Berliner Museumsinsel : An den Ufern von Babylon

Markus Hilgert, der neue Chef des Vorderasiatischen Museums, über Weltbilder, Baustellen und illegalen Kunsthandel.

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Schatz-Meister. Markus Hilgert vor dem babylonischen Ischtar-Tor im Vorderasiatischen Museum.
Schatz-Meister. Markus Hilgert vor dem babylonischen Ischtar-Tor im Vorderasiatischen Museum.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Eine neue Generation auf der Museumsinsel: Markus Hilgert ist seit dem 1. März Direktor des Vorderasiatischen Museums im Berliner Pergamonmuseum. Der Fachmann für die Kultur der Sumerer übernahm unter anderem die Verantwortung für die Schätze aus Babylon wie die Prozessionsstraße, das Ischtar-Tor und die Thronsaalfassade von König Nebukadnezar II. Hilgert, Jahrgang 1969, war Professor für Assyriologie an der Heidelberger Ruprecht-Karls-Universität und ist Präsident der Deutschen Orientgesellschaft.

Herr Hilgert, Sie haben mit dem Vorderasiatischen Museum ein gut besuchtes Haus übernommen, das bald wieder schließen wird. Wie gehen Sie damit um?

Wir schließen ja erst 2019, bis dahin wird die jetzige Ausstellung zu sehen sein. Von 2019 bis 2025 wird es im neuen Nordflügel des Pergamonmuseums eine Interimsausstellung geben, die Spitzenstücke des Vorderasiatischen Museums unter aktuellen kulturgeschichtlichen Fragestellungen präsentiert.

Von diesem Herbst an ist der Pergamonsaal geschlossen. Sind Sie davon in Mitleidenschaft gezogen?

Nein. Es gibt zwei Bauabschnitte. Der erste betrifft den Nordflügel mit dem künftigen Museum für Islamische Kunst und ab 2014 auch den Pergamonsaal. Der Südflügel mit dem Vorderasiatischen Museum bleibt ja bis 2019 unverändert zugänglich und wird erst dann für sechs Jahre geschlossen.

Warum dauern diese Umbauten so lange?

Im Fall des Pergamonmuseum hat seit der Fertigstellung in den dreißiger Jahren keine Grundinstandsetzung mehr stattgefunden. Es geht bei den jetzigen Bauarbeiten nicht nur um eine Neukonzeption der Dauerausstellungen, auch nicht nur um eine technische Neuausstattung, sondern darum, dass die großen Bestände, die in den Magazinen lagern, in Zwischenlager verbracht werden, teilweise ins Archäologische Zentrum. Erst dann kann eine Grundinstandsetzung des gesamten Gebäudes vorgenommen werden.

Ist da noch mit Überraschungen zu rechnen, wenn Sie die Depots ausräumen?

Ich denke nicht. Aber überraschend ist, dass man jetzt durch die Zählung für das Vorderasiatische Museum auf eine sehr viel höhere Objektzahl kommt, als dies bisher bekannt war. Wir sind im Moment bei 380 000 Objekten. Da sind natürlich auch sehr viele kleine Dinge dabei. Aus musealer Sicht ist der Umzug ein großer Glücksfall, weil man zum ersten Mal die Möglichkeit hat, den Bestand auch in einer elektronischen Datenbank zu erfassen, restauratorisch zu sichern und mit aktuellen Standortangaben zu versehen.

Wie stellt man sich das künftige Gesicht des Vorderasiatischen Museums vor?

Es gibt bislang nur sehr grobe Pläne für die neue Dauerausstellung ab 2025. Das Vorderasiatische Museum ist in der glücklichen Lage, dass zur vorhandenen Ausstellungsfläche noch die im Südflügel dazukommt, die bisher vom Museum für Islamische Kunst bespielt wurde, wir verdoppeln also unsere Fläche. So können wir zusätzlich zur Ausstellung der Monumentalarchitektur auch die Kulturgeschichte des Alten Orients mit einem thematischen Zugang erzählen. Unsere Leitfrage muss sein: Wie kann ich die Bestände so ausstellen, dass der Besucher auch etwas über das tägliche Leben im Alten Orient mitnimmt? Die jetzige Dauerausstellung ist sehr objektorientiert, kunsthistorisch und stilkundlich ausgerichtet. Mir geht es darum, die gesamte Bandbreite altorientalischen Lebens, so wie es in den materiellen Zeugnissen abgebildet ist, erfahrbar zu machen. Dabei werden wir uns auch immer vom Gegenwartsbezug leiten lassen.

Wenn wir uns im Alten Orient bewegen, kommen wir schnell in die griechische Antike, und in der frühislamischen Architektur treffen wir auf römische Säulen, die dort verbaut wurden. Funktionieren diese Einteilungen noch?

Ich glaube, wir müssen die herkömmlichen Grenzziehungen in den Kulturwissenschaften und deren vielfach eurozentristische Perspektive kritisch debattieren. So betrachtet, ist schon der Name meines Hauses, Vorderasiatisches Museum, nicht unproblematisch. Auch über den Begriff Orient kann man streiten. Hier handelt es sich aber um ein grundsätzliches Problem. Gerade die Museen, die auf der Museumsinsel mit ihren Sammlungen vertreten sind, müssen genau diese Reflexionsebene in ihre Ausstellungskonzeptionen einbeziehen.

Und wenn dann eine Ausstellung gelungen ist, wackelt das ganze System. Im Grunde unterminieren Sie das alte System der Einteilung der Welt in Orient und Okzident.

Ich verstehe mich nicht nur als Altertumswissenschaftler, sondern vor allem als Kulturwissenschaftler. Das Vorderasiatische Museum ist das einzige seiner Art im deutschsprachigen Raum. Wir dürfen nicht nur Objekte zeigen, sondern wir müssen konsequent fragen: Welche Rolle haben diese Objekte in ihrem ursprünglichen sozialen Kontext gespielt? Andererseits geht es um Kulturgüterschutz: Unter welchen Bedingungen sind die Objekte nach Deutschland gekommen? Was können wir dafür tun, dass der illegale Handel mit Kulturgut eingedämmt wird? Schließlich haben wir uns mit einem Begriff wie Vorderer Orient auseinanderzusetzen, der natürlich eurozentristisch ist. Der Vordere Orient kann ja nur von Mitteleuropa aus Vorderer Orient sein.

Ist das Humboldtforum für Sie ein Thema? Sind Sie da beteiligt?

Das verfolge ich mit großem Interesse. Auch dort geht es um die entscheidende Frage, wie man andere Kulturen und Zeiten angemessen in Deutschland zeigt. Die deutsche oder die europäische Sicht auf diese Objekte, auch wenn sie wissenschaftlich fundiert ist, ist ja nicht die einzig mögliche. Im Vorderasiatischen Museum müssten wir uns also fragen, wie wir den Blick der Menschen im Irak oder in Syrien auf unsere Artefakte in die zukünftige Ausstellung integrieren können.

Für uns stehen offenbar Syrien oder Irak kulturell höher als etwa Afrika. Motto: Wo wir viel gegraben haben, sind wir stärker emotional und intellektuell dabei.

Ich glaube, dass die Staatlichen Museen und auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf einem guten Weg sind, historisch bedingte kulturelle Vorlieben als solche zu entlarven. Die Bevorzugung des östlichen Mittelmeerraums gegenüber vielen anderen Regionen der Welt gehört dazu und findet ihren Niederschlag auch im Sammlungsverhalten. Wilhelm II., ein großer Freund des Alten Orients, hat die Gründung der Deutschen Orientgesellschaft maßgeblich unterstützt, da er sich in Konkurrenz zu den großen Museen in London und Paris sah. Auch das müssen wir als Forschungsmuseen mit Bildungsauftrag heute verantworten. Wir verstehen, dass die damalige Praxis, verbunden mit der Einseitigkeit des Austausches, dem Gedanken der Gleichwertigkeit der Kulturen widerspricht.

Suchen wir nicht immer nach den Wurzeln unserer Kultur, während wir von Afrika und Asien denken: Das ist weit weg?

Das hängt nicht zuletzt mit der Bildungstradition in Mitteleuropa zusammen, die über die Renaissance und Byzanz letztlich zurückgeht zu dem, was Griechenland und Rom über Territorien und Gesellschaften außerhalb ihrer Gebiete wussten. Das waren etwa Mesopotamien und Ägypten, nicht aber Subsahara oder Südostasien. Unser herkömmlicher Bildungskanon ist circummediterran, da sind wir firm, da kennen wir uns aus.

Im Moment ist der Austausch mit Kollegen in Syrien und Irak sehr schwierig. Wie berührt das Ihre Arbeit?

Mit ihnen stehen wir in engem Kontakt. Ein Ziel dabei ist es, gemeinsam Programme zu entwickeln, die das Wissen über den Alten Orient und Maßnahmen zum Schutz von Kulturgütern fördern können, hier in Deutschland und auch im Irak. Die deutsch-irakische Zusammenarbeit in diesem Bereich ist traditionell sehr gut. Ich will alles daransetzen, unser Wissen und unsere Erfahrung bei der Pflege des reichen irakischen Kulturerbes einzubringen.

Wie soll das in der jetzigen politischen Lage funktionieren?

Es ließe sich etwa durch gemeinsame Forschungsvorhaben oder den Austausch von Wissenschaftlern und Restauratoren erreichen. Vielleicht werden wir eines Tages auch wieder Ausstellungen mit irakischen Museen veranstalten. Mit großer Sorge verfolgen wir die vielen Berichte über Plünderungen von Ruinenstätten im Irak, in Syrien oder in Ägypten. Der illegale Handel mit antiken Kulturgütern aus diesen Ländern hat enorm zugenommen. Als eines der größten Fachmuseen weltweit wollen und müssen wir dazu beitragen, dass dieser illegale Handel so weit wie möglich eingedämmt wird.

Das Gespräch führten

Rolf Brockschmidt und Rüdiger Schaper.

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