Berlinale : "Fifty Shades of Grey": Nackte Liebe

Der Sexschocker als Liebesdrama: Sam Taylor-Johnsons „Fifty Shades of Grey“ feiert Premiere im Special - und ist ab sofort auch im Kino. Doch die Sadomaso-Story ist weit dezenter inszeniert, als befürchtet.

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Weit weg vom Sexschocker: "Fifty Shades Of Grey" kommt beinahe ohne explizite Szenen aus. Dakota Johnson spielt die 21-jährige Literaturstudentin Anastasia Steele, Jamie Dornan den Milliardär Christian Grey.
Weit weg vom Sexschocker: "Fifty Shades Of Grey" kommt beinahe ohne explizite Szenen aus. Dakota Johnson spielt die 21-jährige...Foto: Universal/dpa

Rekorde, Rekorde, Rekorde. Millionenauflagen schon für das Buch weltweit, 100 Millionen Klicks binnen einer Woche für den ersten Trailer, und auch die Liste der Länder, die den Film bis zum Valentinstag ins Kino gebracht haben wollen, ist rekordverdächtig: 60. Nur die Iraker müssen sich bis zum 5. März gedulden. Strenge Frage: Warum mischt da auch die Berlinale unbedingt noch mit, mit einer Premiere nur Stunden vor dem deutschen Kinostart?

Na, darum. Weil der weltweite Hype um „Fifty Shades of Grey“ seinesgleichen sucht. Weil schon die ursprünglich von „Twilight“ inspirierte Fanfiction der Autorin E. L. James ein Phänomen unseres netzaffinen Jahrhunderts ist, ebenso der Versuch der Fans, per Massen-Likes Einfluss auf die Besetzung der Hauptrollen – Scarlett Johansson! Robert Pattinson! – zu nehmen. Weil seit Wochen das Internet birst unter dem Foren-Geschnatter um die Frage, welche Sexszenen aus dem Roman denn nun im Film zu sehen sind (einige!) – und ob auch der Penis des zum Spielfilm-Hauptdarsteller geadelten Unterwäsche-Models Jamie Dornan (ist er nicht!). Kein Wunder, dass Berlinale-Chef Dieter Kosslick schon früh zu Protokoll gab, er müsse „mit dem Klammerbeutel gepudert sein“, wenn das Festival diese Gelegenheit nicht nutzen würde. Oder hatte er gesagt: Er gehöre dann glattweg mit der Ledergerte versohlt?

"Fifty Shades of Grey": Dosierte Ledergerte

Die Premiere am Mittwochabend im Zoo-Palast, abseits vom Potsdamer Platz gelegen, kommt auch deshalb nicht überraschend, weil die Berlinale auch sonst gern einiges mitnimmt – als ausgewiesenes Publikumsfestival.

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Mit Harald Martenstein bei "Fifty Shades of Grey"
Mit Harald Martenstein bei "Fifty Shades of Grey"

Sogar im Sadomaso-Genre, das hier erstmals seit Just Jaeckins „Geschichte der O“ (1975) derart heftig in den Mainstream drängt, kennt man sich aus. Erst vergangenes Jahr nahm Berlin den von Cannes verschmähten Lars von Trier mit „Nymphomaniac“ ins Programm. Charlotte Gainsbourg gab darin in einer langen Szene die drastisch ausgepeitschte Masochistin.

Den Weichzeichner, wie einst Jaeckin, dessen Film soeben auf DVD neu erschienen ist, schminkt Regisseurin Sam Taylor-Johnson in „Fifty Shades of Grey“ nicht auf. Von der „Nymphomaniac“- Deutlichkeit ist ihre Version der mechanistisch expliziten Buchvorlage aber ebenso weit entfernt. Der Film, auf den es, noch ein Rekord, einen beispiellosen Run im Vorverkauf gibt, versammelt einige wesentliche Sexszenen des Buchs, bewegt sich dabei jedoch ästhetisch eher in den Grenzen, wie sie „Basic Instinct“ und „9 ½ Wochen“ gesetzt haben – Mund-zu-Mund-Benetzung mit Weißwein, Eiswürfel auf Brustwarze und Nabel und so weiter. Nur dass dann doch, sehr dosiert, die Ledergerte zum Einsatz kommt.

Anastasia Steele und der rätselhaft defekte Christian Grey

Paradox: Es sind nicht die – zumal raren und spät expliziter werdenden – Sadomaso-Szenen, auf die es in diesem so sexsüchtig antizipierten Film ankommt. Sondern es ist das über die physische Begegnung der Körper hinausgehende Glühen, das die 21-jährige Literaturstudentin Anastasia Steele erfasst. Von der späten Entjungferung stürzt sie unmittelbar in das Verhältnis zu einem emotional rätselhaft defekten Mann, den sie durch Liebe zu vermenschlichen sucht. Das Gesicht der 25-jährigen Dakota Johnson, Tochter von Melanie Griffith und Don Johnson, verkörpert – oder sollte man sagen: beseelt – diese Aufgewühltheit auf anrührende Weise.

Manche und mancher mag enttäuscht sein, dass der Sexschocker sich bei genauerem Hinsehen als Liebesdrama entpuppt.

Natürlich hat das handfeste kommerzielle Gründe, da der Film so in den USA mit der Jugendfreigabe „rated R“ herauskommt (hierzulande ist er ab 16 freigegeben). Für das Geschehen aber, das die Stationen des Buchs nachzeichnet, ist es ein Gewinn: Studentin aus Vancouver macht für Uni-Zeitung Interview mit Milliardär, er beißt an, fliegt sie mit eigenem Hubschrauber nach Seattle, verlockt sie zu Wochenenden in seinem „Spielzimmer“, schenkt ihr ein Auto zur Graduiertenfeier. Immer aber will dieses Mädchen von nebenan mehr. Nicht mehr Schmerz, sondern mehr Wissen, mehr Alltagsnähe zu diesem gefühlsgepanzerten Mann, ja, nackte Liebe.

Dakota Johnson und Jamie Dornan im freien Fall

Für eine Anfängerin in Hollywood hat die als Video- und Fotokünstlerin bekannte Regisseurin viel richtig gemacht. Und Sorgfalt auf das Setting verwendet: hier Studentinnen-WG, dort Greys Luxusappartement, die dysfunktionalen Elternwelten nicht zu vergessen. Einmal hat das Paar, das sich SM-Regeln auferlegt, die im Buch viel bürokratischer ausgebreitet sind, sogar einen schönen metaphorischen Moment, beim Segelfliegen. In 600 Meter Höhe wird das Schleppseil gekappt, und da schweben sie in der Luft, ohne Seil, ohne Maske, ohne das ganze Handwerkszeug der Lust. Bloß frei.

In 19 Berliner Kinos. OmU: Rollberg, OV: Cinestar Sony-Center, Zoo Palast

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