Beyoncé : Operation Seelenheil: Das neue Album von Beyoncé

Beyoncé gelingt mit ihrem fünften Album ein knalliges Gesamtkunstwerk. Ohne jegliche Ankündigung veröffentlichte sie 14 Songs und 17 Videos - exklusiv bei einem Onlinehändler.

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Beyoncé Knowles, 32.
Beyoncé Knowles, 32.Foto: Sony Music

Huch, und dann war es plötzlich da! Gerade verarbeitete die Welt noch die Nachricht, dass sich Beyoncé und ihr Ehemann Jay-Z 22 Tage lang vegan ernähren wollen, da verbreitete sich die Meldung, dass die Sängerin ein neues Album veröffentlicht hat. Einfach so, ohne Promotion, ohne Tonträger im Handel, ohne irgendeinen Fitzel von Vorankündigung. „Beyoncé“, das fünfte Album des Superstars, war scheinbar über Nacht geboren.

Timbaland, Justin Timberlake, Pharrell Williams, Jay-Z und ein paar andere Branchengrößen haben sich an diesem Geheimwerk beteiligt. Es gibt viele langsame Titel, einige Songs, die plötzlich in der Mitte abbrechen und ihren Rhythmus oder ihr Tempo verändern, es gibt Arschwackelmusik und den Soundtrack für Feuerzeugmeere, es gibt viel Soul und viel Seele. Doch vor allem demonstriert Beyoncé mit diesem Album ihren Anspruch, eine moderne, relevante Größe der Popwelt zu sein. Denn ihr letztes Album „4“ war 2011 ein kommerzieller und künstlerischer Misserfolg.

Und diese Auferstehung soll ganz spontan über Beyoncé gekommen sein? Die Platte sei eben fertig gewesen, ließ die Sängerin verlautbaren. Ganz so simpel war es sicher nicht. In den ausgefeilten Markenstrategien, die heutzutage jeder Popstar braucht, gibt es keinen Platz für Überraschungen. Glaubt irgendjemand, Miley Cyrus hätte sich spontan entschlossen, ihren Hintern an der Hüfte von Sänger Robin Thicke zu reiben, als beide bei den MTV Music Awards auftraten? Genauso wird kein Fan ernsthaft annehmen, Beyoncé hätte am Abend den letzten Schalter im Studio umgelegt und zu Jay-Z gesagt: „Schatz, wollen wir das Ding nicht schnell veröffentlichen, bevor wir die vegane Kohlroulade in den Ofen schieben?“

Abgespeckt ist hier nur die Promo-Kampagne. Der „Guardian“ hat es ganz richtig beschrieben: Die wochenlangen Aktionen, die vielen Alben vorausgehen, die Videos, Partnerschaften mit Mobiltelefonanbietern, die hysterischen Twittermeldungen, sie fühlen sich manchmal „wie chinesische Wasserfolter“ an. Nun also Beyoncé, die mit einem Schlag das ganze PR-Geschäft beiseitefegt. Und wie es funktioniert! In den ersten drei Stunden haben sich 80 000 Hörer das Album über iTunes heruntergeladen, denn nur dort ist es bis zum 20. Dezember erhältlich. Anschließend kommt es auch als CD heraus. In 90 Ländern soll es auf Platz eins des Anbieters gesprungen sein, Deutschland inklusive. Als wäre das allein nicht schon ein unheimlicher Scoop, hat die 32-jährige Texanerin noch eine weitere Neuerung eingeführt. „Beyoncé“ ist ein visuelles Album, denn „ich sehe Musik“, sagt die Sängerin. So tauchen nach zehn Minuten Ladevorgang nicht nur 14 Lieder in der Musikbibliothek auf, sondern auch 17 Videos. Zu jedem Song und einigen Bonustracks hat Beyoncé Knowles Videoclips gedreht, in Rio de Janeiro, New York, Paris ...

Los geht es mit „Pretty Hurts“, einer Ballade über die Last der Schönheitsindustrie, mitgeschrieben von Sia Fuller, die sonst mit David Guetta oder Rihanna zusammenarbeitet. Im Video sieht man, wie die Sängerin sich die Seele aus dem Leib singt – und, man muss es so drastisch sagen, kotzt. Sie hängt über einer Kloschüssel, steckt sich den Finger in den Hals, alles, um bei einem Schönheitswettbewerb zu gewinnen. „Miss 3rd Ward“ steht auf ihrer Schärpe, ein Hinweis auf ihren Heimatbezirk in Houston. Pointierte Beats, sparsame Synthieflächen im Hintergrund, atmosphärisches „Ah-ah“-Getuschel, ein Refrain, der zum mehrstimmigen Chor aufsteigt – das ist Weltklasse.

Beyoncé inszeniert sich wie ein wandelnder Widerspruch

Nicht der Körper, sondern die Seele brauche eine Operation, singt sie. Doch wie sich die Künstlerin in einigen nachfolgenden Clips inszeniert – extreme Nahaufnahmen zeigen ihren aufreizend bekleideten, makellosen Körper in lasziven Posen – da hat man nicht das Gefühl, Beyoncé wolle ein neues Frauenbild durchboxen. Was sie propagiert: sexuelle Selbstbestimmung. Im Titel „Drunk in Love“ fordert sie gleich zu Beginn, dass „this ass“ doch bitte auf den Schoß ihres Liebhabers gehört. In „Haunted“ spielt sie visuell Formen der Verführung durch, aufgezogen wie eine Erotikkanalversion von „Shining“ (langer Flur, Zwillinge, jedes Zimmer erzählt eine Fantasie). Die Beats klappern aufreizend. Dazwischen sampelt sie allerdings auch eine Rede der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie („Flawless“), in der sie beklagt, dass Mädchen zu guten Ehefrauen erzogen werden, die bloß nicht zu viel Ehrgeiz haben dürften.

Das Problem hat Beyoncé nicht mehr: Seit sie vor zehn Jahren mit ihrer Vergangenheit in der Girlgroup Destiny’s Child gebrochen, ihren Vater als Manager entlassen und ihr Image als nette Hupfdohle umgekrempelt hat, weigert sie sich häufig, an sie gestellte Erwartungen zu erfüllen. Ihre Musik wurde rauer, sie wilderte im Hip-Hop, inszenierte sich als markige Powerfrau und verletzliche Geliebte, kurz: als Mensch mit Widersprüchen.

Diese Inkonsistenz bleibt erhalten. Heultrine, Disco-Püppchen, Hooliganbraut – Beyoncé dekliniert alle möglichen Images durch. Mal erinnert ihre Musik an einen schnellen Massive-Attack-Track, dann an eine funkige Kelis-Nummer oder ein langsames Rihanna-Stück. Überhaupt Rihanna! Die Sängerin wurde einst von Jay-Z entdeckt und scheint im Mittelteil des Albums als Blaupause durch, wenn es um die aufreizenden Klöppelbeats und hektisch pumpenden Hinterbacken geht. Das ist der schwächste Teil der Platte, die viele Höhepunkte hat: die knackigen Disco-Zitate in „Blow“, das „Superpower“-Duett mit Soul-Erneuerer Frank Ocean und die Mitklatsch-Hymne „XO“.

Sicher, die Bilder überlagern die Musik. Das Styling der Haare und Fingernägel brennt sich stärker ins Gedächtnis als manche Textzeile. Doch ist das ungewöhnlich für eine Zeit, in der Instagram-Filter die Weltsicht bestimmen? Als kurzweiliges Gesamtkonzept überzeugt „Beyoncé“ jedenfalls. Und vielleicht sieht ja so die Zukunft des kriselnden Albumformates aus: wie ein Popcorn-Clip aus dem Modekatalog.

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