Kultur : Bewegung im Quartier

Sieben Wochen „Based in Berlin“: Der Gewinn liegt außerhalb der Schau

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Kunst als Spielzeug. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit vor Ariel Schlesingers Installation „A Car Full of Gas“ im Monbijoupark. Foto: dapd
Kunst als Spielzeug. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit vor Ariel Schlesingers Installation „A Car Full of Gas“ im...Foto: dapd

Am heutigen Sonntag schließt die Ausstellung „Based in Berlin“. Letzte Woche kassierte der Liegenschaftsfonds ein über Jahre mit Kulturproduzenten erarbeitetes Entwicklungskonzept für die untere Friedrichstadt und schrieb für die vakanten Bauflächen ein Höchstbieterverfahren aus. Was das miteinander zu tun hat? Nun, auf der einen Seite gibt sich die Stadt den Anstrich von Vielfalt, Lebendigkeit und Kreativität mit einer Ausstellung von 80 internationalen Künstlern, auf der anderen trocknet sie die Grundlagen dafür aus, dass sich die Vorzüge Berlins als Lebens- und Produktionsstätte auch in Zukunft erhalten.

Sieben Wochen lang lud „Based in Berlin“ in den Hamburger Bahnhof, den Neuen Berliner Kunstverein, die Berlinische Galerie, die Kunst-Werke und das frühere Atelierhaus der Kunsthochschule Weißensee im Monbijoupark. Dort ragte der Daumen der Freiheitsstatue auf, die Konzeptkünstler Danh Vo gerade Teil für Teil auf der ganzen Welt nachbauen lässt. Währenddessen werden der Berliner Kunst die Daumenschrauben angedreht.

Eine Bestandsaufnahme der Berliner Kunstproduktion sollte die Ausstellung sein, was sie nicht war. Sonst hätte sie von den Produktionsbedingungen sprechen müssen. Eine nicht nur oberflächliche Bilanz von „Based in Berlin“ ergibt besorgniserregende Dysfunktionalitäten im Kunstsystem: auf Seiten der Politik, der Kuratoren, der Kunst wie der Kritik.

Die Kulturverwaltung zeigte eine himmelschreiende Ignoranz gegenüber den Institutionen, die trotz chronischer Unterfinanzierung Berlin seit Mitte der Neunziger zum internationalen Kunststandort entwickelt haben. Statt auf deren Expertise zu setzen, übertrug man die Verantwortung mit Klaus Biesenbach und Hans Ulrich Obrist auf Akteure, die einst selbst Gründer waren, aber Berlin inzwischen eher aus dem Flugzeug wahrnehmen. Erst als man vom zunächst geplanten problematischen Standort am Hauptbahnhof abrückte, wurden die Institutionen als Raumgeber ins Boot geholt.

Biesenbach, Obrist und Christine Macel wählten fünf Jungkuratoren, von denen vorher kaum jemand eine eigene Ausstellung verantwortet hatte. Dass sie an diesem Punkt eher ihrer Karriere verantwortlich waren als ambitionierten Konzepten, ist weniger ihnen anzulasten als ihrer Ernennung. Jedenfalls konnten sie weder Kritikern noch Galeristen noch intern erklären, warum wer welche Künstler aussuchte.

Und die Kunst? Es waren Kitty Krauss und Özlem Altin, deren Arbeiten tatsächlich etwas wie Risiko oder Haltung eingeschrieben war. Ansonsten war selten eine Einstellung zur Welt und zur Kunst zu erkennen, die den infiniten Regress ironischen Zitierens überwinden könnte. Viele Arbeiten wirkten wie eine Illustration der Stimmungen, die entstehen, wenn jemand nachts aus dem Partygespräch abdriftet und mit der Flasche in der Hand ins Leere starrt. Im Abendprogramm ließ sich zu Performances Bier trinken und netzwerken, montags lud die Künstlerin Helga Wretmann zum Fitnessprogramm. Der bedenklichen Neigung zum Cocooning wurde von Erik Blinderman & Lisa Rave der Spiegel vorgehalten: Im NBK zeigten sie eine Videoarbeit über Rentnersiedlungen in Florida und Namibia.

Daneben präsentierte Mandla Reuter die Mauerbrocken, die er ein paar Straßen weiter aus dem Atelierhaus im Monbijoupark geschlagen hatte. Die Bezugnahme auf die Institutionskritik Gordon Matta-Clarks oder Michael Ashers war in ihrer schwachbrüstigen Unverbindlichkeitlichkeit nur ärgerlich. Das Kritikverständnis der meisten präsentierten Künstler erreicht offenbar nicht mal das Niveau der Tagespolitik und endete an den Porträtfotos von den Wahl-Herausforderern Klaus Wowereits und ihm selbst, dessen Glanz damit nur betont wird.

Fast jede Besprechung griff diese Vorlage dankbar auf, weshalb der Name des Regierenden Bürgermeisters wohl am stärksten mit der Ausstellung verknüpft bleiben wird. Reflexhaft wurde für das Atelierhaus im Monbijoupark mal wieder der Berliner Ruinenchic behauptet, wo doch in den kalten Fluren höchstens der Charme eines Hochschul- oder Krankenhausrundgangs aufkam. Auch weil die Kuratoren sich offenbar darauf geeinigt hatten, die ephemere Bastelkunst im Bastelhaus und die feinere Kunst in den feineren Kunstwerken in der Auguststraße zu zeigen, womit die letzten Spannungspotenziale verspielt waren.

Machen 100 000 Besucher Kritik überflüssig? Die hatte auch die 5. Berlin Biennale mit ihrem Nachtprogramm. Aber die Berlin Biennale kostet Eintritt. Und sie ist ein anspruchsvolles Format, das die gesellschaftliche Rolle von Kunst ernst nimmt. „Based in Berlin“ zeigte sich dagegen so planlos wie die Programme der Parteien zur Abgeordnetenhauswahl im September, und das, wo der Kunststandort Berlin am Scheidepunkt steht. Die Energie, die für Kunsthallenträume verwendet wurde, die diese Woche endgültig vom Senat beerdigt wurden, sollte zunächst darauf verwendet werden, das riesige Atelier zu erhalten, das die Stadt selbst bildet.

Gegen die fortschreitende Homogenisierung des Stadtraums wird seit 2009 zwischen Bezirkpolitikern, Soziologen und Kulturschaffenden das Konzept des „Kreativquartiers“ für die Flächen um den früheren Blumengroßmarkt entwickelt, das der Liegenschaftsfonds jetzt übergeht. Die Stadt droht damit noch die letzten öffentlich aushandelbaren Flächen im Zentrum zu verlieren. Bei der Konferenz „Kunst Stadt Berlin“ vergangenen Mittwoch entstand ein offener Brief an den Senat und die Spitzenkandidaten, der einen Verkaufsstopp öffentlicher Liegenschaften fordert und ähnliche Unterstützung erfahren könnte wie der Brief „Haben und Brauchen“, der Ende 2010 eine nachhaltigere Kunstpolitik einforderte. In der der Abschlussdiskussion rief die Rektorin der Kunsthochschule Weißensee Leonie Baumann zum Zusammenschluss mit anderen sozialen Gruppen auf.

Das sind die beiden größten Gewinne von „Based in Berlin“: die gesteigerte Aufmerksamkeit für Gegenwartskunst und die Repolitisierung der Berliner Kunstszene, aus Empörung über eine scheinheilige Repräsentationspolitik.

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