Berlinale Forum : Kriegsdrama in Bosnien: Mein Feind, der Nachbar

Zerrissenes Land: Aus Bosnien und Herzegowina laufen im Forum mit „Krugovi“ und „Odbrana i zaštita“ zwei bewegende Dramen, die sich um Kriegsfolgen drehen.

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Trauma. Serbische Soldaten quälen Haris (Leon Lucev). Foto: Bas Celik/Neue Mediopolis
Trauma. Serbische Soldaten quälen Haris (Leon Lucev). Foto: Bas Celik/Neue Mediopolis

Die Kleinstadt Trebinje liegt im südlichsten Zipfel von Bosnien und Herzegowina. Die Serben sind hier 1993 in der Mehrheit, doch einige muslimische Bewohner sind trotz des Krieges geblieben. An einem sonnigen Wintertag hat der serbische Soldat Marko (Vuk Kostic) Fronturlaub und geht mit seinem Freund Nebojša (Nebojša Glogovac) zum Marktplatz. Plötzlich bemerkt er, wie vier andere serbische Soldaten einen Mann herumschubsen und treten. Es ist der muslimische Kioskbesitzer Haris (Leon Lucev). Marko geht herüber und stoppt die Soldaten für einen Moment, Haris flieht. Ein paar Sekunden später liegt Marko auf der Erde.

Diesen Soldaten hat es wirklich gegeben. Er hieß Srdjan Aleksic und war 28 Jahre alt, als ihn seine Kameraden ins Koma prügelten. Einige Tage später starb er. Nun hat ihm Srdan Golubovic – derzeit einer der wichtigsten serbischen Regisseure – seinen Film „Krugovi“ (Circles) gewidmet. Er macht die tödliche Heldentat in leicht abgewandelter Form zum Ausgangspunkt eines fiktiven Episodendramas, das zeigt, wie die Beteiligten zwölf Jahre später wieder mit den Geschehnissen dieses Tages konfrontiert werden.

Haris lebt jetzt mit Frau und zwei Kindern in Halle, das in seiner Plattenbaupracht fast wie Neu-Belgrad aussieht. Als Markos damalige Verlobte ihn um Hilfe bittet, weil sie mit ihrem kleinen Sohn vor dessen gewalttätigem Vater geflüchtet ist, organisiert er eine Wohnung für die beiden. Damit ist es allerdings längst nicht getan, und Haris nimmt sich mit aller Macht ihres Schicksals an – auch wenn seine eigene Familie dadurch in Gefahr gerät. Er will etwas zurückgeben. Eine Schuld begleichen, die ihm niemand gibt.

Golubovic inszeniert das ebenso packend wie seinen letzten Thriller „Klopka – Die Falle“, der 2007 im Forum lief. Elegant webt er zudem einen Handlungsstrang in Belgrad und einen in Trebinje ein. Wobei vor allem die Episode um Markos Vater bewegt, denn sie zeigt wie ein alter Mann sich Schritt für Schritt aus seiner Verbitterung herauskämpft und schließlich dieselbe Menschlichkeit beweist, die auch seinen Sohn angetrieben hat. „Krugovi“ ist eines der eindrucksvollsten Beispiele für die filmische Verarbeitung der Balkankriege, denn Golubovic gelingt es, eine universelle Geschichte über Schuld- und Rachegefühle, Versöhnung und das Weiterleben nach einem tragischen Einschnitt zu erzählen.

Um verwandte Themen kreist auch Bobo Jelcics „Odbrana i zaštita“ (A Stranger), der im rund 50 Kilometer nördlich von Trebinje gelegenen Mostar spielt. Die herzegowinische Geburtstadt des Regisseurs ist seit dem Krieg faktisch geteilt: Im westlichen Teil leben vor allem Kroaten, im östlichen Bosniaken (Muslime). Die berühmte Brücke über die Neretva, die 1993 von Kroaten zerstört wurde, ist zwar rekonstruiert. Doch auf die andere Seite geht man nicht. Deshalb gerät Slavko (Bogdan Diklic) in ein Dilemma: Im muslimischen Stadtteil stirbt ein alter Freund von ihm. Er geht mit seiner Frau Milena zur Beerdigung, macht sich jedoch ständig Sorgen, was ein kroatischer Freund davon halten würde, wenn er davon erführe.

„Odbrana i zaštita“ ist ein stilles, in gedeckten Farben gehaltenes Psychogramm. Nebenbei fängt es in sehr lebensnahen Dialogen den traurig-apathischen Alltag in Mostar ein. Nur für Momente brechen die Figuren aus: Die Tochter des Verstorbenen hat auf der Rückfahrt in den kroatischen Teil von Mostar einen Zusammenbruch, und zwei von Slavkos Todesfantasien werden visualisiert. Doch schon in der jeweils nächsten Szene geht wieder alles seinen gewohnten Gang.

In Innenräumen filmt die Kamera häufig durch Türrahmen und wird ohne Stativ geführt. Das erzeugt eine ganz eigene Präsenz – als stünde ständig eine weitere Person im Raum, was Slavkos Gefühl des Beobachtetwerdens spiegelt. Mit seiner Paranoia ist er nicht allein in der zerrissenen Stadt an der Neretva im zerrissenen Staat Bosnien.

„Krugovi“: 11.2., 21.30 Uhr (Delphi), 12.2., 20 Uhr (Colosseum), 14.2., 22.15 Uhr (Cubix 9), 16.2., 16.30 Uhr (Cinestar 8); „Obrana...“: 9.2., 21.30 Uhr (Cinestar 8), 10.2., 20 Uhr (Colosseum), 12.2., 17 Uhr (Delphi), 16.2., 22.15 Uhr (Cubix 9)

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