Berliner Kultur : Aufschlag Nabokov

Die alte Tennisanlage hinter der Schaubühne birst vor Geschichten. Jetzt droht ihr das Ende.

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Platzsperre. Die Pappeln vermissen das rhythmische Ploppen der Bälle.
Platzsperre. Die Pappeln vermissen das rhythmische Ploppen der Bälle.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

In den kaum mehr vorstellbaren Zeiten, als der Kurfürstendamm noch als einzige Prachtmeile der geteilten Stadt galt, traf sich ein bunter Haufen von Aficionados in einer Tennisanlage hinter der Schaubühne. Man erreichte sie über die Cicerostraße. Die Anlage mit neun Plätzen war durch himmelhohe Pappeln und die schöne Wohnanlage von Erich Mendelsohn derart verdeckt, dass Neulinge sie nicht fanden. Selbst vom Eingang aus sah man nur eine ebenerdige, von Büschen und ein paar Holztischen umstellte Gartenkneipe, in der Bouletten mit Kartoffelsalat und Bier gereicht wurden.

Einer von denen, die den Eingang nicht fanden, war der Regisseur Luc Bondy. Zu seiner ersten Trainerstunde kletterte er kurzerhand über den maroden Drahtzaun, der die Anlage von der Schaubühne trennte, und ließ sich anschließend, seine Locken über dem Ohr mit dem Zeigefinger drehend, gebührend feiern. Überhaupt war die kommerziell betriebene Anlage, die jahrzehntelang von Jutta Felser- Utecht und ihrer Mutter geführt wurde, ein Treffpunkt für eine einmalige Mischung von Gästen. Akademiker, Schriftsteller, Künstler, Balletttänzerinnen, Journalisten und durchreisende Fernsehstars aus München trafen auf Restaurant- und Barbesitzer vom Ku’damm, die den größeren Teil ihres Lebens hier verbrachten. Letztere fuhren gern in dicken Angeber- Autos vor, obwohl sie kaum zehn Minuten hätten gehen müssen. Die anderen kamen mit dem Taxi oder dem Rad.

Vor allem die Psychoanalytiker, die immer im Voraus buchten, erschienen in so großer Zahl, dass Spontan-Gäste wie ich das Gefühl hatten, die besseren Plätze seien bis Jahresende für Seelendoktoren reserviert. Die Branche gehörte schon damals zu einem der wenigen blühenden Geschäftszweige in Berlin. Natürlich traf man auch den einen oder anderen Patienten. Allerdings spielten sie nie mit denen, bei denen sie eben noch für 80 Mark auf der Couch gelegen hatten.

Die Tennisanlage steht unter Denkmalschutz. In den 20er Jahren wurde sie zusammen mit Mendelsohns Wohnanlage entworfen. Sie ist eine der ehrwürdigsten und am besten in ihr Umfeld integrierten Tennisanlagen Berlins, mit einer denkwürdigen Geschichte. Der noch unbekannte Schriftsteller Vladimir Nabokov hat sich hier ein Zubrot als Tennislehrer verdient. Ein Foto zeigt ihn mit Schläger in weißen langen Hosen und im schwarzem Jackett, wie er mit Swetlana Siewert und ihrer Schwester Tatjana zur Anlage geht. Der Drehbuchautor Jochen Brunow, ein Stammgast in der Cicerostraße, erinnert sich, wie er am Zaun des Geländes eines Tages ein jüdisches Ehepaar aus den USA traf. Der alte Herr erzählte ihm, dass er hier für ein paar Groschen Tennisbälle aufgesammelt hat. In den damals noch frostsicheren Wintermonaten sei die Anlage geflutet worden und habe als Eislaufbahn gedient. An den Werktagen zogen die Schlittschuhkundigen Berlins zu den Klängen eines Grammofons ihre Bögen, am Wochenende spielte eine Live-Kapelle.

Nach dem Krieg kamen andere, wie Nabokov erst später berühmte Gäste. Nicht alle wollten Tennis spielen. Ihnen genügte das beruhigende Geräusch von rhythmisch geschlagenen Tennisbällen unter den Pappeln. Einer von ihnen war Willy Brandt; Johannes Mario Simmel soll einen seiner Romane auf den harten Kneipenbänken zu Papier gebracht haben. Mitte der achtziger Jahre erreichte die zweite Welle russischer Emigranten Berlin. Bekanntlich war es diesmal nicht die russische Aristokratie und Bourgeosie, die „Charlottengrad“ und die Anlage in der Cicerostraße entdeckten. Es waren die russischen Neureichen der Wendezeit, die sich im Rufton unterhielten, selbst wenn sie an einem Tisch zusammensaßen, und ihre von Udo Walz frisierten Ehefrauen und bildschönen Töchter zu den Trainern auf die Plätze schickten.

Dabei war die Anlage nicht gerade in einem Zustand, den Millionäre aus dem Tennisland Russland erwarten durften. Erträglich waren eigentlich nur die Plätze 1,2 und 3; die hinteren Plätze blieben den Ahnungslosen vorbehalten. Die gemächlich ausgreifenden Pappelwurzeln sorgten für „Platzfehler“, und die gesamte Drainage war so dürftig, dass die Stammgäste nach einem Platzregen mit Kübeln, Hadern und Schwämmen für die Trockenlegung sorgten. Zur Verteidigung der Pächterin sei gesagt, dass unter dem Sand der hinteren Plätze ein wasserfester Nazibunker lag, der noch lange Zeit begehbar war. Es hätte nahegelegen, dort ein paar Hartplätze anzulegen.

Weil niemand Mitglied werden konnte, wurde die Anlage ein Biotop für Individualisten und fantastische Spektakel. Sie öffnete bereits, wenn die Märzsonne erste Risse in die graue Dunstmauer schnitt, die im Winter über Berlin hängt, und sie schloss, wenn der erste Schnee fiel. Einmal habe ich an einem sonnigen Dezembertag auf Pappellaub und gefrorenem Sand mit meinem Freund und Trainer Gerd Heckele mit Handschuhen Tennis gespielt. Im Frühling erschienen dann die jungen Talente der noch geschlossenen Edelclubs. In dieser „Vorsaison“ wurden auf den defekten Plätzen Bälle geschlagen, wie man sie sonst nur in Wimbledon oder bei den US-Open zu sehen bekam.

Die Fata Morgana währte allenfalls zwei Wochen, danach wurde das Leben wieder von der Kerntruppe bestimmt, von den Wirten und Inhabern kleiner Läden rund um den Kurfürstendamm. Da die meisten Nachtarbeiter waren, kamen sie erst um die Mittagszeit und spielten – nicht etwa Tennis, sondern Backgammon oder Poker, wobei es oft um tausende Mark ging. Manchmal wurde auch eine verrückte Wette ausgetragen. Dann sah man die betagten, nicht mehr ganz nüchternen Recken, mit eindrucksvollen Bandagen um Knie, Oberschenkel oder Ellbogen zum Duell antreten. Sie spielten ungeschickt, tückisch und ohne jeden Stil, aber Eingeweihte wussten, dass es manchmal um die Existenz ging. Unvergesslich die Ballerinen vom Theater des Westens, die wie Elfen über die Plätze schwebten und auf Zehenspitzen das Netz erreichten, um einen gemeinen Stoppball zu parieren. Schriftsteller und Drehbuchautoren dachten darüber nach, wie die Anlage wenigstens fiktiv verewigt werden könnte. Die Fernsehserie namens „Matchpoint“ kam allerdings nie zustande.

Die Tennisanlage gibt es immer noch. Aber wer sie liebte und sie heute besucht, kann nur weinen. Selbst auf den besseren Plätzen wachsen inzwischen mannshohe Essigbäume – die einzige Pflanze, die in Berlin zuverlässig gedeiht. Überall hat Moos und Gras den schütteren roten Sand überdeckt. Selbst die himmelhohen Pappeln lassen die Zweige hängen und vermissen das Geräusch der Tennisbälle. Vielleicht tun dies inzwischen auch die Anwohner, die sich immer wieder über gelegentliches Gebrüll auf der Anlage beschwerten. Einer der berüchtigtsten Brüller war übrigens der „Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner, dem die Anlage einen historischen Satz verdankt. Es handele sich, schrieb er, um einen neapolitanischen Hinterhof, auf dem man eigentlich nur Wäsche aufhängen könne. Ein solches Urteil galt dem weltläufigen Haufen der Dauergäste als ein Adelstitel.

Vor zwei Jahren wurde das Grundstück von der weltweit operierenden britischen Immobilienfirma Shore-Capital erworben. Die Firma bietet es derzeit für den Abschreckpreis von 700 000 Euro an. Kenner der Anlage und investitionsbereite Käufer halten diese Summe für ein Scheinangebot und vermuten, dass die Firma etwas ganz anderes mit dem Grundstück vorhat. Wenn nur genügend Essigbäume auf der Anlage gewachsen sind, werde die tief verschuldete Stadt Berlin den Denkmalschutz aufheben.

Ich fürchte, sie haben recht. Mich hat die Firma, trotz mehrfacher Beteuerung, nie zurückgerufen. Und vom Berliner Denkmalschutz ist zu hören, man gebe die Anlage selbstverständlich nicht auf. Es gebe zur Zeit ja auch gar keine Pläne für eine Bebauung. Wenn sich allerdings kein Betreiber finde, werde man wohl auf die ursprünglichen Bebauungspläne zurückgreifen. Schließlich habe Erich Mendelsohn die Tennisplätze nur entworfen, weil seinem Auftraggeber das Geld für die Bebauung ausgegangen war.

Peter Schneider lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien von ihm „Rebellion und Wahn“ (Kiepenheuer & Witsch, 2008).

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