Kultur : Bilder, brutal wie die Welt

Zum Tod des Cobra- Begründers Constant

Ulrich Clewing

Fratzen in der Nacht, Ballongesichter, Höllenhunde, Vogelskelette – und alle grinsen fies: Als Constant Anton Nieuwenhuys 1949 sein heute in der Londoner Tate Gallery aufbewahrtes Bild „Après nous, liberté“ malte, sparte er nicht mit Personal der übelsten Sorte. Aus seiner Sicht war es nur zu konsequent, die Utopie der Freiheit aus dem Schrecken einer horrenden Gegenwart zu erklären. Ein Jahr zuvor war der 1920 in Amsterdam geborene Holländer der dänisch-holländisch-belgischen Künstlergruppe Cobra (Copenhagen, Brüssel, Amsterdam) beigetreten, zu der auch Maler wie Pierre Alechinsky, Karel Appel, Asger Jorn und der Deutsche Karl Otto Götz gehörten. Der Zweite Weltkrieg hatte ihnen die Jugend genommen, und nun schleuderten sie der Welt desillusioniert, misstrauisch und radikal ihre Malerei gewordenen Anklagen entgegen.

Constant, der eigentlich Architektur studiert hatte und den alle nur bei seinem Vornamen nannten, machte da keine Ausnahme. Seine Bilder mussten hässlich sein, brutal und roh, denn sie kündeten von hässlichen, brutalen und rohen Dingen: von den Albträumen, die der Mensch dem Menschen anzutun imstande ist, wenn man (beziehungsweise der Kapitalismus) ihn bloß lässt. Dass der Bruch mit dem bürgerlichen guten Geschmack damit zwingend einherging, war für Constant nicht nur eine Frage der Kunst, sondern der Weltanschauung. „Das Experimentieren in künstlerischer, sexueller, sozialer und jeder anderen Hinsicht“, schrieb er 1949, „ist ein notwendiges Werkzeug, um Ursprung und Ziel unseres Atmens kennen zu lernen.“

In den fünfziger und sechziger Jahren schuf Constant neben seinen Gemälden auch abstrakte Skulpturen aus Aluminium, Eisendraht und Plexiglas. Außerdem beschäftigte er sich wieder verstärkt mit Architektur, wobei er die Grenzen zur Fantasterei spielend überbrückte. So plante er unter anderen die Errichtung von „New Babylon“, einem Ort der Massenkreativität, in dem das gesamte kulturelle Leben vom Individualismus zur Kollektivität umgeformt werden sollte. Die Pläne, Landkarten und Modelle dazu waren zuletzt 2002 auf Okwui Enwezors Documenta 11 im Kulturbahnhof von Kassel zu sehen – eine Wiederentdeckung.

Solch Massenbeglückung blieb Gott sei Dank im Stadium der Idee stecken, und auch Cobra, die stramm marxistisch-orientierte Künstlervereinigung, hatte sich längst wieder aufgelöst. Doch der Einfluss der von ihr und damit auch von Constant propagierten gestisch-expressiven Art Brut war und ist bis heute immens. Am Montag ist der Künstler in Utrecht gestorben. Er war am 21. Juli 85 geworden.

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