Berlins Kunstszene : In der Garage ohne Gage

Kulturstaatssekretär Tim Renner will gegen die Verdrängung der freien Kunstszene aus der Mitte an die Ränder der Stadt kämpfen. Jetzt war er erstmal auf großer Fahrt durch alternative Kunst- und Projekträume.

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Der Kulturstaatssekretär auf dem Gelände von „Ozean“ in der Kreuzberger Schleiermacherstraße.
Der Kulturstaatssekretär auf dem Gelände von „Ozean“ in der Kreuzberger Schleiermacherstraße.Foto: Thilo Rückeis

Über dem Kopf des Kulturstaatssekretärs schwebt ein Luftballon. „Es liegt was in der Luft“, steht darauf ganz fein geschrieben. Tim Renner hat ihn in einem der Projekträume überreicht bekommen, die er auf einer vierstündigen Bustour quer durch Berlin besucht. Schon zum dritten Mal vergibt der Senat an freie Kunstinitiativen einen Förderpreis, jeweils sieben Gewinner werden mit je 30 000 Euro ausgezeichnet.

Der Ballon ist eigentlich ein Überbleibsel aus einer Ausstellung, die auf den Tag genau vor acht Jahren den Projektraum „Kurt Kurt“ der beiden Künstler Simone Zaugg und Pfelder in Moabit eröffnet hat, ein poetisches Kunstwerk, das es nur noch in einer Mini-Auflage gibt. In diesem Rahmen wird er zur politischen Aussage. Natürlich ist so eine Preisverleihung im Schlepptau von Abgeordneten, Vertretern der Kultursenatsverwaltung, Kunstakteuren und Journalisten erst einmal ein freudiger Anlass.

Aber die Freiflächen für Kunst und Kultur werden immer knapper in dieser Stadt. 150 Projekträume gibt es laut „Netzwerk freier Berliner Projekträume und -initiativen“ hier, die Zahl der Neugründungen ist nach den Boom-Jahren zwischen 2000 und 2010 merklich zurückgegangen, einige mussten schließen. Dabei sind sie die Kunstlabore der Stadt. Wenn Berlin ungebrochen so große Attraktivität auf die internationale Künstlerschaft ausübt, dann liegt das in hohem Maße an ihnen. Laut einer Studie aus dem Jahr 2011, die die Kunstsoziologin Séverine Marguin im Rahmen ihrer Dissertation erhoben hat, werden in Projekträumen jedes Jahr ingesamt etwa 2400 Künstler aus dem In- und Ausland präsentiert. Häufig werden die Off-Spaces von Künstlern selbst betrieben, sie laden andere Maler, Bildhauer, Fotografen, Performer und Theoretiker zu sich ein. Profitorientierte Interessen verfolgen sie mit ihren interdisziplinären Programmen meist nicht.

Nach Marguins empirischer Studie kommen rund 45 Prozent mit weniger als 5000 Euro im Jahr für Betrieb und Ausstellungen aus. Warum? Die meisten arbeiten ohne Gage. Häufig siedeln sie sich dort an, wo vorher Leerstand herrschte, in Ladenlokalen, in alten Garagen, so wie der diesjährige Gewinner Ozean auf dem Gelände des Atelierhofs Kreuzberg. Nur, auch dort steigen die Mieten. Oqbo, ein „Raum für Bild Wort und Ton“, ebenfalls ausgezeichnet, hat seit seiner Eröffnung im April 2008 in der eher unattraktiven Weddinger Brunnenstraße eine Verdreifachung der Miete hinnehmen müssen, sie zahlen 600 Euro. Das ist nicht überzogen, die sechs Künstler finanzieren ihr Programm mit Ausstellungen, Lesungen und Konzerten aus eigener Tasche.

Das Preisgeld können die Gewinner verwenden, wofür sie wollen. Die einen finanzieren damit eine neue Mülltonne, die anderen einen Beamer, wieder andere wollen damit ihren ausstellenden Künstlern wenigstens einmal ein kleines Honorar zahlen. Die Oqbo-Leute werden damit ihre laufenden Kosten decken. Sollten eines Tages Mietinteressenten auf der Brunnenstraße auftauchen, die bereit sind, mehr zu zahlen, sind sie raus. Auf so wackeligem Boden stehen sehr viele Betreiber von Off-Spaces.

Es liegt also etwas in der Luft. Und es ist Tim Renners großes Thema als Kulturstaatssekretär. Bei seinem Amtsantritt Ende April hatte er ankündigt, gegen die Verdrängung an die Peripherie Berlins kämpfen zu wollen und sich in die Liegenschaftsvergaben der Stadt zugunsten der Künstler einzumischen. Auf der Projektraum-Kaffeefahrt von einem Standort zum nächsten fühlt er sich sichtlich in seinem Element, findet für jeden Gewinner individuelle Worte und scherzt, die Urkunde sehe ja aus wie seine eigene Ernennungsurkunde, woraufhin eine Mitarbeiterin der Senatskanzlei von hinten kleinlaut zugibt, dass dem auch so sei.

Renner empfiehlt sie gut sichtbar aufzustellen: „Darüber freuen sich auch die Eltern.“ Und der Staatssekretär verspricht, sich für eine Erhöhung des Preisgelds einzusetzen. Probieren kann er es ja mal, gut klingt es auch, realistisch ist das nicht. Auf Tim Renner kommen mit dem angekündigten Rücktritt des Regierenden Bürgermeisters und Kultursenators Klaus Wowereit unsichere Zeiten zu, solange er nicht weiß, wer sein neuer Ressortchef wird. Wowereit war sein Mentor. Kann Renner sich unter dem Neuen profilieren oder sogar selbst für das Amt empfehlen? Im Herbst sollten eigentlich die erste Sondierungen über den kommenden Doppelhaushalt 2016/2017 beginnen. Es wäre die erste Möglichkeit für den Staatssekretär, in die Geldverteilung einzugreifen. Doch wahrscheinlich werden die Beratungen auf die Zeit nach Wowereits Rücktritt im Dezember verschoben. Und ob der zukünftige Kultursenator in dieser kurzen verbleibenden Zeit bis zum Ende der Legislaturperiode 2016 gleich als Erstes für dieses Anliegen in die Bresche springen wird, ist fraglich.

Dem Netzwerk freier Berliner Projekträume und -initiativen, das den Preis zusammen mit dem Senat entwickelt hat, ist das sowieso nicht genug. Es fordert eine Basis- und Strukturförderung für seine Off-Spaces. Sicherlich, der Preis für jährlich sieben Gewinner kann nicht mehr sein als eine Anerkennung für das Engagement der Künstler, aber es ist eben auch ein Signal zur richtigen Zeit. Der Politik ist die Bedeutung dieser Orte bewusst, sie fallen nicht mehr länger durchs Förderraster, und das nicht erst seit Tim Renner im Amt ist. Sein Vorgänger André Schmitz hat die Auszeichnung ins Leben gerufen. Am heutigen Sonntagabend endet das erste „Project Space Festival“ mit einer großen Party in der Künstlerkneipe Bar Babette.

Auch die Gewinner des Förderpreises, ausgewählt von einer dreiköpfigen Jury (in diesem Jahr von Tagesspiegel-Redakteurin Nicola Kuhn, der Künstlerin Heid Sill und Axel Daniel Reinert vom Neuköllner Projektraum Schillerpalais), spiegeln die Vielfalt der Szene wider. Neben Kurt Kurt, Ozean und Oqbo sind das After the Butcher, die Raumerweiterungshalle/Selbstuniversität, Spor Klübü und Ausland/Projekt Archiv.

Die Adressen verteilen sich über die ganze Stadt, von Lichtenberg über Kreuzberg, Wedding und Prenzlauer Berg. Die einen sind improvisierter, die anderen professioneller im Auftritt. Spor Klübü zeigt eine Arbeit von Annika Hippler, die als Hommage an Otto Piene und seine Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie gedacht ist. Die Künstlerin lässt einen raumfüllenden Ballon von innen mit Lasern anstrahlen, die zarten Schraffuren leuchten im Dunkeln. Kurt Kurt lädt immer wieder Künstler aus dem eigenen Moabiter Kiez ein. Überraschend bekannte Namen zählen zu ihrer Nachbarschaft. Monica Bonvicini, Mona Hatoum, Katharina Grosse oder Via Lewandowsky haben hier schon ausgestellt. After the Butcher ist in einer ehemaligen Metzgerei untergekommen und hat jüngst Bianca Rampas den originalen Tanzboden des Staatsballetts auf den Mosaikfließen ausrollen lassen. Auch das wird an diesem Tag plötzlich zur politischen Geste. Kulturstaatsekretär Tim Renner steht auf einem Boden, auf dem schon viele für die Kunst geschwitzt haben.

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