Kultur : Bin im Wald

Haarig: Michel Gondrys „Human Nature“

Silvia Hallensleben

In seiner ganzen Schärfe lässt sich Lilas Problem vielleicht nur in Hochkulturen nachvollziehen, die bereits ein nicht epiliertes Damenbein mit Ekel quittieren. Lilas Körper neigt nämlich aufgrund hormonellen Eigenwillens zu einer Oberflächenbehaarung, die selbst das Tom-Jones-Übliche übersteigt. Bei ihr sprießt es fast überall, selbst auf Busen und Bauch wächst dem Mädchen ein richtiges Fell. Und da Lila in den USA lebt, einem Land, wo schon ein paar alteuropäische Wadenstoppeln zur emotionalen Ausbürgerung führen können, scheint ihr Schicksal vorgezeichnet: lebenslange Einsamkeit und ein Ende als alte Jungfer. Vor dem nun eigentlich unausweichlichen Selbstmord wird Lila gerade noch gerettet durch eine weiße Maus, die gerade in dem Augenblick ihr Köpfchen am Wannenrand erhebt, als die Verzweifelte das tödliche Messer zur Ader führen will.

Im wirklichen Leben brächte eine solche Begegnung vermutlich den endgültigen Todesstoß. In dieser ungewöhnlichen Filmkomödie ist es die Rettung: Menschsein ist schließlich nicht alles, und in der Natur treibt es auch Petz mit Pelz. Doch Sodomie ist Lilas Sache nicht. So führt die unvermittelte tierische Begegnung die Lebensmüde zwar erst waldwärts an die Seite von Fuchs und Reh, doch auf Umwegen doch noch zu einer Ganzkörperrasur.

Schon das ist verrückt genug. Doch da ist der Film längst nicht zu Ende: Denn das Script von Charlie Kaufman hat noch zwei ebenso bizarre Lebensgeschichten und viele wunderbare Wendungen auf Lager, um mainstreamgelangweilte Kinogänger zu überraschen und erfreuen. Dabei werden so existenzielle Fragen aufgeworfen wie die nach der Bedeutung frühkindlicher Prägungen, dem Verhältnis von Trieb und Vernunft und dem Attraktionsfaktor schmollmündiger Praktikantinnen mit französischem Akzent. Doch auch Fell kann durchaus sexy sein, wie Patricia Arquette mit anmutigen Auftritten und einer haarverliebten Gesangsnummer im Märchenwald beweist.

Wer Regisseur Michel Gondry von den Musikvideos kennt, die er unter anderem für Björk produziert hat, wird über den künstlerischen Übermut nicht erstaunt sein, mit dem Gondry sein Know-how in der Erschaffung zauberhafter Filmwelten erprobt. Und auch den Darstellern sieht man die Spiellust angesichts der höchst ungewöhnlichen Rollen an. Tim Robbins brilliert als verklemmter Wissenschaftler, dessen Forschungsinteresse darauf fixiert ist, Mäuse mit Elektroschocks auf korrekte Tischsitten zu trainieren. Und Rhys Ifans wird vom zottelbärtigen Affenmenschen Puff zu einem Gentleman zwangsdressiert, der beim gepflegten Parlieren über Rotwein und Melville immer wieder von seinen Sexualtrieben überfallen wird.

Kino mit Eigensinn zwischen Clockwork Orange und Bambi: „Human Nature“ ist das Spielfilmdebüt von Regisseur Michel Gondry und eine frühe Arbeit von Drehbuchautor Charlie Kaufman, der sich seitdem mit Arbeiten wie „Being John Malkovich“ und „Adaptation“ als eigenwilliger Kopf bewiesen hat. Dass die schon 2001 gedrehte erste Zusammenarbeit der beiden erst jetzt im Nachlauf zum neuen „Vergiss mein nicht!“ in die deutschen Kinos kommt, ist verleihinternen Händeln geschuldet und hat mit mangelnder Qualität des Erstlings nichts zu tun. „Human Nature“ ist zeitlos genug, um unter dieser Verspätung nicht zu leiden.

Central (OmU), Cinestar SonyCenter (OV), Filmpalast, Kulturbrauerei

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