte hier sein! Selbst, wenn sie nicht wissen, was James Dean getan hat, kennen sie zum Beispiel dieses Bild von Dean am Times Square. Er ist ein Mythos!"

Robert Pattinson auf dieselbe Frage: "Mythos. Da kann ich nicht viel hinzufügen."

Alessandra Mastronardi soll auch mal eine Frage bekommen - kann aber die Moderatorin auch im dritten Anlauf nicht verstehen, technische Panne. Schließlich klappt es doch noch, die Frage lautet: Was hat sie gedacht, als sie das Drehbuch bekommen hat?

Alessandra Mastronardi: "Ich glaube, das zwischen ihr (-er Rolle, d. Red.) und James Dean eine ganz besondere Freundschaft bestand. Er hat sich eigentlich in einer Falle gefühlt, und sie auch. Sie hatte ein strenges Elternhaus und konnte sich eigentlich nie frei entscheiden. Sie hatten dieselbe Perspektive auf das Filmstargeschäft. Wir haben diese Gedanken einfließen lassen, bei der Gestaltung der Rolle."

Anton Corbijn wird gefragt, was aus seiner Arbeit bei der Werbung in seine Filme einfließt: "Ich habe, ehrlich gesagt, erst einen Werbespot gedreht, und das nach meinem letzten Film. Ich glaube, da fließt gar nichts mit ein. Aber ich mache privat gerne mal ein gutes Foto, das ist wie Meditation. Allerdings ist es durchaus nicht mein Ziel, Werbung zu drehen - ich würde lieber herausfinden, was ich mit dem Medium Film bewirken kann."

War es für Dane DeHaan eine Herausforderung, die ganze Zeit zu rauchen? "Nein, es war nicht leicht. Ich hatte drei, vier Monate, um mich vorzubereiten, aber ich musste 25 Kilo zunehmen, musste lernen, wie er klang, habe einen Aussprachetrainer bekommen... Sie haben mir erlaubt, einen Maskenbildner zu nehmen, den ich von früher kannte. Trotzdem war es die größte Herausforderung meines Lebens. Und, klar, das Rauchen. Beantwortet das ihre Frage?"

Radio Columbia hat noch eine Frage an Robert Pattinson - nämlich wie das Gefühl ist, zwei Rollen in zwei Filmen auf diesem Festival zu spielen.

Robert Pattinson: "Ähm. Toll. Ich habe allerdings in Queen of the Desert nur eine kleine Rolle. Dabei habe ich Lawrence von Arabien oft gesehen. Aber speziell das Drehbuch von Life hat mir erlaubt, ganz schnell Kontakt mit der Rolle aufzunehmen. Es gibt etwas in den dunklen Seiten seiner Persönlichkeit, das den dunklen Seiten meiner Persönlichkeit entspricht. Ich habe mit seinem sohn gesprochen, habe gesagt, ich stelle mir Denis so und so vor, und sein Sohn hat mir bestätigt: So war er."

Robert Pattinson über die Unterschiede zwischen damals und heute - und ob er, wie James Dean, auch Zettel mit Sätzen zugesteckt bekommt: "Ich krieg hier überhaupt keine Zettel! Ich sag immer nur: Geld her und dann raus."

Dane DeHaan: "Es war einfach eine andere Zeit, damals waren die Schauspieler im Besitz der Studios. Da haben wir heute viel mehr Freiheiten. Obwohl es natürlich ganz toll wäre, in einem Bungalow auf dem Studiogelände zu leben."

Luke Davies über Recherchen: "Zwischenzeitlich hatte ich das Gefühl, dass ich am meisten auf der Welt über James Dean weiß. Aber natürlich war irgendwann klar, dass James Dean im Film nicht derselbe Charakter sein konnte, der er tatsächlich war. Er musste ein bisschen die Rüstung von Rob (Pattinson, d. Red.) durchstoßen, zum Beispiel, und noch ein paar andere Sachen - das hat sich dann einfach ergeben."

Und das war´s auch schon wieder - ein fast schüchterner, gern lachender, aber allen in allem nicht gerade gesprächiger Robert Pattinson, ein ernsthaft um Auskunft bemühter Dane DeHaan und eine Alessandra Mastronardi, von der fast niemand etwas wissen will. Aber Anton Corbijn und Luke Davies haben mit ihren Erzählungen von der Entstehung des Projekts durchaus neugierig auf den Film gemacht.

+++Ryan Reynolds und Helen Mirren in Berlin +++

Zwei Größen des Business: grande dame Helen Mirren und Nachwuchsstar Ryan Reynolds promoten ihren Film "Woman in Gold". Die Geschichte dreht sich um die Tochter einer ermordeten jüdischen Familie aus den USA, die nach Wien zurückkehrt, um ein von den Nazis geraubtes Porträt ihrer Tante von Gustav Klimt zurückzubekommen. Die Story basiert auf tatsächlichen Ereignissen, die zuletzt sogar den Obersten US-Gerichtshof beschäftigten. Auf der Homepage nicht angekündigt: Auch Großproduzent Harvey Weinstein nimmt teil.

Highlights von der Pressekonferenz:

Daniel Brühl: "Ich hatte eine spannende Geschichte mit Harvey Weinstein, ich habe ihn in einem Restaurant getroffen und er sagte "I´ve got a script for you, boy". Ich habe es dann gelesen und es war wirklich eine wunderbare Geschichte, sie hat mich sofort gepackt. Gerade als Deutscher wollte ich unbedingt dabei sein - obwohl ich schon wieder einen Österreicher spiele."

Helen Mirren: "Ob meine Figur wirklich ihren Frieden gemacht hat, oder ... Jetzt fällt mir das richtige Wort nicht ein, aber: Ob sie "nur" eine Art Anerkennung erreicht hat, kann ich nicht sagen. Letzteres wäre ja nur die Spitze des Eisbergs, aber letzteres hat sie erreicht. Und ich bin mir sicher, dass es ihr ein ungeheures Gefühl der Zufriedenheit gegeben hat. Sie ist sehr kurz nach dem Rückerhalt dieser Gemälde gestorben. Sie ist nicht losgezogen, um sich eine Villa zu kaufen mit ihrem neuen Geld, sondern sie hat Geld gespendet. Ich suche immer noch nach dem richtigen Wort ... Aber sie muss ein ungeheures Gefühl der Vollständigkeit, des Abschließens gehabt haben."

Simon Curtis (Regisseur): "Klimt war ein fantastischer Maler, er hat großartige Frauen gemalt. Deshalb wollten wir, dass es in der Eröffnung ein bisschen knistert."

Und das war´s schon wieder, kaum eine Frage an Ryan Reynolds und auch Daniel Brühl ist wenig zu Wort gekommen. Hilft nichts: Gleich steht der nächste Photo-Call mit anschließender Pressekonferenz an - für Robert Pattinson und "Life".

+++Serienfieber auf der Berlinale +++

Serien liefen schon in früheren Jahren auf der Berlinale - zum Beispiel Dominik Grafs vielgerühmte Mini-Serie "Im Angesicht des Verbrechens". In diesem Jahr ist aber sind Serien auf dem Festival erstmals in geballter Form zu sehen: Am heutigen Montag im Rahmen der Berlinale Special Series (Haus der Berliner Festspiele). Die Macher der dänischen Politserie "Borgen" stellen "Follow The Money" vor, aus Israel kommt der Thriller "False Flag". Aus Italien kommt der Politkrimi „1992“; darin geht um einen der größten Korruptionsskandal in der Geschichte Italiens, der durch die Hartnäckigkeit einiger Polizisten aufgedeckt wurde. Mit einer bunten Mischung aus Politik, Gewalt und Sex sind die Macher kein Risiko eingegangen. Insgesamt acht verschiedene Serien werden heute und morgen noch ihre Premiere feiern - und mit Matthew "Mad Men" Weiner ist schließlich auch erstmals eine prominente Gestalt der Serien-Branche in der Jury des Wettbewerbs.

Vor allem die deutsche Serie holt auf. Hatte man sich hierzulande seit Jahren mit großartigen Fortsetzungsgeschichten aus Amerika, England aber auch vergleichsweise kleinen Nachbarn wie Dänemark vergeblich gemessen, gehen in diesem Jahr mehrere ambitionierte Projekte an den Start. Auf zwei davon, "Blochin" und "Deutschland 83", hat der Tagesspiegel schon einen längeren Blick geworfen. Eine weitere wird von Tom Tykwer kommen - wenn der "Lola rennt"-Regisseur auf dem Berlinale-Filmmarkt internationale Partner für seinen Großentwurf "Babylon Berlin" findet.

Auf absehbare Zeit dürften die amerikanischen Serien aber nicht einzuholen sein. Mit hohem Budget für Bezahlsender gemacht, sind viele der Erfolgsserien ohne hemmenden Quotendruck entwickelt worden. Auch Einrichtungen wie ein Writers Room sowie eine allgemein höhere Wertschätzung der Autoren schlägt sich unleugbar in der Qualität nieder. Mit Spannung erwartet wird die Premiere des "Breaking Bad"-Spin-Offs "Better Call Saul" am morgigen Dienstag. Die Nebenfigur des verwegenen Anwalts darf hier endlich eigene Abenteuer erleben, die übrigens deutlich heiterer daherkommen werden als der düstere Vorgänger. Außerdem stellt der Streaming-Dienst Netflix, der kürzlich auch in Deutschland startete, eine weitere Eigenproduktion vor: "Bloodline" flimmert heute um 19 Uhr im Haus der Berliner Festspiele über die Leinwand.

+++Robert Pattinson imitierte James Dean +++

Robert Pattinson, einstiger Star der Vampirfilme „Twilight“, wollte lange Zeit wie James Dean sein. „Ich glaube, jeder Schauspieler hat irgendwann eine Phase mit einer gewissen James-Dean-Obsession“, sagt der 28-Jährige im Interview der Deutschen Presse-Agentur. „Als ich so 16 oder 17 Jahre alt, hat man einfach immer eine James-Dean-Imitation gemacht - egal, was die Rolle war.“ Er habe vor allem die Körpersprache versucht zu imitieren. Aber wohl nicht ganz erfolgreich - „Wer immer mich gesehen hat, wie ich James Dean nachmachte, hat sich wahrscheinlich gefragt, was ich da tue!“, meinte Pattinson lachend.
In „Life“ von Anton Corbijn, der am Abend Premiere feiert, spielt Pattinson den jungen Fotografen Dennis Stock, der James Dean vor dessen Durchbruch in Hollywood entdeckte. Von Stock stammt etwa das berühmte Bild von James Dean, wo er mit Zigarette im Mund und hochgeschlagenem Mantelkragen über den verregneten Times Square in New York läuft. James Dean wird gespielt von dem 29-jährigen US-Amerikaner Dane DeHaan („Kill Your Darlings“, „The Place Beyond The Pines“). (dpa/Tsp)

+++Andreas Dresen auf der Pressekonferenz +++

"Als wir träumten" ist der dritte deutsche Anwärter auf einen der begehrten Bären. Andreas Dresen erzählt im Live-Stream über die Arbeit mit Clemens Meyers Buchvorlage. Mit dabei: Der Autor selbst sowie die Darsteller Ruby O. Fee, Merlin Rose, Julius Nitschkoff, Marcel Heuperman, der Drehbuchautor Wolfgang Koolhaase und der Produzent Peter Rommel.

Die nächste Web-Serie: "Bloodline" von Netflix soll ein weiteres Mal Serien-Maßstäbe setzen (Szene mit Kyle Chandler, Linda Cardellini, Regie: Johan Renck) Foto: Saeed Ayani © 2014 Netflix, Inc.
Die nächste Web-Serie: "Bloodline" von Netflix soll ein weiteres Mal Serien-Maßstäbe setzen (Szene mit Kyle Chandler, Linda...Foto: Saeed Ayani © 2014 Netflix, Inc.

Clemens Meyer echauffiert sich über eine Journalistinnenfrage nach seinen Frauenfiguren: "Zeigen sie mir eine Schriftstellerin, die nur über das Heranwachsen junger Männer schreibt. Man kann doch nicht eine Geschichte nehmen und kritisieren, dass es nicht eine andere Geschichte ist. Ich schreibe auch gerne über Frauen, außerdem gibt es Frauenfiguren im Buch, sehr wichtige, Estrellita zum Beispiel. Aber in den Hauptrollen sind´s eben Männer." Harald Martenstein wird es mit Interesse hören.

Andreas Dresen über seine "wilde Jugend": "Natürlich sind mir nächtliche Abstürze auch nicht fremd, natürlich fand ich das in diesem Stoff wieder. Aber ich bin in einer anderen Zeit groß geworden, in einer anderen Welt. Im Osten war das auch eine ganz andere Sache, gegen den Trabi zu treten, auf den ein anderer jahrelang gewartet hat."

Darstellerin Ruby O. Fee über die Nacktszene: "Ich frage mich, wenn ich ein Drehbuch lese, immer, ob so eine Szene nötig ist. Aber hier war sie es - und ich habe mich bei Andi (Dresen, d. Red.) in guten Händen gefühlt."

Clemens Meyer über das Motiv des Boxens in Buch und Film: "Ich bin seit meiner Jugend ein Boxfan. Aber im Roman war die Herausforderung, mehr draus zu machen als das, was es ohnehin schon ist - ein Motiv des Kampfes. Es geht darum, dass sich der Held auch aus seinem Viertel herausboxen, etwas aus sich machen muss. Wir sehen ihm zu, wie er scheitert, und das Boxen wird auch zur Metapher für seine Niederlage in dieser Situation. Mich hat vorhin jemand gefragt, was ist der Kern des Films oder des Buches? Es gibt viele Kerne, die umeinander kreisen, aber das ist eines davon: Rico, der Boxer."

Hauptdarsteller Julius Nitschkoff über das Boxen: "Es waren die zwei anstrengendsten Drehtage meines Lebens. Schön zu hören, dass es wenigstens gut aussieht."

Andreas Dresen nonchalant auf eine kritische Frage, warum er einen für ihn selbst so untypischen Film gemacht habe: "Ich kann nur sagen: Es ist ein Film von mir. Ich mochte diese Jungs, diese Figuren, sie sind grob, aber sie sind auch liebevoll, es gibt Szenen, wo sie weit mehr als nur wild sind. Das hat auch schon mit dem Titel zu tun, "Als wir träumten". Irgendwann hat man aufgehört, zu träumen, aber es geht um die Zeit davor. Ich hab versucht, mein Herzblut da mit reinzustecken - wenn´s nicht angekommen ist: Tut mir leid."

Die Journalistin, der der Film nicht gefallen hat, betont erneut, dass sie die Romanvorlage nicht gelesen habe, aber das Ergebnis doch wirklich misslungen finde - es ist nicht klar, ob sie eine Frage stellen will. Man würgt sie schließlich ab.

Clemens Meyer über die Genese: "Ich habe an dem Roman 1999 bis 2005 geschrieben. Auch an dem Film haben wir lange gearbeitet. ich glaube, das merkt man auch beiden Projekten an. Man braucht den unbedingten Glauben daran. Die Zweifel spielen immer eine Rolle, deshalb braucht man auch so lange, aber man muss sie wegschreiben. Aber ein Projekt, das "Als wir träumten" heißt - das kann nicht schiefgehen."

+++Neuer Helen-Mirren-Film +++

„Knight of Cups“, die düstere Ode von US-Kultregisseur TerrenceMalick an die Traumfabrik Hollywood, ließ gestern manchen Zuschauer ratlos zurück. Dafür ist das heutige Programm umso bunter: Neben dem schon erwähnten Kandidaten "Als wir träumten" von Andreas Dresen (18:30, Berlinale Palast) ist auch der polnische Beitrag "Body" (Malgorzata Szumowska) Anwärter auf einen Bären (22 Uhr, Berlinale Palast). Vom chilenischen Regisseur Pablo Larraín ist außerdem das kirchenkritische Drama "The Club" zu sehen(16 Uhr, Berlinale Palast).

Video
Andreas Dresen auf der Berlinale zu seinen Frauenfiguren
Andreas Dresen auf der Berlinale zu seinen Frauenfiguren

Außerdem gibt sich eine grandedame die Ehre: Helen Mirren ist im Berlinale-Special "Woman in Gold" von Simon Curtis zu sehen. Darin kehrt sie als Tochter einer ermordeten jüdischen Familie aus den USA nach Wien zurück, um ein von den Nazis geraubtes Porträt ihrer Tante von Gustav Klimt zurückzubekommen. Die Story basiert auf tatsächlichen Ereignissen, die zuletzt sogar den Obersten US-Gerichtshof beschäftigten. Mit von der filmischen Partie ist auch Berlinale-Juror Daniel Brühl.

+++James Franco auf der Pressekonferenz +++

Er ist omnipräsent: James Franco scheint die Berlinale richtig zu genießen. Schon auf Anke Engelkes Frage bei der Eröffnungsgala, wann er Berlin denn wieder verlasse, antwortete er smart: "Niemals" - und bislang macht der Star-Schauspieler auch keine Anstalten. Für seinen Film "I Am Michael" steht er nun, gemeinsam mit Justin Kelly, den Journalisten Rede und Antwort. Außerdem mit dabei: Lauren Selig (Ausführende Produzentin) und
Michael Mendelsohn (Produzent).

+++Was bringt der Berlinale-Tag? +++

Es wird heute laut und schmutzig! Okay, zumindest laut – es gibt schließlich Grund zum Jubeln. Zur Premiere des Nachwende-Kloppers „Als wir träumten“ um 18.30 Uhr wird Regisseur Andreas Dresen über den roten Teppich am Berlinale-Palast laufen, der Romanvorlagenverfasser Clemens Meyer sowie Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase. Und natürlich die halbstarken beziehungsweise voll tollen Jungdarsteller Joel Basman, Ruby O. Fee, Marcel Heuperman und Merlin Rose. Ein Traum! Mit Andreas Dresen („Halt auf freier Strecke“) geht der dritte und letzte deutsche Bären-Kandidat an den Start. Die Twitter-Gemeinde ist auch schon vorfreudig-gespannt:

Kommt ebenfalls nach Berlin: Helen Mirren. Foto: EPA/ANDREW COWIE
Kommt ebenfalls nach Berlin: Helen Mirren.Foto: EPA/ANDREW COWIE

Danach geht es rüber zum Zoo-Palast, wo um 21.30 Uhr der James-Dean-Film „Life“ Premiere hat. Wer kommt? Anton Corbijn, der Regisseur! Dane DeHaan, der James! Und, japs, Robert! Pattinson! Der kleine Vampir! Oh, und einer, dessen Zunft gern vergessen wird: Autor Luke Davies.

Die Fans aus aller Welt sind, wie nicht anders zu erwarten, aus dem Häuschen:

Robert Pattinson (r.) in "Life". Foto: dpa
Robert Pattinson (r.) in "Life".Foto: dpa

Und dann? Im Turbogang zurück an den Potsdamer Platz! 22 Uhr, Premiere der polnischen Schwarzkomödie „Body“. Alle sind sie da: Regisseurin Malgorzata Szumowska, Kameramann Michal Englert, Schauspieler Janusz Gajos, Maja Ostaszewska, Justyna Suwala. Alles weitere, unsere Rezensionen, Bilderstrecken und Videos zur Berlinale finden Sie auf unserer Berlinale-Themenseite.

Die traditionelle Benefiz-Gala „Cinema for Peace“ am Rande der Berlinale widmet sich dieses Jahr nach dem Charlie-Hebdo-Attentat vor allem der Meinungsfreiheit. Als Stargast wird US-Schauspieler James Franco aus dem Film „The Interview“ erwartet. Grund genug für die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA, im Vorfeld eine an die Berlinale-Macher gerichtete Warnung zu verbreiten: Sie würden einer „gnadenlosen Bestrafung nicht entkommen“, sollten sie es wagen, den Film zu zeigen. Dass dies nie geplant war und Francos vierte Rolle mit der Berlinale nichts zu tun hat, musste Festivalchef Dieter Kosslick eigens in der nordkoreanischen Botschaft erklären. Man sei in Freundschaft auseinandergegangen, ließ er danach wissen.

+++ Die Themen Nummer Eins +++

Christian Bale und Natalie Portman waren das beherrschende Berlinale-Thema am Sonntag.

Auf dem Podium stimmte die Chemie zwischen den beiden -im Film von Terence Malick tut sie das nur zeitweise, denn die Affären, die Christian Bale in seiner Rolle als Rick eingeht, enden chronisch unschön. Unsere Rezension zum Film lesen Sie hier.

Welcher Film bislang noch für viel Gesprächsstoff sorgte, ist "Victoria". Sebastian Schipper führt mit seinem 140-minütigen Trip „Victoria“ durch eine Berliner Nacht - die mit einem Überfall endet. In nur einer Kameraeinstellung. Die meisten waren begeistert. Vom besten deutschen Film seit Jahren war am Sonntag die Rede.

+++ Alle Filmbewertungen im Überblick +++

Wie unsere Kinokritiker die bisherigen Wettbewerbsfilme bewerteten? Der Berlinale-Eröffnungsfilm "Nobody Wants the Night" habe eine resolute Regisseurin, eine großartige Hauptdarstellerin - und ein bisschen viel Mystik. Über "Taxi" schreibt Kollege Jan Schulze-Ojala "brillant, bewegend und mit einer umwerfend schwarzen Pointe", die Schmonzette „Queen of the Desert“ von Werner Herzog kann laut Christiane Peitz auch Nicole Kidman nicht retten. Charlotte Rampling beeindrucke in „45 Years“, einem "ruhig und präzise erzähltem Film über die späte Krise einer Ehe".

„Ixcanul“ – der erste Film aus Guatemala jemals im Berlinale-Wettbewerb entfaltet das Drama einer Maya-Familie und empfiehlt sich laut unserem Autoren für einen Bären. "Ein Ende der Welt also", schreibt Jan Schulze-Ojala, ganz anders als jene spektakulären Panoramen, in die sich in den ersten Berlinale-Tagen die Kinoköniginnen der Arktis sowie der Wüste verirrten – und eines, das zur Abwechslung nicht von romantisierenden Zugereisten erschlossen wird. Sebastian Schipper führt mit seinem 140-minütigen Trip „Victoria“ durch eine Berliner Nacht - die mit einem Überfall endet. "Den Zuschauern mutet sein Experiment keine „Atemlos durch die Nacht“-Erschöpfungszustände zu. Sein Erzählstil und die häufig den Originalton ersetzende, verhaltene Filmmusik schaffen immer wieder retardierende Momente. Ein Leben ohne Längen, das wäre ja nicht echt", schreibt Gunda Bartels.

Über „Journal d’une femme de chambre“ schreibt Kerstin Decker dass er die anderen Celestine- Filme zwar nicht überglänzte, aber eine eigensinnige Celestine zeige. „The Pearl Button“ ist die einzige Dokumentation, die im Wettbewerb läuft. Der Film von Patricio Guzmán besticht Christiane Peitz nach durch poetische Bilder - und ist eine Zumutung im besten Sinne.

Ja, und Terrence Malicks „Knight of Cups“ zeigt Natalie Portman, Cate Blanchett und Christian Bale in unglücksseligem Liebestaumel. Jan Schulze-Ojala urteilt: Nun ist Malick selber der berühmteste Unsichtbare des US-Kinos und als Star auf Podien unbuchbar. Andererseits dienen auch Top-Stars stets gern als elaborierte Statisten der Malick-Idee, mit gewaltigem Voice Over zu noch gewaltigeren Bilderfluten dem Urgrund des Daseins auf der Spur zu sein – mal philosophisch eindringlich, mal bloß monomanisch, meist aber beides."

Die Wettbewerbsfilme 2015
EISENSTEIN IN GUANAJUATO: Peter Greenaway, legendärer Bildertüftler und im deutschen Kino seit 20 Jahren nicht mehr präsent, widmet sich einem ebenso legendären Kollegen: 1931 dreht Sergei Eisenstein den aus Geldnot Fragment bleibenden Film „Que viva México“ – und erlebt in den Subtropen einen politisch ergiebigen Klimaschock. Greenaway erzählt die Story auch mit den filmischen Mitteln seines Helden. NL/Mexiko, 105 Min., R: Peter Greenaway, D: Elmer Bäck, Luis Alberti Foto: promoWeitere Bilder anzeigen
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27.01.2015 18:16EISENSTEIN IN GUANAJUATO: Peter Greenaway, legendärer Bildertüftler und im deutschen Kino seit 20 Jahren nicht mehr präsent,...

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