Berliner Schaubühne : Wasser auf Ex

Philipp Preuss adaptiert Albert Camus’ Romanklassiker „Der Fremde“ für die Schaubühne in Berlin. Aber warum nur?

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Hinter tausend Stäben keine Welt. Bernardo Arias Porras als Meursault in der Todeszelle.
Hinter tausend Stäben keine Welt. Bernardo Arias Porras als Meursault in der Todeszelle.Foto: Thomas Aurin/Schaubühne

Ja, es muss wirklich wahnsinnig heiß sein. Ständig hantieren die drei Schauspieler, die im Studio der Berliner Schaubühne Albert Camus’ Existentialismus-Klassiker „Der Fremde“ aufführen, exzessiv mit Wasserflaschen. Und auch das große Neonröhren-Gerüst der Bühnenbildnerin Ramallah Aubrecht, das die Zuschauer – alter Bühnen-Trick – gelegentlich so stark blendet, dass sie wegschauen müssen, suggeriert: gnadenlose, gleißende Sonne. „Die Sonne“ war’s schließlich auch, die den kleinen französischen Angestellten Meursault eigenen Aussagen zufolge veranlasste, eines Tages „einen Araber“ zu erschießen. Ohne Vorsatz, ohne Motiv.

Camus’ 1942 erschienener Roman „Der Fremde“ gehört zu jenen Prosatexten, die wirklich so gar kein bisschen nach einer Bühnen-Adaption schreien. Als Träger der existentialistischen These von der Sinnlosigkeit und Absurdität des Daseins mäandert der Ich-Erzähler Meursault scheinbar völlig unbeteiligt durch sein eigenes Leben. Die Beerdigung seiner Mutter, das träge Anbandeln mit Marie, einer ehemaligen Sekretärin aus seinem Büro, die zwielichtige Bekanntschaft mit dem benachbarten Zuhälter Raymond und schließlich das besagte Tötungsdelikt mitsamt anschließender Gerichtsverhandlung und Todesurteil: All das wird von Meursault ohne jede innere Beteiligung gleichsam rapportiert, sozusagen als Oberflächen-Scan ohne Tiefendimension, von Interpretationen ganz zu schweigen.

Weil das aber im dramatischen Medium naturgemäß schlecht funktioniert, holt der Regisseur Philipp Preuss nun allerlei bewährte Bebilderungsideen aus dem Theaterhandwerkskoffer. Da werden neckische Plansch-Choreografien und heitere Hebefiguren dargeboten, wenn Meursault am Badestrand auf Marie trifft. Oder es ackert lustig die Nebelmaschine, weil sich im Text gerade jemand eine Zigarette anzündet. Die Schauspielerin Iris Becher leert einmal sehr demonstrativ eine halbe Flasche Wasser auf Ex, um ein gediegenes Weinbesäufnis zu illustrieren.

Eher bedeutungshubernd als dramatisch zielführend

Neben Becher verausgaben sich mit Bernardo Arias Porras und Felix Römer zwei weitere Kollegen aus dem Schaubühnen-Ensemble in identischen graumäusigen Anzügen auf der bis aufs besagte Neonröhrengerüst leeren Bühne. Diese Aufsplittungstechnik – eine derzeit insbesondere bei Prosa-Adaptionen gängige Theaterpraxis – erfährt hier Legitimation aus berufenem Munde. „Der Fremde baut sich aus drei Gestalten auf“, zitiert die Schaubühne im Programmheft Camus aus seinen Tagebüchern. Nämlich in „zwei Männer (einer davon bin ich) und eine Frau“. Das mag zwar sein, bedeutet aber leider noch lange nicht, dass dem Theaterabend dadurch auch nur die leiseste Nuance hinzugefügt würde, die über das reine Leseerlebnis des Textes hinausginge. Im Gegenteil: Die gelegentlichen dramatischen Aufwallungen der Schauspieler und die aparten Wasserspielchen sind eher dazu angetan, den Camus’schen Denkspielraum zu verengen. Und auch Preuss’ Idee, die Chronologie der Erzählung aufzubrechen – der Abend beginnt für Meursault gewissermaßen schon in der Todeszelle – wirkt eher bedeutungshubernd als dramatisch wirklich zielführend.

Es gibt, zumal aus heutiger Sicht, gute Gründe, sich mit Camus’ „Fremdem“ auseinanderzusetzen. Im Theater – etwa an den Münchner Kammerspielen – läuft längst auch „Der Fall Mersault – eine Gegendarstellung“ nach dem Roman des algerischen Journalisten Kamel Daoud. Der erzählt die Geschichte neu, aus der Perspektive des Mordopfers. Preuss’ Abend hingegen liefert keinen überzeugenden Grund für seine Bühnen-Existenz. Der Fairness halber sei angemerkt, dass er dieses Defizit mit vielen anderen theatralen Prosa-Adaptionsabenden teilt: Man illustriert Erzählinhalt, ohne einen fürs darstellende Medium wirklich zwingenden eigenen Zugriff zu entwickeln. Der Rest ist Wasser(flaschen)sport.

Nächste Vorstellungen am heutigen 15., 16. und 17. November, jeweils 19.30 Uhr.

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