Berliner Lebensadern (1) : Oranienstraße - Außenseiter, Spitzenreiter

Straßen erzählen Geschichten. Stadtgeschichten, Kiezgeschichten, Lebensgeschichten. In unserer Serie folgen wir den Lebensadern Berlins. Wir beginnen mit der Oranienstraße. Sie wird teurer und schicker – doch ihr Herz bleibt links.

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Oranienstraße in Kreuzberg: Oranienstraße Ecke Adalbertstraße. Fußgänger, Radfahrer, Busse und Autos drängeln sich auf der Straße.Alle Bilder anzeigen
Foto: Doris Spiekermann-Klaas
13.07.2010 14:39Oranienstraße in Kreuzberg: Oranienstraße Ecke Adalbertstraße. Fußgänger, Radfahrer, Busse und Autos drängeln sich auf der Straße.

"Durch große, vornehme Geschäftshäuser zeichnet sich die Oranienstraße aus. Vor den glänzend erleuchteten Schaufenstern brandet die schaulustige Menge. Und doch gibt es in der Luisenstadt eine Stelle, wo der Mensch wenigstens vorübergehend zur Besinnung kommt: Wir stehen auf der mit riesigen Kandelabern geschmückten Oranienbrücke; vor uns liegt der Luisenstädtische Kanal, das ruhigste Gewässer innerhalb der Mauern Berlins.“ So schreibt Franz Lederer 1925 in seinem Reiseführer „Berlin und Umgebung“.

85 Jahre später sind der Kanal, die Brücke und die Kandelaber verschwunden. Auch Kaufhäuser gibt es am Oranienplatz nicht mehr, und statt der Straßenbahn rumpelt der doppelstöckige M29er-Bus über das Pflaster. U-Bahn-Bau, Krieg und Senatsbeschlüsse haben das einstige Herz der Luisenstadt völlig verändert.

Zur Besinnung kommen kann man hier allerdings immer noch. Denn nach der Enge der umliegenden Häuserschluchten tut sich eine fürs Auge wohltuende Freifläche auf. Bäume, Bänke und Rasen – derzeit leider verdorrt – gestalten den Platz. An einer Seite haben sich ältere Männer im Schatten niedergelassen, an der anderen sitzen türkische Mütter, deren Kinder den Tauben hinterherjagen. Auch drei junge Touristen machen hier Pause und hantieren mit ihrem Stadtplan. Ob sie wegen der Biennale hier sind? Direkt hinter ihnen befindet sich der neue Ausstellungsort: das ehemalige Kaufhaus am Oranienplatz 17, das lange leer gestanden hatte.

Hier wird noch bis Anfang August zeitgenössische Kunst gezeigt, was nicht nur auf Begeisterung trifft. „Achtung: Gentrifizierer kommen – Tu was!“, heißt es auf einem Plakat am Eingang. Darüber prangen die Konterfeis von Kuratorin Kathrin Rhomberg und KW-Chefin Gabriele Horn. Kunst trage zur Aufwertung des Kiezes bei, so der Text weiter. Davon profitierten aber nicht alle, sondern nur die, „die es sich leisten können“.

Die Plakataktion passt gut zum diesjährigen Motto der Biennale. Es lautet „Was draußen wartet“ und will den Blick „aus dem Kunstraum hinaus auf die Wirklichkeit“ lenken. Ihren Reality Check haben die Macherinnen also bekommen.

Inzwischen sind die meisten Protestplakate an der Fassade des 1913 erbauten Eckgebäude schon wieder mit einer neuen Schicht aus Konzertankündigungen und Partyterminen überklebt worden. Nur die Plakate der Schwarz-Weiß-Fotografien von Michael Schmidt wurden verschont. Sie sind der einzige offensichtliche Hinweis auf die Biennale am vierstöckigen Haus, dem eine „Aufwertung“ nicht recht anzumerken ist. Innen ist das Preisniveau allerdings mit 14 Euro (ermäßigt sieben) für den Eintritt relativ hoch. Für die meisten Anwohner dürfte das zu viel sein.

Ihr Kiez – seit dem Mauerfall vom Rand ins Zentrum der Stadt gerückt – wird schon seit Jahren schicker und teurer. Die Gentrifizierung ist längst in Gang. Nach und nach werden die Altbauten weiter modernisiert, anschließend steigen die Mieten, die von den ursprünglichen Bewohnern oft nicht mehr bezahlt werden können. Junge, meist kinderlose und relativ einkommensstarke Mieter ziehen ein. Die Topos-Studie von 2008 sieht „ein Drittel aller Haushalte von Verdrängung bedroht“.

Im Straßenbild zeigen Hipster-Bars wie die Luzia, der Coffee-Shop Milch & Zucker oder das Café Aurora, dass sich der Standard und das Zielpublikum der Gastronomie gewandelt haben. Vor allem von Touristen werden diese Läden, die auf hohe Latte-Macchiato-Qualität und durchgestylte Optik achten, rege frequentiert. Aber auch die traditionellen Orte wie das Roses, das Bateau Ivre oder die Taquiera Florian werden von ihnen besucht – am Wochenende ist zwischen Heinrichplatz und Oranienplatz auf den schmalen Bürgersteigen kaum noch ein Durchkommen.

An die subkuturell geprägten Achtziger, wie sie Sven Regener in seinem Roman „Herr Lehmann“ beschreibt, erinnert auf diesem Teil der rund drei Kilometer langen Straße nur noch wenig. Damals zogen vor allem Ausländer, Studierende und Aussteiger her. Ihre günstigen Mietverträge galten oft nur bis zum Abriss, denn der Senat wollte das ganze Viertel neu gestalten. Dagegen wehrten sich seit 1979 die Hausbesetzer, die als „Instandbesetzer“ zum politischen Strategiewechsel der „behutsamen Stadterneuerung“ beitrugen.

Ein wichtiges Haus war damals die als Besetzereck bekannte Nr. 198 direkt am Heinrichplatz. Sie beherbergte ein Nachbarschaftscafé und war übersät mit Plakaten und Parolen wie „Krieg den Kasernen“ oder „Außenseiter Spitzenreiter“. Heute deuten ein Friedenszeichen und ein Anarcho-A, die im vierten Stock unter die Fensterbretter gepinselt wurden, auf die wilde Vergangenheit hin.

Nebenan, vor dem Skateshop „Search & Destroy“, beobachten gerade drei junge Männer das Treiben an der Kreuzung. Ein Filmteam dreht für die ZDF-Serie „Der Kriminalist“ eine Szene mit einem silbergrauen Mercedes-Kombi: Ein grauhaariger Schauspieler sprintet herbei, springt in den Wagen und fährt los. Etwas später macht die Crew, die kürzlich den Tod des Schauspielers Frank Giering verkraften musste, auf der gegenüberliegenden Ecke weiter. Diesmal steht ein riesiger schwarzer Geländewagen im Mittelpunkt. Mit Autos wie diesem hätte sich vor dreißig Jahren wohl kein TV-Team hergetraut. Ein tätowiertes Punker-Pärchen schaut friedlich von einer Parkbank aus zu. „Es ist offensichtlich, dass das ein Bulle ist, der undercover ermittelt“, kommentiert der Punk. In seiner Hand hält er die obligatorische Bierdose.

Der alte Politgeist flackert immer mal wieder auf in der Oranienstraße – nicht nur am 1. Mai oder zum Transgenialen CSD. So besetzten im April rund 80 Aktivisten das ehemalige Café Jenseits und betrieben für einige Stunden den Umsonstladen „Diesseits“. Die Polizei beendete den Protest, der sich gegen die drastische Mieterhöhung für das Café richtete. Wirt Clement de Wroblewsky, dessen Preise immer sehr moderat waren, musste deshalb dichtmachen. Derzeit wird hinter einer dicken Holzabsperrung schon wieder eifrig gehämmert – der nächste Touristenmagnet kommt bestimmt.

Mehr Erfolg hatte die Aktion „SO 36 bleibt!“ für den Kult-Club, der seit mehr als dreißig Jahren einer der wichtigsten Szenetreffpunkte Berlins ist. Als die Betreiber Probleme mit dem Lärmschutz und mit dem Vermieter bekamen, halfen Solidaritätskonzerte und Spendenaktionen, die Krise zu überstehen. Auch der Bezirksbürgermeister schaltete sich ein. Inzwischen ist der Mietvertrag verlängert, eine Schallschutzmauer geplant. Es ist eine Rettung mit hohem Symbolwert. Denn solange es das SO 36 gibt, lebt auch die O-Straße – irgendwie etabliert, aber irgendwie auch immer noch links.

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