Kultur : Berliner Kunstbuchhandlungen: Haben Sie Taschen?

Moritz Schuller

Im Vergleich mit ihnen ist der gewöhnliche Buchhändler ein Plebejer. Einer, der sich von Crichton-Käufern knechten lässt, ohne Sinn fürs Produkt und ständig mit einem Bein im Ramsch steht. Bei den Kunstbuchhändlern hat auch Ramsch einen eigenen Namen: Taschenverlag. "Wollen wir nicht, haben wir nicht", sagt Katja Reichard, eine der Eigentümer von "Pro qm" in der Alten Schönhauser Straße. Der Taschen Kunstverlag steht für Newton-Kalender mit Nackten, für Großformatiges, für Buntes, während Pro qm eine "thematische Buchhandlung zu Stadt, Politik, Pop, Ökonomie, Architektur, Design, Kunst & Theorie" ist. Dazu gehört immer auch die Aura einer eigenen Ästhetik, die schon architektonisch unter Beweis gestellt wird: der gekachelte Ladenraum von Pro qm war bis 1985 eine Metzgerei, und auch der Bücherbogen, der Klassiker der Kunstbuchhandlungen unter der S-Bahntrasse am Savignyplatz, ist ein entfremdeter Industrieraum. Bis 1980 war dort eine Autowerkstatt.

Bücher aus der Schnittmenge zur Kunst stehen in solch authentischer Umgebung im Regal, statt Bestseller nur Edles aus der Theorie und Zeitgeist im Schuber. Beim Bücherbogen steht zwar der übergroße Newton-Band von Taschen im Schaufenster, doch zufrieden ist die Geschäftsführerin Ruth Spangenberg mit dessen Verlagspolitk auch nicht. "Ich behalte mir vor, die Auswahl selbst zu bestimmen, ohne vom Verlag unter Druck gesetzt werden zu wollen."

Die Szene der Kunstbuchhandlungen ist übersichtlich, man könnte fast sagen: aufgeteilt. Bücherbogen am Savignyplatz und die Galerie 2000 in der Knesebeckstraße decken den Westen ab. Im Osten haben sich in den letzten Jahren Barbara Wien, Artificium in den Hackeschen Höfen und "Pro qm" angesiedelt. Dass der Bücherbogen seine Außenstelle in Mitte (in den Kunstwerken in der Auguststraße) inzwischen wieder aufgegeben hat, lag zwar vor allem an der geringen Ladenfläche und dem sparsamen, jugendlichem Publikum. "Experimentelle Kunst ist problematisch", sagt Spangenberg. "Am Ende waren wir nur noch eine Wärmehalle." Doch richtig wohl gefühlt hat sie sich dort sowieso nicht. "Ich gehöre in den Westen."

Am Charlottenburger Savignyplatz hat sie 1980 angefangen, nachdem sie sieben Jahre die Architekturabteilung in der Galerie 2000 geleitet hatte. Später kam ein weiterer S-Bahn-Bogen dazu, heute gibt es in unmittelbarer Umgebung des Hauptgeschäfts eine Filmbuchhandlung und ein modernes Antiquariat, eine weitere Dependance befindet sich in der Kochstraße. Seit einigen Wochen ist der Bücherbogen im Internet, schon bald soll darüber der Bestellversand laufen, für den es bislang den Katalog gab. Spex, Texte zur Kunst, Arch+, Wallpaper, die Zeitschriften der Szene, liegen am Ausgang, und das, was Spangenberg "Flaneur-Literatur" nennt - Benjamin, Kracauer, Döblin.

Die Belletristik bei Pro qm, ganz vorn im Fenster, ist eklektischer Pop, manchmal schon Teil der "Cultural Studies"-Sektion: Dietmar Dath, Stuckrad-Barre, Goetz, Houllebeck. Kunst ist hier ernst und oft englischsprachig, doch nicht nur der Laden, auch die Betreiber sind authentisch: drei junge Leute aus der Grauzone von Architektur, Kunst und Wissenschaft, die wissen, wovon sie reden wollen. Der Laden als Hobby, die Themen aus Interesse: Gentrifikation, DDR-Moderne, Kritische Rekonstruktion, Peripherie-Debatte. Wer hierherkommt, weiß ebenso, was er will, es sei meistens Fachkundschaft, sagt Katja Reichard und Studenten. Auf dem alten Technics-Plattenspieler liegt, auch das kulturelle cutting edge: ein Remix von DJ Koze. Ein Jahr gibt es den Laden in Mitte inzwischen, im Brennpunkt der Stadt, wie es Katja Reichard nennt. Läuft das Geschäft? "Es wird immer besser." Und später soll Pro qm als Versandbuchhandlung im Internet vertreten sein.

"Wiens Laden" in der Linienstraße als Kunstbuchhandlung zu bezeichnen, hieße Josef Paul Kleihues einen Architekt von Toilettenhäusern zu nennen: Barbara Wien ist Verlegerin von Künstlerbüchern, Antiquarin, Versandbuchhändlerin und Galeristin. Schon der Name "Laden" ist etwas irreführend - der doppelgeschössige Raum ist ebenso Galerie wie Kunstbuchhandlung. "Oben sehen, unten Musik hören, Bücher lesen", beschreibt Barbara Wien die Oberfläche ihres Programms, der Inhalt lautet vor allem: Künstlerbücher. Dieses Genre, entstanden in den fünfziger und sechziger Jahren, umfasst Bücher, die die traditionellen Grenzen von Schrift, Papier und Produktion auflösen. Bücher, deren Thema das Buch und deren Form die Kunst ist. Vor zwei Jahren ist "Wiens Laden" nach Mitte umgezogen, nach zehn Jahren im Westen. Taschen-Verlag? "Nein", sagt Barbara Wien, "wir haben gerade mal DuMont."

Doch ab und zu gerät das Gewerbe der Kunstbücher, das so zivilisiert und ordentlich daherkommt, in Unruhe. Nämlich dann, wenn wieder einmal die Pacht für eine Museumsbuchhandlung ausgeschrieben wird, und Walther König aus Köln den Berliner Markt betritt. König ist Buchhändler und Verleger und landauf, landab der größte Betreiber von Museumsbuchhandlungen. In Berlin ist er im Hamburger Bahnhof und im Martin-Gropius-Bau vertreten, während der Bücherbogen den Laden in der Nationalgalerie und im Berggruen-Museum betreibt.

Dort, in den Berliner Museen, findet man eine weitere Kunstbuchhandlung, die es sonst gar nicht mehr gibt: Wasmuth. Vor einigen Jahren hatte die 1872 gegründete Buchhandlung wegen einer Mieterhöhung ihre Räume in der Hardenbergstraße räumen müssen. "Die Mietbelastung war exorbitant", sagt Thomas Emig von Wasmuth. Inzwischen operiert die Traditionsbuchhandlung nur noch als wissenschaftliche Versandbuchandlung - und als Museumsbuchhandlung im Alten-, im Pergamon-, im Bode-Museum und in der Gemäldegalerie.

Im Kampf um das Jüdische Museum waren jedoch alle drei unterlegen. Der wird in Zukunft von einer Münchner Buchhandlung betrieben. Walther König will ohnehin in Berlin über das reine Museumsgeschäft hinaus expandieren. Ohne Eile sucht er einen geeigneten Ort für eine kunstwissenschaftliche Buchhandlung. "Für mich kommt nur Mitte in Frage", sagt König. Charlottenburg sei ohnehin mit Ruth Spangenberg und dem Bücherbogen abgedeckt. "Die macht das sehr gut." Das Kompliment geht zurück: König sei ein "fantastischer Kunstbuchhändler", sagt Spangenberg. Zur hohen Kunst des Kunstbuchhandels gehören eben auch schöne Umgangsformen.

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