Berliner Kunst zieht um : Wohin mit Max Ernst?

Die Neue Nationalgalerie ist geschlossen, die Klassische Moderne bekommt Asyl in Charlottenburg. Einige Preziosen sind jetzt in der Sammlung Scharf-Gerstenberg zu sehen. Gleich nebenan muss der Erweiterungsbau des Berggruen-Museums nach einem Feuchtschaden saniert werden. Die Staatlichen Museen haben wenig Fantasie für Interimslösungen entwickelt.

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Flugobjekt. Max Ernsts „Vogel auf Rot“ aus dem Jahr 1956 ist aktuell in der Sammlung Scharf-Gerstenberg in der Schlossstraße zu sehen.
Flugobjekt. Max Ernsts „Vogel auf Rot“ aus dem Jahr 1956 ist aktuell in der Sammlung Scharf-Gerstenberg in der Schlossstraße zu...Foto: bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders, VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Der Kehraus der Neuen Nationalgalerie, der Abschied vom Mies-van-der-Rohe-Bau ist groß begangen worden zum Jahresbeginn. Acht Tage lang spielten Kraftwerk, es war laut jeden Abend. Seitdem ist es still geworden um die Architekturikone, die jetzt generalsaniert wird. 1600 Bilder und Skulpturen werden nach und nach herausgetragen und auf die verschiedenen Depots in der Stadt verteilt. Bis zum Herbst soll das geschehen, ganz ohne Spektakel: Kunst ist ein fragiles Gut. Im Erdgeschoss, in der gläsernen Halle, herrscht bereits eine große Leere.

Irgendwann werden auch die Außenskulpturen demontiert sein und ein Bauzaun kommt drumherum, drei, vier, fünf Jahre lang. Geplant ist ein Online-Sanierungstagebuch, in dem der Einbau der monumentalen Fensterscheiben oder das Entschweben der tonnenschweren Henry-Moore-Skulptur festgehalten werden sollen. Und irgendwann steht auf der anderen Seite der Sigismundstraße (oder auch hinter dem Mies-Bau) womöglich der nächste Bauzaun, wenn mit den Arbeiten für das Museum der Moderne begonnen wird, das 2021 eröffnen soll. Ja, wenn. Bislang ist nicht einmal der Wettbewerb ausgeschrieben, am Auslobungstext wird noch gefeilt. Inzwischen hofft man, dass es diesen Sommer etwas wird damit, so die vage Auskunft.

Auch bei der Nationalgalerie geht es bislang sachte voran, die Sanierung erfordert schließlich Fingerspitzengefühl. Hinterher soll alles so erscheinen, als stamme es von Mies van der Rohe persönlich, als wäre so gut wie nichts verändert. David Chipperfield hat versprochen, das Gebäude wie einen Mercedes des Jahrgangs 1968 zu behandeln. Der Oldtimer soll fahrtüchtig gemacht werden für die Klassiker der Moderne und ihre Präsentation im 21. Jahrhundert. Bis dahin aber stehen die Besucher vor verschlossener Tür.

Seit geraumer Zeit weist deshalb ein Schild an der Potsdamer Straße Ecke Reichpietschufer darauf hin, dass Klee & Co. in Charlottenburg zu finden sind, im Museum Berggruen und in der Sammlung Scharf-Gerstenberg. Die Touristen kennen das schon. Als der Mies-Bau noch geöffnet war, gab es die „Brücke“-Künstler schließlich auch nicht zu sehen, das letzte Mal vor vier Jahren. Seitdem behalfen sich die Damen an der Kasse mit kleinen Zettelchen, die auf auf Englisch Auskunft gaben: „Sorry, Kirchner is out“.

   Well, Kirchners „Potsdamer Platz“, Karl Schmidt-Rottluff, Macke, Marc und all die anderen sind jetzt dicke da, in der großen „Im / Ex“-Ausstellung in der Alten Nationalgalerie, dem Sommer-Hit der Staatlichen Museen. Die Schau kombiniert clever die populärsten Epochen der jüngeren Kunstgeschichte und lockt ein Riesenpublikum ins Haus, als gäbe es etwas nachzuholen. Was in gewisser Hinsicht auch stimmt. Endlich bilden sich wieder Warteschlangen vor einem Ausstellungshaus, nachdem die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gerade vom „Spiegel“ vehement für ihre leeren Museen gescholten wurde, für den eklatanten Besuchermangel in der Gemäldegalerie und dem Kunstgewerbemuseum am Kulturforum.

80 000 Menschen haben in den ersten sechs Wochen „Im/Ex“ besucht, so viele kommen in die Sammlung Scharf-Gerstenberg nicht einmal in einem halben Jahr. Dabei sind hier ebenfalls Kostbarkeiten aus der geschlossenen Nationalgalerie zu sehen, 30 Werke insgesamt. Die Dauerausstellung wurde eigens neu eingerichtet, sie ist nicht chronologisch, sondern nach Themen sortiert. Es lohnt sich, die neue Hängung in Augenschein zu nehmen und den Surrealisten wiederzubegegnen, die sich hier im östlichen Stülerbau seit 2008 häuslich eingerichtet haben.

In der großen Haupthalle wird die Wechselausstellung „Mit anderen Augen“ präsentiert. Ausgangspunkt ist ein von Julietta Scharf jüngst erworbener Wandschirm, auf dem es nur so drunter und drüber geht mit kleinen amourösen Szenen, dazwischen schwarze Springteufelchen. Die Surrealisten entdeckten diesen von einem fleißigen Bildchen-Sammler beklebten Paravent auf einem Flohmarkt in Paris und begeisterten sich sofort dafür, da er ein Tohuwabohu der Lustbarkeiten vorführt und zugleich dem Verbergen dient, ähnlich ihrer eigenen künstlerischen Strategie.

Die prominente Präsentation des Paravents hat nicht zuletzt darin ihre Ursache, dass man die Leihgeberin des schönen Stücks gewogen halten möchte: In drei Jahren läuft der Leihvertrag der Sammlung Scharf-Gerstenberg aus. Der Abzug der Kollektion, die auf Entwicklungslinien fantastischer Kunst spezialisiert ist, würde einen großen Verlust bedeuten. Zugleich besetzt sie ein Haus, das sich derzeit gut als Zwischenquartier für die ins Depot verdammten Nationalgalerie-Bestände eignen würde.

Die klimatischen und versicherungstechnischen Bedingungen stimmen, anders als beim Flughafen Tempelhof, der zeitweilig als Ausweichstätte im Gespräch war. Dem Museumsstandort Charlottenburg hätte ein solcher Aufmarsch der Moderne einen Auftrieb beschert wie lange nicht mehr. Die temporäre Verdrängung der Sammlung Scharf-Gerstenberg wäre zu verschmerzen.

Immerhin profitiert die Sammlung von der Misere des  Mies-van-der-Rohe-Baus, indem sie sich jetzt zusätzlich mit Werken von Oskar Schlemmer, Max Ernst und Hans Arp schmücken kann. Auch andere Ausstellungshäuser der Stadt werden zur Zeit großzügiger als sonst mit Leihgaben bedacht, wie etwa das Kunsthaus Dahlem, das Deutsche Historische Museum oder die Berlinische Galerie. Auch gegenüber der Sammlung Scharf-Gerstenberg, im westlichen Stülerbau, kann man auf alte Bekannte aus der Sammlung der Nationalgalerie treffen. Sie fügen sich dort bestens in die Präsentation des Museums Berggruen ein.

Die kleine, charmante Kabinettausstellung „Sideways“, mit der ein eher randständiges Einzelwerk in den Blick genommen und mit den Großen der Sammlung verknüpft wird, versucht dort von einer anderen Misere abzulenken: der Schließung des Berggruen-Erweiterungsbaus. Kurz nach der Übergabe im Frühjahr 2013 musste dieser wegen eines Feuchtschadens im Dach schon wieder geschlossen werden. Inzwischen läuft ein Gerichtsverfahren, die Gutachter haben das Wort. Jetzt erst, im Frühjahr, begann der Abbruch, mittlerweile wird die Dachkonstruktion neu aufgebaut, die Arbeiten ziehen sich vermutlich ein weiteres Jahr hin.

Für das Museum, das sich von einer Erweiterung neue Impulse versprach, ist die Situation deprimierend. Einen kleinen Trost spenden Arbeiten der Neuen Nationalgalerie, darunter eine Gouache von Picasso. Um diese Leihgaben wird nun groß Aufhebens gemacht, dabei sollte ein solcher Leihverkehr unter den Dependancen der Nationalgalerie gang und gäbe sein.

Einen eigenen Auftritt wird die Klassische Moderne erst im November im Hamburger Bahnhof haben, fast ein Jahr nach der Schließung des Stammhauses; spät, aber immerhin. Unter dem Titel „Neue Galerie“ ist dort bis zur Wiedereröffnung des Mies-van-der-Rohe-Hauses ein eigener Saal reserviert, dort sollen die Bestände im Halbjahreswechsel unter bestimmten Fragestellungen präsentiert werden. Die erste Schau widmet sich den Jahren 1933 bis 1945, es folgen Ausstellungen zu Ernst Ludwig Kirchner und dem Bildhauer Rudolf Belling, der seine erste Museums-Einzelschau 1924 in der Nationalgalerie hatte. Gleichzeitig wird eine Auswahl von 50 Nationalgalerie-Werken im Israel Museum in Jerusalem gastieren, im Rahmen der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland.

Im Frühjahr 2016 sollen diese Kulturbotschafter der Bundesrepublik wieder nach Berlin zurückkehren. Eine Fortsetzung der Tournee, etwa ein zunächst angedachtes Gastspiel in Japan, ist gegenwärtig nicht geplant. Vorbei die Zeiten, in denen halbe Sammlungen à la „MoMA in Berlin“ um die Welt reisten, weil das Museum zu Hause in New York gerade umgebaut wird. Das Publikum ist selber längst reiselustig, und die Museen erarbeiten sich ihre Ausstellungen lieber selbst, statt nur als Showcase für andere zu dienen. So wird der größte Erfolg für die Klassiker der Nationalgalerie damit beginnen, dass es eines Tages heißt: zurück bei Mies van der Rohe.

Sammlung Scharf-Gerstenberg, Schlossstr. 70, bis 21. August; Museum Berggruen, Schlossstr. 1, bis 20. September; Di bis Fr 10 – 18 Uhr, Sa / So 11 – 18 Uhr.

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