Bert Kaempfert : Mister Wirtschaftswunder

Sein Swing steht für die deutsche Westbindung: Bert Kaempferts Originalalben erscheinen als CD.

von
Zeige deinen Wohlstand. Bert Kaempfert posiert auf seinem Ford Galaxy am Brahmsee. Foto: Erwin Schneider/Universal
Zeige deinen Wohlstand. Bert Kaempfert posiert auf seinem Ford Galaxy am Brahmsee. Foto: Erwin Schneider/Universal

1979 war ein umstürzlerisches Jahr. Im Iran fegen die Anhänger des Ajatollah Chomeini den Schah von seinem Pfauenthron, und in Deutschland erreicht eine revolutionäre Musik endgültig die Hitparaden: Disco. Sechs der zehn erfolgreichsten Popsongs des Jahres sind stampfende Dancenummern, darunter „Born to be Alive“ von Patrick Hernandez, „YMCA“ von den Village People und „Dschingis Khan“ von Dschingis Khan. Revolutionen haben es an sich, gnadenlos mit allem Alten abzurechnen. Selbst Könige, die sich an die Spitze der Erneuerung zu setzen versuchen – wie Ludwig XVI., der sich in Gefangenschaft eine Jakobinermütze aufsetzen ließ –, werden geköpft.

So ist die vielleicht kurioseste Neuerscheinung des Jahres 1979 ein Album mit dem Titel „Smile“. Das Cover zeigt ein grinsendes Smiley-Gesicht vor froschgrünem Hintergrund. Die Langspielplatte enthält Coverversionen von Jazzstandards und Pophits wie „Chanson D’Amour“, „Rosalie“ oder „Just You, Just Me“, mit denen der Orchesterleiter Bert Kaempfert auf den Disco-Zug aufzuspringen versucht. Seine Eigenkompositionen hat er optimistisch „Keep On Dancing“ und „Frisco Disco“ genannt. Doch so sehr die Bässe auch pumpen und die Wah-Wah-Gitarren tschackern, ihre Wucht wird immer wieder von wolkigen Streichern und säuselnden Backgroundchören zugedeckt.

Die Idee zum Titel der LP stammte übrigens von Kaempferts Frau. Sie hatte ihrem Mann gesagt, er solle nicht immer so böse gucken und mal wieder lachen. Aber die Platte sollte für den Musiker nicht zum Anlass freudiger Heiterkeit werden. Sie ist ein Totalflop.

Das in nur wenigen tausend Exemplaren verbreitete „Smile“-Album war lange eine begehrte Jagdtrophäe von Plattensammlern und ein beliebtes Samplingobjekt von DJ-Musikern. Jetzt ist es wieder da – zusammen mit 19 anderen erstmals auf CD veröffentlichen Originalalben von Kaempfert aus den Jahren 1958 bis 1979, mit denen die Plattenfirma Universal den größten deutschen Popstar der Nachkriegszeit zum 30. Todestag ehrt. Mit der von ihm arrangierten Trompetenballade „Wonderland By Night“ hatte Kaempfert 1961 als erster Deutscher den Platz eins der US-Charts erobert.

Als der Bandleader im Juni 1980 mit nur 56 Jahren auf Mallorca an den Folgen eines Schlaganfalls starb, hatten sich weltweit rund 150 Millionen Platten mit seinen Melodien verkauft. Schon die Cover seiner Alben fügen sich zu einer kleinen Kulturgeschichte der jungen Bundesrepublik, die vom Westen träumte. Sie zeigen anfangs noch steif vor Bäumen drapierte Musikinstrumente, bald darauf schon Liebespaare vor der festlich illuminierten Skyline von Manhattan. Das Wunderland, das Kaempfert mit strahlenden Bläsern und seinem berühmten „Knackbass“ beschwor, war – keine Frage – Amerika.

Mit dem Jazzvirus ist Berthold Kämpfert, 1923 in Hamburg geboren, bereits früh infiziert worden. Schon der 16-Jährige wird als Akkordeonist in das Tanzorchester Hans Busch aufgenommen, eine der populärsten Unterhaltungskapellen des Dritten Reichs, die mit Foxtrott-Schlagern durch Ballsäle in ganz Deutschland tingelt und dabei immer wieder einige der von den Nationalsozialisten als „Negermusik“ diffamierten Swingnummern in ihr Programm schleust. Den Krieg übersteht Kämpfert als „Musikgefreiter“ in einem Marine-Musikkorps. Noch in der Kriegsgefangenschaft gründet er ein 18-Mann-Orchester, seine erste Eigenkomposition heißt „Glückliche Stunden“.

Kämpfert ist ein Macher, er steigt auf zu einer Art Personifikation des Wirtschaftswunders. „Ich unternahm alles, um Geld zu verdienen“, sagte er selbst. „Und das war zu dieser Zeit ziemlich hart.“ Er arbeitet für Radio Bremen und den NWDR in Hamburg, spielt in Nachtclubs und Hotels, stellt die erste deutsche Fernsehkapelle zusammen, komponiert, arrangiert, bringt als Musikproduzent bei der Polydor die Karrieren von Schlagerstars wie Bully Buhlan, Rudi Schuricke und Ivo Robic auf den Weg. Den frisch erworbenen Wohlstand demonstriert er mit einem Wochenendhaus am Brahmsee und einem schneeweißen Ford Galaxy. Die Kehrseite seines Daueraktivismus: eine beginnende Alkoholsucht. Kämpfert feiert gerne, seine Lieblingsgetränke sind, wie Marc Boettcher in der Biografie „Stranger in the Night“ schreibt, Cola-Rum und Aquavit. Später hält sich der Musiker mit dem Aufputschmittel Preludin für 16-Stunden-Arbeitstage fit.

Mit der deutschen Schlagerindustrie, die ganz auf die Zugkraft ihrer Stars statt auf die Qualität der Kompositionen setzt, ist Kämpfert unzufrieden. Er spricht bei vielen Aufträgen von „Hätte-Produktionen“, Arbeiten, die man sich lieber hätte ersparen sollen.

Seine eigene Karriere kommt erst auf Umwegen in Schwung. Als Kämpferts „Mitternachts-Blues“ vom US-Militärrundfunk in Europa zur Erkennungsmelodie gekürt wird, wird Produzent Milt Gabler von der Plattenfirma Decca auf ihn aufmerksam. Mit massiver Radiopromotion macht Gabler „Wonderland By Night“, das die Polydor in Deutschland nur widerwillig herausbrachte, in Amerika zum Hit. Für den Markt in Übersee nennt sich der Musiker nun Kaempfert.

Ab 1961 veröffentlicht er pro Jahr zwei Alben in den USA, die „A Swingin’ Safari“ „Living It Up“ oder „Love Letters“ heißen. Sein Easy Listening ist das Gegengift zur Rock-’n’-Roll-Rebellion. „Er komponierte Tonfolgen, die man summen kann, nichts Wildes, gute melodische Musik, wie die Amerikaner sie mögen“, sagt Gabler. Al Martino gelingt mit Kaempferts „Blue Spanish Eyes“ ein Welthit, Frank Sinatra verdrängt mit „Strangers In The Night“ die Beatles von Platz eins der Hitparade. Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs nehmen Stars wie Johnny Mathis oder Al Hirt ganze Alben mit Kaempfert-Stücken auf.

Doch mit dem Pop-Zeitalter geht die Ära der Bigbands unweigerlich zu Ende. 1975 verliert Kaempfert seinen Plattenvertrag in den USA, in Deutschland konzentriert sich seine Plattenfirma längst auf den Konkurrenten James Last, der mit seiner „Happy Music“ auch ein jüngeres Publikum erreicht. Kaempfert hasst eigentlich Discomusik. Aber „Fly Robin Fly“ nimmt er trotzdem auf. So endet eine große Karriere: in der Halbherzigkeit.

20 Alben von Bert Kaempfert aus den Jahren 1958 bis 1979 sind bei Universal als CD erschienen. – Bei der Europäischen Verlagsanstalt ist eine erweiterte Neuausgabe von Marc Boettchers Kaempfert-Biografie „Stranger in the Night“ in Vorbereitung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben