Biopic über den Chanson-Star Dalida : Das Sein zur Liebe hin

Ein tragisches, triumphales Leben: Lisa Azuelos' Biopic über die französische Sängerin und Stilikone Dalida, die sich vor 30 Jahren das Leben nahm.

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Tragische Diva. Sveva Alviti in der Rolle der Chansonsängerin Dalida.
Tragische Diva. Sveva Alviti in der Rolle der Chansonsängerin Dalida.Foto: NFP

Das Leben ist kein Schlager. Es ist ein Chanson. Jedenfalls für Iolanda Cristina Gigliotti, die sich Dalida nennt und mit 150 Millionen verkauften Schallplatten zu einer der erfolgreichsten französischen Sängerinnen aufsteigt. Schlager sind Lieder über die Liebe. Chansons erzählen von echtem Leid.

Der Anfang von „Dalida“, dem Biopic der französischen Regisseurin Lisa Azuelos, ist ein Ende. Die Heldin liegt auf dem Boden, ihre katzenhaften Augen schließen sich, und der Film, der folgt, spielt ganz in diesem Kopf mit der rostblonden Big-Hair-Frisur. Es sind Lebenserinnerungen. Dalida stirbt, aber sie ist immer noch perfekt geschminkt. Ähnlich lange Kunstwimpern wird erst wieder Amy Winehouse tragen. Dann erklingen die schleppenden Rhythmen von „Un po’ d’amore“, ihrer orchestral aufschäumenden Version des Progrockschunklers „Nights in White Satin“, und die Diva ist auf einmal wieder im Hotelzimmer 76, dem Liebesnest, das sie mit ihrem Lover teilt. Er heißt Luigi und wird sich umbringen.

Der Film kommt nicht ohne Stereotype aus

Dort liegen sie eng umschlungen beieinander, selbstverständlich rauchend, und Dalida bittet: „Erzähl’ mir was Schönes“ – „Was denn?“ – „Wie wäre es mit Heidegger, das Sein zum Tode?“ Eine Liebe, die um Ontologie und Existenzphilosophie kreist, kann nicht gut ausgehen. Auch wenn die Sängerin sagt, dass sie mit Heideggers Daseinspessimismus nicht viel anfangen kann: „Das Allerwichtigste ist doch das Sein zur Liebe hin.“

„Dalida“ kommt nicht ohne Stereotype aus, viele dramaturgische Bausteine sind aus ähnlichen Biopics vertraut. Der dreigeteilte Spiegel in der Künstlergarderobe, vor dem der Star nach seinem Ich sucht. Die Gespräche mit einem eierköpfigen Psychiater. Die Triumphe auf der Bühne, bei denen sich die Sängerin in ein statuarisches, göttinnengleich ausgeleuchtetes Kunstwesen verwandelt, in diesem Fall im Pariser Chansontempel Olympia. Auf den Plakaten steht ganz oben groß der Name Dalida, der von Charles Aznavour klein darunter.

Es ist ungemein elegant, wie in „Dalida“ die Chansons ineinanderfließen, wie die Musik beginnt, von diesem tragischen, traurigen und triumphalen Leben zu erzählen. Hauptdarstellerin Sveva Alviti schafft es, Dalida als Showbiz-Hochleistungsarbeiterin zu porträtieren und immer wieder die Leere hinter dem Fanatismus aufscheinen zu lassen. Mit 25, als sie mit dem Gute-Laune-Lied „Bambino“ den Durchbruch geschafft hat, antwortet sie auf die Frage nach dem Geheimnis ihres Erfolgs: „Ich arbeitete sehr viel.“ Und mit 45 trainiert sie für ein letztes Comeback mit dem „Saturday Night Fever“-Choreografen Disco-Tanzschritte.

Schicksalsschläge, Lebenskrisen

Als die in Kairo geborene Tochter italienischer Eltern mit ihrer Stimme noch „die Sonne Italiens“ verkörpern soll, schmachtet sie: „Liebe mich, mein Geliebter / Erhöre mein Gebet.“ Später mischt sich Nostalgie mit Schwermut: „Das war die Zeit der Blumen / Wir kannten keine Angst.“ Ihre Fassung des Hippie-Hits „Those Were the Days“ heißt „Le temps des fleurs“. Schicksalsschläge, Lebenskrisen. Ihr Entdecker und Ehemann, der Produzent Lucien Morisse, verlässt sie für eine Jüngere. Der Sänger Luigi Tenco, eine große Liebe, tötet sich per Kopfschuss.

Dalida verliebt sich in einen 15 Jahre Jüngeren, treibt sein Kind ab. Später ist sie mit dem „Grafen von Saint Germain“ zusammen, einem Esoteriker, der behauptet, 15 000 Jahre alt zu sein, und zu häuslicher Gewalt neigt. Bevor sie 1987 eine Überdosis Schlafmittel nimmt, schreibt sie: „Das Leben ist mir unerträglich geworden – vergebt mir.“ Was bleibt, sind großartige Songs, etwa die Liebeszwiesprache „Paroles, paroles“, die sie mit Alain Delon aufgenommen hat. „Worte, Worte, nur Worte, Worte, zwischen uns“: was für ein Abgesang.

In acht Berliner Kinos. OmU: Babylon Kreuzberg, Cinema Paris, Eiszeit, FT Friedrichshain, Hackesche Höfe

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