Berliner Häuser (17) : Der Sonne so nah

Das „Excelsiorhaus“ in der Kreuzberger Stresemannstraße ist eine Wohnmaschine mit schicker Bar und CIA-Vergangenheit.

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Herausragend. 500 Wohnungen gibt es im „Excelsiorhaus“.
Herausragend. 500 Wohnungen gibt es im „Excelsiorhaus“.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ein Haus kann sich nicht wehren gegen den Zeitgeist. Die Epoche der Nachkriegsmoderne durchleidet gerade eine Akzeptanzkrise, die sich in aggressiven Vokabeln wie „hässlicher Betonklotz“ entlädt. Und es fällt tatsächlich schwer, diese 17 Stockwerke zu mögen, 17 gelbe, gummigenoppte Flure, mit nummerierten Türen.

Das „Excelsiorhaus“ an der Stresemannstraße ist eine Wohnmaschine, gebaut in der stadtplanerischen Gewissheit der 60er Jahre, dass der künftige Mensch nach oben streben wird, während sein Auto unten in der Tiefgarage parkt. Die Architekten Heinrich Sobotka und Gustav Müller hatten zuvor schon das inzwischen teilweise abgerissene Schimmelpfeng-Haus über der Kantstraße gebaut.

An der Straßenfront einige Läden, Gaststätten, eine Kegelhalle, dazwischen Verbundsteinpflaster und etwas Kübelgrün. Hat mal gut funktioniert, das Ensemble. Jetzt nicht mehr. Die Kegelhalle ist weg und vor ein paar Wochen krachte eine halbe Wohnungseinrichtung aus einem oberen Stockwerk auf den Hof. Dem arbeitslosen Besitzer war die Sicherung durchgebrannt. Hier wohnen viele Alleinstehende, die sich ein besseres Leben erhoffen, woanders. Eine unsanierte Einzimmerwohnung kostet rund 300 Euro warm. Aber die Mieten ziehen an.

Die Aussicht ist Kult, empfohlen von der "Vogue"

Das Herausragende der 500 Wohnungen sind die Fenster aus Metall. Sie lassen sich um die Mittelachse vertikal bewegen, so dass die Außenseite zum Putzen nach innen gedreht werden kann. So spart man sich das aufwendige Gebäudereinigen. Ärgerlich nur, dass es beim Lüften immer reinregnet und so viel Fenster, wie herausragt, gleichzeitig hereinragt.

Dabei ist der Blick nach draußen das Beste, was das Haus zu bieten hat. Dieser Blick ist Kult, hymnisch besungen von Reiseliteraten. Das Magazin „National Geographic“ spricht von einem „Top Spot“, die „Vogue“ empfiehlt, hier den Sonnenaufgang mit einem Lychee-Prosecco zu begießen. Schon das Hinaufgleiten im Glasfahrstuhl an der Außenfassade prickelt wie ein guter Champagner.

Wie passt das zusammen? Der angeschmuddelte Betonriegel beherbergt in seiner oberen linken Ecke eine der trendigsten Skybar-Lounge-Restaurant-Locations Europas, das Solar. Ein ewiger Geheimtipp, schwer zu finden, das gehört zum Marketingkonzept. Das heruntergewirtschaftete Quartier mit der dunklen Einfahrt ist genau die richtige Gruselumgebung für einen Luxusschuppen, findet Rik Verweyen, der Chef. „Die Leute laufen oft die Stresemannstraße auf und ab und suchen nach der 76“. Er lacht. Dieses Herumirren fördert das ruppige Berlin- Image. Nach der Mutprobe gibt es dann Jacobsmuscheln in Absinth mariniert oder Tofu-Sesam-Lollis.

Im Kalten Krieg betrieb die CIA hier einen Horchposten

Anschließend steigen die Besucher ins Oberdeck, lümmeln sich auf eine Schaukel und schauen aus Panoramafenstern, wie die Sonne langsam in die Stadtsilhouette eintaucht. Die Zahl der Heiratsanträge ist hoch. Erfunden hat diesen Ort die CIA, erzählt Verweyen. Als das Haus gebaut wurde, meldeten sich die kalten Krieger aus Langley und bauten ein bisschen mit. Zu verlockend war die Höhe, so nah an der Mauer. Ein Horchposten wurde eingerichtet, mit separatem Fahrstuhlzugang. Irgendwann sei die CIA wieder abgezogen, sagt Verweyen, und ein kanadisches Restaurant übernahm, später der Hippieladen Turntower, noch später ein Spitzendeckchen-Café. Danach brauchte es ein paar Jahre, bis Verweyen kam. Madonna, Leonardo di Caprio und Christian Wulff waren schon oben.

Einst stand hier das Excelsior am Anhalter Bahnhof. Es war seinerzeit das „größte Hotel des Kontinents“, ein 700-Betten- Tempel, ausgestattet mit einem eigenen Kraftwerk, Festsälen, Bibliothek und diversen Bewirtungsstuben mit insgesamt 5000 Plätzen. 1927 kam der „größte Hoteltunnel der Welt“ hinzu, ein Verbindungsgang zum Anhalter Bahnhof, bequem mit Fahrstühlen erreichbar und von Geschäften gesäumt. Eigentümer des florierenden Betriebs war Curt Elschner, gelernter Kellner und Selfmademillionär aus Thüringen. Die etwas protzige neobarocke Straßenfassade an der Stresemannstraße war nur ein kleiner sichtbarer Teil des Riesenbaus, der eine zweite Front an der Anhalter Straße aufwies.

Im Sommer hat Nicolas Berggruen das Ensemble gekauft

Der unpolitische Elsner bekam mächtigen Ärger mit den Nazis, weil er Hitler mal ein Zimmer verweigert haben soll, was er vehement bestritt. 1938 erging ein Befehl des Reichsführers SS an seine Untergebenen, das Excelsior unbedingt zu meiden. Das wog schwer, denn für die Mitarbeiter der nahegelegenen SS-Terrorzentrale bot es sich an, die Mittagspause im Excelsior zu verbringen. Bald wurde das Verbot auf alle NSDAP-Mitglieder ausgeweitet. Elschner intervenierte mehrfach bei Hitler, gab sich betont judenfeindlich, doch alles Anbiedern half nichts. Der Druck wurde weiter erhöht, bis Elschner die Hotelleitung offiziell niederlegte und sich nach Thüringen zurückzog. Sein Hotel überlebte wie durch ein Wunder den Bombenkrieg, beim Kampf um Berlin geriet es jedoch in Brand. Elschner reklamierte sein Eigentum 1946, bekam es nach langen Querelen zurück, aber mit dem Niedergang des Anhalter Bahnhofs war auch die Hotelruine wertlos geworden. Sie wurde abgerissen. Elschner starb 1963. Drei Jahre später begann auf dem abgeräumten Grundstück der Bau des „Excelsiorhauses“ als Appartementhaus nach New Yorker Vorbild. Kleine funktionale Wohnungen mit Bett- und Küchennische, ohne Pomp und Plüsch.

Wo das Excelsior einst seine Gäste empfing, lagern jetzt Reifen und Stoßdämpfer einer Autowerkstatt, daneben reihen sich ein Bistro, ein Spielcasino, Supermarkt, ein Spätkauf und ein Geschäft für Haustierbedarf aneinander. „Gute Nahversorgung“, sagen Immobilienmakler dazu. Und zentral gelegen, gleich hinterm Potsdamer Platz. Das loben auch die Bewohner. In ihre Wohnung lassen sie den Frager aber ungern. „Zu schäbig. Ich lade niemanden ein“, sagt Richard Hebstreit, nebenberuflicher Paparazzo.

Im Sommer hat Karstadt-Retter Nicolas Berggruen das Ensemble gekauft. Was er daraus machen will, sei noch nicht spruchreif, erklärt eine Sprecherin der Berggruen-Holdings. Dem Vernehmen nach sind „ästhetische Korrekturen“ geplant, eine Anhebung des Niveaus, auch beim Einzelhandel, aber „es ist ja leider alles vermietet“. Und die Drehtür-Fenster? Vielleicht versteigert man sie im Internet als Souvenir der Nachkriegsmoderne.

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