Berliner Kneipen : Zu Hause am Tresen

Berliner Kneipen waren früher Avantgarde. Nun verschwinden sie. Ein Gespräch mit den Müßiggängern Bernd Cailloux und Clemens Füsers.

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Gelernte Westberliner. Die Schriftsteller Clemens Füsers (l.) und Bernd Cailloux im Diener Tattersall in Charlottenburg.Foto: David Heerde

Die Schriftsteller Bernd Cailloux und Clemens Füsers erkunden seit Jahrzehnten als „Märtyrer des Müßiggangs“ Berlin. Bernd Cailloux beschreibt in einem mit „Die Wirte des Lebens“ überschriebenem Kapitel seines Buches „Der gelernte Berliner“ das Nachtleben. Clemens Füsers setzt im Bildband „Letzte Runde“ der traditionellen Berliner Eckkneipe ein Denkmal.

Herr Cailloux, Herr Füsers, was macht eine gute Kneipe aus?

BERND CAILLOUX: Eine gut laufende Kneipe ist so was wie ein Kunstwerk. Sie muss das gewisse Etwas haben, das man nicht erklären kann. Gestern sagte mir ein Freund: „Eine gute Kneipe ist, wenn ich alleine in der Ecke sitzen und lesen kann. Oder ich kann, wenn ich das will, mit dem ganzen Lokal zusammen singen.“ Das fand ich eine gute Umschreibung. Das Allerwichtigste ist übrigens, das richtige Publikum zu ziehen. Da gab es wunderbare Beispiele in Westberlin, die „Paris Bar“, damals, als sie noch nicht „promi“ war.

CLEMENS FÜSERS: Das war ein ganz einfaches Lokal, wo ich mittags oft Würstchen für wenig Geld gegessen habe. Als Herr Breslauer dort noch kellnerte.

CAILLOUX: Der Kellner! Es gab einen richtigen Kellner!

FÜSERS: Gelernt und vom Fach!

CAILLOUX: Mit weißer Jacke!

FÜSERS: Ja, und Schürze, und seine Haare kämte er noch so rüber, die Breslauer-Frisur, vollendete Manieren!

CAILLOUX: Und Otto Schily saß den ganzen Tag in der Ecke und spielte Schach. Ansonsten war es leer.

FÜSERS: Man darf nicht vergessen, dass hier ganz viele Theater um die Ecke liegen. Gut, ein paar haben zugemacht, aber das „Diener“ war ein Wohnzimmer für die Schauspieler. Hier wurden die Premieren diskutiert, sind Schauspieler aufeinander losgegangen, hat Volker Spengler O. E. Hasse eine Ohrfeige verpasst und dann lagen die sich wieder in den Armen. Und die Theaterkritiker saßen hier jeden Abend, schrieben ihre Kritiken, das hat sich in den sechziger und siebziger Jahren so entwickelt. Hellmut Kotschenreuther – der legendäre Theaterkritiker – saß quasi bis zu seinem letzten Atemzug in diesem Lokal. Der liebte es so sehr, dass er schon mal morgens um neun vor der Tür stand. Da hatten die noch gar nicht auf, der hatte das verwechselt – der dachte, es sei abends um neun.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Kneipe in Berlin?

CAILLOUX: Der „Dschungel“, damals noch in Schöneberg, am Winterfeldtplatz. Ein atemberaubendes Lokal, da habe ich abgeschnallt. Eine ziemlich karnevaleske Situation, mit unglaublichem Taumel, mit einer ganz ekstatischen Atmosphäre, und zwar jeden Abend, jede Nacht. Es gab sogar Dichter, die ihre Bücher genannt haben „Heute Nacht im Dschungel“.

FÜSERS: Und in einem Lied ist der „Dschungel“ verewigt, von ...

CAILLOUX: ... Ideal.

FÜSERS: „Ideal“. „Ich fühl’ mich gut, ich steh’ auf Berlin! / Mal sehn, was im Dschungel läuft“. Oder so ähnlich.

CAILLOUX: Das ist die bewegteste Zeit in Berlin gewesen, ab Ende der siebziger Jahre.

Das klingt nostalgisch.

CAILLOUX: Ja, natürlich, das ist die Gefahr, wenn man mit älteren Leuten spricht. Aber die Gesellschaft hat sich auch verändert, die Menschen müssen mehr arbeiten. In den 70ern und 80ern reichten zwei Schichten mit dem Taxi, um gut leben zu können. Dann hatte man 400 Mark, das mal vier war mehr als genug. Die meisten von uns – die Studenten, die Künstlerkandidaten – lebten in billigen, unsanierten Wohnungen mit Ofenheizung, da war es im Winter ein bisschen kalt. Das war ein Grund, in die Kneipen zu gehen. „Westberlin – durchgehend geöffnet“, war ein Slogan vom Senat. Die Kneipenkultur hat sich hier als deutsche Avantgarde entwickelt. Um 1980 gab es in Berlin einige Lokale, die weltberühmt wurden.

FÜSERS: An dieser Stelle müssen wir unbedingt Romy Haag erwähnen. Der haben wir das zu verdanken, diesen großen Aufbruch aus der Hippie-Lethargie. Das Berliner Nachtleben profitiert heute noch von ihrer Initiative, Mitte der 70er diesen Laden zu eröffnen, „Chez Romy Haag“.

Herr Cailloux, Sie schreiben, der Mauerfall habe auch die Karten der Wirte neu gemischt.

CAILLOUX: Das Auffälligste waren natürlich die illegalen Clubs in den Gewerberäumen, Fabriketagen und Kellern. Und das Aufkommen der Technoszene, das Wiederaufleben des Undergrounds, der im Osten noch mal nachgespielt wurde, nachdem er in Kreuzberg seit ’80, ’85 vorbei war. Die Kneipengängerszene hat sich nach dem Mauerfall ziemlich schnell Richtung Osten bewegt.

Sie nicht.

CAILLOUX: Nein.

Nicht, um mal zu gucken, was da los ist?

CAILLOUX: Ich war gelegentlich in irgendwelchen dieser illegalen Clubs. Das war alles niedlich, das waren nette junge Ossis, die versuchten, was zu gestalten. Natürlich war das abenteuerlich, durch drei Gewerbehöfe zu laufen und dann durch Kellertüren zu klettern, durch nasse Rohrleitungskanäle, und irgendwo war dann plötzlich ein Raum, der ein bisschen gestaltet war, wo ein Discjockey stand mit einer einfachen Anlage, und eine kleine Bar und Bier gab es. Da wurde das neue Lebensgefühl ausprobiert.

FÜSERS: Ich wusste schnell: Da gehöre ich nicht hin. Als gelernter Westberliner.

Sie haben ein Buch über Eckkneipen gemacht. Gehören Sie dahin, Herr Füsers?

FÜSERS: Genetisch gehöre ich dahin, als Arbeiterkind. Ich lebe seit meinem sechsten Lebensjahr zum großen Teil in Kneipen, weil mein Vater mich immer zum Frühschoppen mitnahm. Das war bei uns so üblich. Sonntags, so ab zehn, elf ging man in die Kneipe, oft mit den Kindern, damit die Mutti zu Hause in Ruhe das Mittagessen kochen konnte. Nun habe ich versucht, der Berliner Eckkneipe ein Denkmal zu setzen, als mir klar wurde, dass die ausstirbt. Bei meiner Recherche in den neuen, hippen Vierteln in Ostberlin habe ich kaum noch eine alte Eckkneipe gefunden. In Mitte gibt es noch eine einzige, in Prenzlauer Berg – traditionell ein Arbeiterbezirk – gibt es vielleicht noch zwei oder drei, in Friedrichshain werden es immer weniger. Da ist bald nichts mehr.

Welchen Stand hatte denn die Eckkneipe im Arbeiter- und Bauernstaat?

FÜSERS: Das Bier war billiger im Osten.

CAILLOUX: Direkt nach dem Mauerfall, das war unglaublich, kostete ein Wodka 42, ein kleines Bier 38 Pfennige, das hat noch ein Jahr angehalten.

FÜSERS: Das kenne ich noch aus der „Bornholmer Hütte“, vor dem Mauerfall, die Kneipe unmittelbar am Grenzübergang Bornholmer Straße. Da kamen viele Leute aus dem Westen mit einem Mehrfachvisum und haben sich für wenig Geld einen schönen Abend gemacht. Um kurz vor zwölf sind die schnell zur Grenze, um wieder einzureisen, haben sich den Stempel geben lassen und konnten dann bis in die Puppen weiter trinken.

Sie schreiben, Herr Cailloux, die Kneipe sei der am wenigsten geeignete Ort für Anbändeleien.

FÜSERS: Das stimmt doch gar nicht!

CAILLOUX: Es gab eine Zeit, die in den Kneipen wirklich sehr frei war, vor Aids, vor den Feministinnen. Es gab sehr promiskuitive Lokale, das „Tolstefanz“, das später „Far Out“ hieß, gegenüber der Schaubühne, wo ein wunderbar erotisches Spiel lief, dauernd irgendwelche Spontanpärchen entstanden. Berlin war hocherotisch. Westberlin. Heute kann man nicht mehr in die Bar gehen und einfach eine Frau ansprechen.

FÜSERS: Früher haben wir uns doch in den Kneipen – ich denke da an Kreuzberg: „Yorckschlösschen“, „Delirium“ und „Nulpe“ – die Frauen schön gesoffen. Heute vertrage ich nicht mehr so viel.

Haben sich auch die Kneipengespräche verändert?

FÜSERS: Früher haben wir politische Diskussionen geführt bis in die frühen Morgenstunden, mit viel Alkohol und mit völlig unversöhnlichen Positionen. So vehement wird heute nicht mehr diskutiert.

CAILLOUX: Im alten Westberlin konnte man sich bis etwa 50 sehr jung fühlen, da waren die Orte nicht in dem Maße nach Altersgruppen aufgeteilt wie heute. Wenn ich ins „Berghain“ gehe, sind die Leute dort praktisch alle unter 30.

FÜSERS: Die lassen dich ins „Berghain“?

CAILLOUX: Im „Berghain“ hatte ich Premiere mit meinem jüngsten Buch. Deswegen kam ich rein.

FÜSERS: Ich versuche es erst gar nicht.

CAILLOUX: Das ist übrigens ein sensationelles Haus, auch wenn es keine Kneipe ist. Zu jeder Zeit wäre es ein Riesenerfolg gewesen – egal, ob als Rockschuppen, als Hippieschuppen oder als Punkschuppen. Eine total gelungene Location, wie man heute sagt. Eine Anverwandlung des technischen Raums mit wenigen Mitteln, ich war total überrascht. Das ist nicht umsonst zum besten Club der Welt gewählt worden, das glaube ich sofort.

Gibt es so etwas wie eine Typologie der Kneipen?

CAILLOUX: Bourdieu würde wahrscheinlich 750 verschiedene Kneipentypen ausfindig machen. Von der Kneipe muss man zum Beispiel die kleine Bar unterscheiden. Die hat sich durch die Zeiten erhalten, bis jetzt. Die kleine Bar mit 40, 50 Plätzen, so etwa wie Adolf Loos sie einmal entwickelt hat, in Wien. Ein langer Tresen und verschiedene kleine Tische, das gibt es heute noch in allen Stadtteilen.

Gibt es den großen Kneipenroman?

CAILLOUX: Hubert Fichte, „Die Palette“, 600 Seiten. Hamburg, sechziger Jahre. Der hat jeden Abend in einer Kneipe gesessen, zwei Jahre lang, und hat alles aufgezeichnet, was passierte.

FÜSERS: Die Hälfte vom „Ulysses“ spielt doch in Kneipen.

Wie oft gehen Sie in die Kneipe?

FÜSERS: Jeden Abend.

CAILLOUX: „Ich hasse die Kneipen – und bin ihnen doch verfallen.“ August Strindberg, schwedischer Dramatiker, 1884.

Ist die Kneipe ein zweites Zuhause?

CAILLOUX: Nein, eine Gegenwelt.

FÜSERS: Sie ist das erste Zuhause. Es mag einen Ort geben, wo man die Miete zahlt, da schläft man seinen Rausch aus, kocht seinen Kaffee und zeugt vielleicht ein Kind – aber das Zuhause ...

Das Gespräch führte Jens Müller.

Bernd Cailloux: Der gelernte Berliner. Sieben neue Lektionen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2008. 253 S., 10 €.

Clemens Füsers / Gudrun Olthoff: Letzte Runde. Ein Spaziergang zu traditionellen Berliner Eckkneipen. Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen, Berlin 2009. 160 S., 15 €.

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