Bill Murray im Film "Rock the Kasbah" : Lost in Afghanistan

Maschinengewehre und Musik: Bill Murray spielt in der Politkomödie „Rock the Kasbah“ von Barry Levinson einen abgehalfterten Musikpromoter, der in die Kriegswirren gerät.

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Bombenstimmung. Musikmanager Richie Lanz (Bill Murray) in Kabul.
Bombenstimmung. Musikmanager Richie Lanz (Bill Murray) in Kabul.Foto: Tobis

Es gibt Angebote, die du nicht ablehnen solltest, wenn du tief im afghanischen Hinterland festsitzt, weil der eigene, schwer gepanzerte Wagen auf eine Mine gefahren ist. Wenn dann einige Paschtunen-Krieger aus der Wüste auf dich zugeritten kommen, bis an die Zähne bewaffnet, und dich zu einem Essen und einer Übernachtung einladen, musst du lächeln und sagen: „Warum nicht?!“

Eigentlich war der finanziell wiedermal klamme Rockmanager Richie Lanz nur mit einem Konvoi aus Kabul herausgefahren, um im Auftrag dubioser Waffenhändler Maschinengewehre und Granaten an auszuliefern und damit seinen Rückflug zu finanzieren. Jetzt fühlt er sich von der Bevölkerung als Geisel genommen. Der Bürgermeister erzählt, dass man sich in seinem Land oft mit einem Lied bedanke. Also beginnt der Impresario mit grummelnder Stimme den Deep-Purple-Hit „Smoke on the Water“ zu singen, weil ihm gerade nichts anderes einfällt, ein „Volkslied“, wie er versichert. Die Dorfbewohner trommeln begeistert mit.

Musik, so lautet die Botschaft von Barry Levinsons Politkomödie „Rock the Kasbah“ kann alle Hürden zwischen den Kulturen überwinden und aus Fremden Freunde machen. Bill Murray verkörpert den abgehalfterten Musikpromoter mit altbewährter Zerknautschtheit und in einem Zustand stoischer Dauerverwirrtheit, der an seinen Auftritt in der Clash-of-Cultures-Komödie „Lost in Translation“ erinnert. Er mag ein Hochstapler sein, aber er hat Charme. Gerne prahlt er damit, Madonna schon gemanagt zu haben, als sie noch in Burger-Restaurants auftrat. Aber am Anfang des Films sitzt er in seinem kalifornischen Büro und verspricht talentfreien Sängerinnen, dass er sie gegen ein paar hundert Dollar, ausgezahlt in Cash, garantiert ganz groß rausbringen werde.

Das Angebot, mit einer Countrymusikerin, die zugleich seine Sekretärin ist (Zooey Deschanel), für die US-Army durch Afghanistan zu touren, nutzt Richie zur Flucht vor den Gläubigern. Nur, dass ihm am Hindukusch zuerst die Sängerin und dann sein Geld und die Papiere abhanden kommen. „I’m fucked“, gesteht der Verlassene und Bestohlene dem Portier des runtergekommenen Hotels, in dem er in Kabul abgestiegen ist. Der Mann entgegnet bloß: „Willkommen in Afghanistan!“ Der Filmtitel „Rock the Kasbah“ verspricht mehr, als er hält. Denn erstens, das erfährt Richie schon vor der Abreise von seiner kleinen Tochter, gibt es nur in Nordafrika Kasbah-Altstädte, nicht aber in Afghanistan. Und zweitens taucht der gleichnamige Clash-Song nicht im Soundtrack auf.

Kabul ist in "Rock the Kasbah" halb Hochsicherheitstrakt, halb Irrenhaus

Barry Levinson hat in Filmen wie „Good Morning, Vietnam“ oder „Wag the Dog“ den Zynismus der amerikanischen Außenpolitik ironisch auf die Spitze getrieben. Von diesem bösen Witz sind in „Rock the Kasbah“ bloß noch ein paar Spurenelemente übrig geblieben. Kabul erscheint wie eine Mischung aus Hochsicherheitstrakt und Irrenhaus, bevölkert von Kriegsgewinnlern wie einem Söldner, der Waffen an die Partei verkauft, die am besten bezahlt. Bruce Willis verkörpert ihn mit größtmöglicher Stiernackigkeit. Wenn es im Hintergrund rummst, erklären die alliierten Mietsoldaten achselzuckend: „Da muss wohl ein Einheimischer auf dem Markt explodiert sein.“

Sein Thema findet „Rock the Kasbah“, als Richie während seines Besuches in der Wüste die Tochter des Bürgermeisters, Salina (Leem Lubany) singen hört. Paschtunen-Mädchen ist es verboten, weltliche Lieder zu singen, schon gar in der Öffentlichkeit. Richie schafft das Mädchen, das von seinem Vater verflucht wird und bald Todesdrohungen erhält, im Kofferraum seines Autos nach Kabul und bringt sie in einer Fernsehshow unter, einer Art „Afghanistan sucht den Superstar“. Dort singt Salina Cat Stevens’ Friedenshymne „Peace Train“, ein rührender Moment. Die Geschichte klingt wie ein Märchen, beruht aber auf wahren Begebenheiten.

In 11 Berliner Kinos. OmU: Babylon Kreuzberg, Filmkunst 66, Hackesche Höfe, International, Kulturbrauerei, Odeon, Rollberg, OV: Cinestar Sony-Center

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