Berlinale Classics : Die Rekonstruktion des Dr. Caligari

"Das Cabinet des Dr. Caligari" gilt als Meilenstein der Filmkunst - und als ebenso umstritten, ja wahnsinnsverherrlichend. Nun wurde das Werk umfangreich rekonstruiert. Kein leichtes Unterfangen.

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Den Wahnsinn aufdecken: "Das Cabinet des Dr. Caligari"
Den Wahnsinn aufdecken: "Das Cabinet des Dr. Caligari"Foto: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

In der Nacht auf den 3. November 1913 wurde in den Parkanlagen am Hamburger Holstenwall die achtjährige Gertrud Siefert Opfer eines Sexualmordes – vergewaltigt, erwürgt, verstümmelt. Die Tat am Rande von Planten un Blomen soll nie aufgeklärt worden sein – hatte aber kulturgeschichtlich weitreichende Folgen, die bis ins Programm der aktuellen Berlinale reichen: Sie wurde zur Keimzelle für die Mordgeschichte in „Das Cabinet des Dr. Caligari“, diesem Meilenstein der Filmgeschichte, der frisch restauriert im Rahmen der Filmfestspiele wieder zur Aufführung gelangt. Dessen Handlungsort: eine Kleinstadt namens Holstenwall.

Hans Janowitz selbst, 1913 Regieassistent und Komparse am Deutschen Schauspielhaus, dazu ehrgeiziger Jungautor und sechs Jahre später einer der beiden „Caligari“-Autoren, hat die Beziehung von Mord und Film publik gemacht, will sogar die Vorbereitung der Tat unwissentlich miterlebt und den Mörder bei der Beerdigung der kleinen Gertrud wiedererkannt haben – eine von ihm später literarisch ausformulierte, dabei mystifizierte Schauergeschichte. Der Mord mag Inspirationsquelle gewesen sein, doch als unfreiwilliger Zeuge, so legt der Filmhistoriker Olaf Brill in seiner 2012 veröffentlichten Dissertation „Der Caligari-Komplex“ überzeugend dar, kommt Janowitz garantiert nicht infrage.

Ein symptomatischer Befund für die Entstehungsgeschichte des expressionistischen Meisterwerks, wenngleich sich die nicht an der Alster, sondern an der Spree abspielte – mit einem Bürohaus in der Kreuzberger Friedrichstraße 22 und einem Studiogebäude in der Weißenseer Franz-Joseph-Straße 9–12 (heute Liebermannstraße) als Hauptorten. In Ersterem hatte Erich Pommers Produktionsfirma Decla ihren Sitz; im Weißenseer Lixie-Atelier, einem Glashaus von bescheidenen Maßen, wurde gedreht. Das immerhin steht fest, aber schon bei der Bestimmung der Drehzeit kommt man schnell an Grenzen. „Genaue Daten nicht überliefert“, so hieß es kürzlich bei der Vorstellung der restaurierten Fassung durch die Murnau-Stiftung in der Berliner Repräsentanz des Hauptsponsors Bertelsmann. Dafür umranken den Film umso mehr Legenden, Halb- und erfundene Wahrheiten, wollte offenbar jeder auch nur am Rande Beteiligte seinen Beitrag nachträglich besonders herausstellen, um so am Caligari-Ruhm teilzuhaben. Das dürfte den schon durch zeitlichen Abstand gefilterten Erinnerungen – bei der Uraufführung am 26. Februar 1920 im Marmorhaus am Kurfürstendamm war „Caligari“ noch lange kein memoirentauglicher Klassiker – zudem eine jeweils individuelle Färbung verliehen haben.

Der Restauration von "Caligari" ging eine Puzzlearbeit der Entstehungsgeschichte voran

So gleicht die Spurensuche zur Entstehung des Films der Puzzlearbeit, die die Restauratorin Anke Wilkening leisten musste, um aus den vorliegenden Kopien mit ihren mal kleineren, mal größeren Macken die Version herauszudestilieren, die dem Original am nächsten kommt. Immerhin konnte sie, anders als ihre Vorgänger, auf das ziemlich komplette Kameranegativ zurückgreifen, Vorlage für all die alten, ausnahmslos aus dem Ausland stammenden Verleihkopien, die mit ihren Schrammen, Schlieren, Ruckern und ausgeblichenen Konturen bislang das Bild von „Caligari“ bestimmten.

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Das Cabinet des Dr. Caligari - Original und Restaurierung im Vergleich/2
Das Cabinet des Dr. Caligari - Original und Restaurierung im Vergleich/2

Die kostbare Filmrolle war 1922 von der Decla zur Ufa und 1935 von dort ins Reichsfilmarchiv gewandert. 1945 wurde sie nach Moskau verschleppt, in den frühen Siebzigern dem Staatlichen Filmarchiv der DDR ausgehändigt und 1990 in den Bestand des Bundesfilmarchivs aufgenommen. Angesichts dieser Odyssee ist die Kopie erstaunlich gut erhalten, nur der erste Akt ging irgendwann verloren. Auch gab es kürzere Bildsprünge durch fehlende Bildfolgen in 67 Einstellungen, die sich wie die Riesenlücke des fehlenden ersten Aktes dank vorhandener Verleihkopien schließen ließen. Die alten Beschädigungen konnten durch digitale Bearbeitung erstaunlich weit behoben, ebenso die historischen Färbungen des Films rekonstruiert werden. Die Bilanz der Restauratorin: „Egal, wie gut man ,Caligari’ kennt – die neue Fassung ermöglicht ein neues Seherlebnis.“

Der Filmhistoriker hat es da angesichts der wuchernden Legenden fast noch schwerer. Einiges ist aber doch verbürgt. Etwa, dass das Drehbuch ohne Auftrag entstand, ausgeheckt von Janowitz und dem am Berliner Residenztheater als Kassierer, Komparse, Regieassistent tätigen Jungautor Carl Mayer. Seit Sommer 1918 hatten sie sich angefreundet, eine schöne Jungschauspielerin namens Gilda Langer gab die Muse, schlug ihnen vor, sich gemeinsam an einem Drehbuch zu versuchen. Auch ihre Rolle ist durch Janowitz mystifiziert worden. Ursprünglich sei sie als Hauptdarstellerin vorgesehen gewesen, was nur ihr früher Tod verhindert habe. Allerdings war „Caligari“, mit Lil Dagover als Jane, längst abgedreht, als die arme Gilda Ende Januar 1920 überraschend der Spanischen Grippe erlag.

Wird bei "Caligari" der Wahnsinn verherrlicht?

Auch Mayer konnte ein autobiografisches Detail als Nucleus des „Caligari“-Stoffs beisteuern, den Streit mit einem Militärpsychiater um seine angeblich nur simulierte Wehruntauglichkeit. Eine weitere Anregung soll ein mit Hypnose spielender Schausteller auf einem Charlottenburger Rummel gewesen sein, auch dürften die beiden Autoren einschlägige Schauerstoffe von Edgar Allan Poe bis E.T.A. Hoffmann gekannt haben. Kurz: Das Drehbuch war ein Destillat unterschiedlichster Einflüsse und Motive, von den beiden Autoren klar als vielversprechendes Debüt im Filmgeschäft angelegt.

Auch wenn die Berichte sich in Details erneut widersprechen, das Ergebnis ist doch klar: Mitte April 1919 stiefelten Mayer und Janowitz mit dem fertigen Skript in Pommers Büro in der Friedrichstraße; als sie es wieder verließen, hatten sie den Vertrag in der Tasche. Aber schon zur Drehzeit gibt es ein erhebliches Spektrum von Antworten. Spätsommer 1919 gilt als die zutreffendste Angabe, „vermutlich ab September“ wird von der Murnau-Stiftung genannt. Den Ursprung des für den Film maßgeblichen expressionistischen Stils deutete Pommer – aber kann man ihm da glauben? – mit dem knappen, bei Drehbeginn erschöpften Monatskontingent an Strom und Licht, woraufhin ihm seine drei Bühnenbildner Hermann Warm, Walter Reimann und Walter Röhrig vorgeschlagen hätten: „Warum nicht Lichter und Schatten auf die Kulissen für diesen ,Caligari’–Film malen?“ Jedenfalls gilt als ausgemacht, dass es wohl tatsächlich ihre Idee war, die von Regisseur Robert Wiene dann für gut befunden und umgesetzt wurde. Kreativster Kopf war dabei wahrscheinlich Reimann.

Heftig umstritten waren seit jeher Sinn und Urheberschaft der im naturalistischen Stil gedrehten Rahmenhandlung. Siegfried Kracauer gründete in „Von Caligari zu Hitler“ darauf seine Vorwürfe, die Haupthandlung werde so als Fantasie eines Wahnsinnigen diskreditiert, und machte dafür Wiene verantwortlich: „Während die Originalhandlung den der Autoritätssucht innewohnenden Wahnsinn aufdeckte, verherrlichte Wienes ,Caligari’ die Autorität als solche und bezichtigte ihren Widersacher des Wahnsinns. Ein revolutionärer Film wurde so in einen konformistischen Film umgewandelt.“ Unter Filmhistorikern gilt diese Analyse nicht mehr als sehr plausibel, Wienes Urheberschaft für die Rahmenhandlung, die den Film vielschichtiger, schillernder, überraschender machte, aber schon.

Der Start des Film wurde mit einer für damalige Verhältnisse enormen Kampagne beworben. Sechs Monate habe sie gedauert, angeleiert nach erfolglosen Probeaufführungen, berichtete Pommer. Der Spruch auf den zahllosen Plakaten „Du musst Caligari werden“ wurde geradezu zum geflügelten Wort – und der Film ein kommerzieller Erfolg. Von der Kritik wurde der Film zwar nicht ausnahmslos, doch überwiegend als epochales Werk gefeiert, so nach der Uraufführung im Berliner „8-Uhr-Abendblatt“: „Die Frage, ob Kunst im Film möglich ist, wurde gestern endgültig entschieden.“
9.2., 12 Uhr (Philharmonie)

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