Berliner Ufer (2) : Eine schöne Stelle zum Sterben

Auf den Spuren des Schriftstellers Wolfgang Herrndorf am Ufer des Berlin-Spandauer Schifffahrtskanals, der früher Hohenzollernkanal hieß.

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Hier nahm sich der todkranke Schriftsteller Wolfgang Herrndorf 2013 das Leben.
Hier nahm sich der todkranke Schriftsteller Wolfgang Herrndorf 2013 das Leben.Thilo Rückeis

Am Abend des 22. Oktober 2010 ist der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf wieder einmal am Kanal unterwegs, „auf der Suche nach einem guten Ort“, wie er in seinem Blog „Arbeit und Struktur“ notiert „da der bisher bevorzugte Platz auf den Steinstufen mir mittlerweile zu fern und auch in der Nacht nicht menschenleer genug erscheint.“ Er entdeckt am Nordhafen eine kleine Bank unter der Fennbrücke, auf der er probesitzt, die aus technischen Gründen jedoch nicht ideal erscheint. Eine Brache am Friedrich-Krause-Ufer verwirft er ebenfalls, weil auch hier Menschen in der Nähe sein könnten.

„Der gute Ort“, „die Stelle“ oder „eine schöne Stelle“, wie es in anderen Einträgen von „Arbeit und Struktur“ heißt, den oder die suchte Wolfgang Herrndorf entlang des Hohenzollernkanals, um sich hier wegen seiner fortschreitenden Tumorerkrankung umzubringen. Herrndorf wohnte in den letzten knapp anderthalb Jahren seines Lebens am Nordufer. Am liebsten ging er im nicht weit entfernt liegenden Plötzensee schwimmen, und in der Regel wanderte er „am Kanal“ nach Mitte oder stadtauswärts zum Plötzensee oder weiter Richtung Tegel oder Spandau.

Der Kanal heißt offiziell seit über einem Jahrzehnt nicht mehr Hohenzollernkanal, sondern Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal. Er verbindet die Spree mit der Havel und erstreckt sich knapp über zwölf Kilometer, er beginnt am Spreebogen in der Nähe des Hauptbahnhofs und mündet schließlich hinter der Jungfernheide in den Spandauer und Tegeler See und die Havel.

Statt eines Uferwegs gibt es Trampelpfade

Wer den Schriftsteller gekannt und seine Bücher gelesen hat, insbesondere „Arbeit und Struktur“, muss am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal natürlich unweigerlich an Herrndorf denken. Das Laufen oder Fahrradfahren hier bekommt etwas von einer Spurensuche, und erstaunlich ist allein, wie viel verborgene, „gute“ Orte man auf dem Teilstück des Kanals vom „Deichgraf“, wo Herrndorf oft einkehrte, über die Putlitzbrücke bis zur Seestraße und dem Autobahnzubringer zu erkennen meint. Wofür die Verborgenheit auch immer gut sein mag. Es gibt keinen wirklichen Uferweg, nur ein paar Stellen sind ausgebaut. Ansonsten dominieren Trampelpfade, die mit dem Fahrrad nicht zu befahren und oft erst durchs Gebüsch zu erreichen sind. Auf der anderen Seite sieht man dann den Lastkahn „Karl Heinz“, der gerade am Kanal festgemacht hat, oder das riesige Löschgebäude des Westhafens. Industriebauten und sonst nichts.

Ein Pärchen schaut von einer der versteckten Bänke herüber, und ein paar Meter weiter haben sich an diesem ersten Ferientag gerade ein paar Jugendliche mit Bierflaschen niedergelassen. Sie sind etwas älter als Maik Klingenberg und sein Freund Tschick, also „Tschick“-Zielgruppe, haben aber von Herrndorf noch nie was gehört. „Cool“ sagen sie, als ich ihnen von seinem Selbstmord irgendwo am Kanal erzähle, merken aber, dass dieser Ausdruck es vielleicht nicht so trifft.

Sommerserie "Berliner Ufer": Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal
In Berlin-Plötzensee befindet sich der 12 Kilometer lange Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal, der Spree und Havel miteinander verbindet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Thilo Rückeis
22.07.2016 11:48In Berlin-Plötzensee befindet sich der 12 Kilometer lange Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal, der Spree und Havel miteinander...

Am 25. November 2012 macht Herrndorf abends einen Spaziergang zum Plötzensee, schaut auf einer Bank sitzend den Wolken und „der Natur bei ihrer unangestrengten Nachbildung Deutscher Romantik“ zu und läuft schließlich „auf dem kleinen Weg, den wir im Sommer zum Tegeler See fuhren, den Kanal runter bis zu der schmalen Brücke und den Spundwänden, wo eine schöne Stelle ist.“ Das ist wohl absichtsvoll unpräzise, kaum zu finden – hinter der Plötzenseeanlage, an den Grundstücken einer Bildhauerei („Natursteinarbeiten und Grabmale“) und einer Pflanzen- und Torfvertriebsgesellschaft vorbei steht man jedenfalls nach einer Kurve auf einmal vor der Kleingartenkolonie Plötzensee-Wedding.

Aber wie weiter? Rechts liegt der St.- Johannis- und Heiland-Kirchhof, daneben eben die Kleingärten, alles sehr, sehr ordentlich und gerade, mit einem Weg hier, einem dort. Linker Hand gibt es tatsächlich einen als Fahrradweg ausgeschriebenen „Hauptweg“, der wieder herunter zum Kanalufer führt. Man kann hier gerade an diesem hochsommerlichen Nachmittag schön schnurgerade am Wasser entlang in die Ferne blicken. Nach gut einem Kilometer kommt schließlich die „Stelle“, an der Wolfgang Herrndorf sich erschossen hat: zwischen zwei Birken, mit direktem Wasserzugang, markiert von einem aus zwei rostigen Verstrebungen bestehenden Kreuz. So wie Herrndorf es sich in seinem Blog gewünscht hat: „Und wenn es nicht vermessen ist, vielleicht ein ganz kleines aus zwei T-Schienen stümperhaft zusammengeschweißtes Metallkreuz mit Blick aufs Wasser, dort, wo ich starb.“ 1965 steht links auf dem Kreuz, darunter hängt eine kleine rote Weihnachtskugel, 2013 rechts, darunter wiederum ein kleines blaues Plastikosterei. Und in der Mitte stehen die Initialen des Autors.

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