Biografie von Achim und Bettine von Armin : Das Traumpaar der Romantik

Von einer ungewöhnlichen Liebe zu einer ungewöhnlichen Ehe: Hildegard Baumgart setzt ihre Biografie des romantischen Schriftstellerpaares Achim und Bettine von Arnim fort.

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Ganz in der romantischen Pose: Der junge Achim von Arnim in einem Porträt aus dem Jahr 1803.
Ganz in der romantischen Pose: Der junge Achim von Arnim in einem Porträt aus dem Jahr 1803.Abbildung: Wikipedia

Vor 200 Jahren lagen Schloss Wiepersdorf im südlichen Fläming und Berlin eine ganztägige Kutschfahrt auseinander. Dieser für die Zeitgenossen strapaziöse Umstand hat sich im Nachhinein als unschätzbares Glück für die Literatur erwiesen. Im April 1814, drei Jahre nach ihrer Hochzeit, übersiedelten Achim von Arnim und seine Frau Bettine, geborene Brentano, mit den kleinen Söhnen Freimund und Siegmund nach Wiepersdorf, um von der Landwirtschaft zu leben. Die Gebrüder Arnim hatten das Ländchen Bärwalde von ihrer energischen Großmutter Caroline Freifrau von Labes geerbt. Sie erzog die Jungen, nachdem Achims Mutter wenige Wochen nach dessen Geburt am 26. Januar 1781 gestorben war. Doch im Gegensatz zum genügsamen und die Einsamkeit gewohnten Achim hielt es die Frankfurter Kaufmannstochter Bettine dort nur drei Jahre aus – sie zog mit den frei erzogenen Poetenkindern nach Berlin zurück, auf die bis 1827 fünf weitere Kinder folgten.

Die räumliche Trennung bedeutete für die 20-jährige Ehe der Arnims einen ständig schwelenden Konflikt und begründete zugleich die ausgedehnte Korrespondenz des Paares. Nun hat Hildegard Baumgart diesen philologischen und kulturgeschichtlichen Schatz erneut in Form einer Doppelbiografie gehoben. „Bettine und Achim von Arnim – Die Geschichte einer ungewöhnlichen Ehe“ setzt ihr Buch „Bettine Brentano und Achim von Arnim – Lehrjahre einer Liebe“ von 1999 fort. Damit vollendet die Romanistin und frühere Münchner Ehe- und Familientherapeutin ihre jahrzehntelange Beschäftigung mit jenen beiden Schriftstellern, die als das Traumpaar der Romantik schlechthin gelten.

Bettine hatte ein Intermezzo mit Goethe

Er sei froh, die Tollhäusler los zu sein, wird Johann Wolfgang von Goethe zitiert, dem die Frischvermählten im August 1811 in Weimar ihre Aufwartung machten. Als junges Mädchen hatte Bettine laut Baumgart mit dem glühend verehrten Frankfurter Landsmann eine flüchtige erotische Szene erlebt: Er soll ihr Mieder geöffnet und ihren blanken Busen geküsst haben. Nun kam es zu einem Zwischenfall in einer Ausstellung, als Bettine Goethes Ehefrau Christiane als „Blutwurst“ beschimpft haben soll.

Der Autorin scheint es mit den Arnims ganz anders als Goethe zu ergehen, derart plastisch rekonstruiert sie anhand unzähliger Briefstellen deren Alltag. Die beiden erscheinen wie Hausgenossen, mit denen sie vertrautesten Umgang pflegt. In die extrovertierte Bettine und den introvertierten Achim fühlt sie sich beinahe mimetisch ein, inklusive dezenter Mutmaßungen in eroticis: „,Lieber seidner Leib’ wird sie an Arnim schreiben, und das ‚eheliche Küssen’ geriet ihnen mehrmals leidenschaftlicher, als sie es eigentlich gewollt hatten: nach den vier Söhnen und der ersten Tochter wurde die beiden folgenden Schwangerschaften nicht eben mit Jubeltönen begrüßt. Doch schreibt Achim noch nach fast zehn Ehejahren sehnsüchtig von einer Reise: ‚…ich küsse Dich, Du mein Leib, und Deine Seele ruht in der meinen’.“

Hildegard Baumgarts übergeordnetes Thema ist die Liebe und die Frage, wie diese sich nach der Heirat aus der Poesie in den Alltag überführen lässt. Der Glaube an die Unsterblichkeit der Jugend und der Erhalt einer höheren, poetischen Existenz benennt sie als die beiden Leitmotive von Bettines Leben. Daran hielt sie unbeirrbar fest, während Achim häufig der „Gram unserer unglücklichen Hauswirtschaft“ und die „Arnimarmut“ plagten. Stets verherrlichte die kleine und dunkle Bettine ihren stattlichen blonden Mann mit der markanten Nase, den „Baron aus dem Norden“, als ingeniösen Schriftsteller.

Unrühmliches Kapitel: Armins „Judenrede“

Dabei rezipierte die Kritik seine Bücher meist negativ, so auch die eng befreundeten Brüder Grimm. Johann Wolfgang von Goethe war schon länger von Arnim abgerückt, obwohl er ihn und dessen Schwager Clemens Brentano einst für ihr frühromantisches Standardwerk bewundert, die Gedicht- und Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“.

Achim von Arnims Manuskripte, ob als Schriftsteller oder als Redakteur der antinapoleonischen, von der Zensur gegängelten Zeitschrift „Der Preußische Correspondent“, litten an „romantischer Unordnung“, stellt Baumgart tadelnd fest. Man kann sich die enorme Arbeit vorstellen, mit der sich Bettine nach Achims frühem Tod 1831 als Herausgeberin seines Werks konfrontiert sah. Sie überlebte ihn um 28 Jahre. Sie war davon überzeugt, ihr Mann würde die Menschheit verschönern, wenn er sich nur entschließen könnte, deutlicher aufzutreten.

Einmal allerdings tat er dies überdeutlich und mit gewaltsamen Folgen: Als Gründungsmitglied der mit Hardenberg, Fichte und anderen prominent besetzten „Deutschen Tischgesellschaft“ hielt Arnim 1811 seine sogenannte Judenrede, die 160 Jahre lang ungedruckt blieb. Im Nachwort dankt die Autorin postum ihrem Mann, dem 2003 verstorbenen Literaturkritiker Reinhard Baumgart, für seine Hilfe bei der Rekonstruktion dieses unrühmlichen Kapitels.

Ab 1823 entfernte sich das Paar voneinander

Sie schildert ausführlich den Skandal bis hin zur aktenkundigen Prügelei auf einem Badeschiff auf der Spree, den Arnims verworrenes Pamphlet auslöste, das sich aus heutiger Sicht monströs liest. Bettine hingegen zählte jüdische Salondamen wie Sara Levin und besonders Rahel Varnhagen zu ihren Bekannten. Beide Damen warben um den jungen Historiker Leopold von Ranke, so wie in diesem Epochenpanorama von Humbodt bis Savigny unzählige Namensgeber Berliner Straßen lebendig werden.

Ab 1823 verfestigte sich die räumliche und wohl auch seelische Trennung des Paares. Während Bettine Achim weiterhin gut zusprach und ihn zu Reisen ermunterte, pflegte sie selbst intensiven Umgang mit jüngeren Männern wie dem Jurastudenten Philipp Hössli aus Graubünden, Unter dem Titel „Ist dir bange vor meiner Liebe?“ liegt die Korrespondenz der beiden im Insel Verlag vor.

Bettines freigeistig-kühner, auf die Zeitgenossen „unweiblich“ wirkender Überschwang schien sich nach Goethe – für den sie ein monströses Denkmal entwarf – einfach andere Objekte zu suchen. 1835 kam ihr jüngster Sohn Kühnemund bei einem Badeunfall in der Spree ums Leben, was sie tief erschütterte. Im selben Jahr debütierte die 50-Jährige erfolgreich mit dem Band „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“. Darin konkretisierten sich ihr Hang und ihr Talent zum Anekdotischen. Für das „wunderlichste Wesen von der Welt“ hielt Goethe seine unberechenbare Verehrerin, während Rahel Varnhagen sie als Vogel sah: „immer entweder gekauert oder in Lüften“.

Feministische Grundsatzkritik fehlt

Die Reiseschilderungen auf Grundlage der Briefe zählen zu den schönsten Passagen des reich illustrierten Buches, das ein hilfreiches Register ergänzt. Ihre akribisch gesammelten und paraphrasierten Briefzitate zwingen die Autorin allerdings zu einem positivistischen Ansatz. Feministische Grundsatzkritik an der Rolle der Frau in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die sich bei jeder Geburt der Lebensgefahr aussetzte, scheint bei ihr nur in Ansätzen auf. Und gelegentlich dringt der pädagogische Ton der Paartherapeutin durch. Dennoch ist es Hildegard Baumgarts großes Verdienst, dass man Bettine und Achim auch im Abstand von 200 Jahren so lebendig diskutieren, dichten und streiten hört.

Hildegard Baumgart: Bettine und Achim von Arnim. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Ehe. Insel Verlag, Berlin 2016. 750 Seiten, 32 €.

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