Berlinale Wettbewerb : Die Legende von Toma und Ana

Psychopathologie einer Liebe: Finale im Berlinale-Wettbewerb mit „Ana, mon amour“.

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Filmszene aus "Ana, mon amour".
Filmszene aus "Ana, mon amour".Foto: Berlinale

Geld gegen Träume, von dem Deal lebt nicht nur das Kino, sondern auch die Psychoanalyse. Geld gegen Erinnerungsflashs, Projektionen, Kindheitstraumata, Wunschfantasien, Verdrängtes, Verbotenes, Sex und Gewalt. Wenn ein Film etwas taugt, funktionieren auch Übertragung und Gegenübertragung, die Auskopplung und Rückkopplung ans eigene Ich.

Keine schlechte Idee also, Chlin Peter Netzers rumänisches Beziehungsdrama „Ana, mon amour“ an das Ende des Wettbewerbs zu stellen, entfaltet es sich doch nicht chronologisch, sondern folgt dem fragmentierten Erzählverlauf einer Analyse und spielt dabei mit den Facetten des Kinos. Letztlich changiert es ja immer zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit, Fakt und Fantasma.

Eine Liebe, die mit einem Disput über Nietzsche beginnt

Toma (Mircea Postelnicu) und Ana (Diana Cavallioti) lernen sich an der Uni kennen, im Literaturseminar. So beginnt es, mit der Geburt der Verliebtheit bei einem philosophischen Disput über Nietzsches Moralbegriff, während die Handkamera die beiden in Augenschein nimmt, die Gesichter abtastet, unruhig, scheu, begehrlich, wie das am Anfang so ist. Wer bist du, wer bin ich: Ana hat Panikattacken, sie ringt um Luft, nimmt Psychopharmaka, Toma kümmert sich um sie, es ist eine heftige Liebe, mit explizitem Sex (der einzige im Wettbewerb 2017!), Nähe, Fürsorge, Geborgenheit auch. In einer der schönsten Szenen liegen die beiden nach dem Sex erschöpft auf dem Bett, die Finger ineinander verschränkt, Toma im Halbschlaf, sie singt leise ein Lied, ein Volkslied, ein Kindheitslied. Es ist das Glück möglicherweise oder doch nur eine Chimäre, das Licht schmeichelt der Haut und Anas mädchenhaftem Gesicht.

So ist es und wird doch ganz anders, wie immer im Kino und im Leben. Toma trägt Ana auf Händen, geht zu den Ärzten mit ihr, treibt eine Therapeutin auf, kommt mit zu den Eltern in der Provinz, ekelt sich vor dem schmuddeligen Stiefvater, verteidigt sie vor den eigenen großbürgerlichen Eltern, geht für sie zur Beichte und sucht Rat beim Pastor – der dem Kettenraucher vorrechnet, dass er bei einer Schachtel pro Tag seit zehn Jahren inzwischen Nikotin zum Preis eines Kleinwagen inhaliert hat. Als Ana schwanger wird, weicht er ihr erst recht nicht mehr von der Seite (und raucht weiter). Jetzt ist er es, der ihr die Luft zum Atmen nimmt, sie wird sich befreien müssen. Ende einer Ehe, da ist ihr Sohn schon fünf oder sechs.

Netzer betreibt die Psychopathologie der Liebe

Chlin Peter Netzer betreibt die Psychopathologie einer Liebe. Auch sein Land, das postkommunistische Rumänien, legt der 41-jährige Filmemacher wieder mit auf die Couch, wie schon in seiner fulminanten, deutlich weiter gefassten Gesellschafststudie „Mutter und Sohn“, mit der er 2013 den Gold-Bären gewann. Darin rettet eine Mutter aus der Bukarester Nomenklatura ihren Sohn vor der Verfolgung der Strafbehörden – er hatte Fahrerflucht nach einem tödlichen Unfall begangen. Eine Übermutter, skrupellos, korrupt, Toma hat ähnlich autoritäre Eltern. Anas Vater wiederum ging in den Westen, sie wuchs mit einem gewalttätigen Schwiegervater auf. Eine verratene Generation, die das Erbe der Vergangenheit schultert, mit bangem Blick in die Zukunft.

Die Schuld, die Verstrickung, die Dominanz, der Fürsorgeterror: Die Jungen wollen es besser machen und leiden unter Wiederholungszwang, variieren die Fehler der Alten. Gerade weil Toma es gut meint, zu gut, erstickt er die Liebe damit.

Ein Gedankenkonstrukt: Netzers Zeitsprünge ermüden, das ständige Hin und Her zwischen dem Beginn der Liebe, der Zerrüttung im Lauf der Jahre bis zum Alptraum-Finale. Die Irritation wird mechanisch. Aber die Hauptdarsteller von „Ana, mon amour“ gleichen die Schwächen der Dramaturgie aus: Diana Cavalliotis luzide Präsenz, Mircea Postelnicus Selbstverkennung, sein Changieren zwischen Egoismus und Empathie, auch das wird bleiben von der Berlinale 2017.

18.2., 12 Uhr (Friedrichstadtpalast), 15 Uhr (HdBF), 19.2., 15.30 Uhr (HdBF)

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