Birgit Birnbachers „Wir ohne Wal“. : Lebensunsichere Jugend

Als Talentprobe vielversprechend: Birgit Birnbachers Erzählband „Wir ohne Wal“ ist ein Reigen von hingetupften Momentaufnahmen, deren Stärke in ihrer Unmittelbarkeit liegt.

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Vielversprechend. Die junge Autorin Birgit Birnbacher.
Vielversprechend. Die junge Autorin Birgit Birnbacher.Foto: Eva-Maria Mrazek

Ein Wal schwebt über der Stadt. Eine Kunstinstallation aus Planen und Heißluft. Am Ende ist er wieder weg, und in der Zwischenzeit hat er nach unten geschaut und beobachtet, was sich so zuträgt. Birgit Birnbachers Episoden sind allerdings nicht aus der Vogelperspektive erzählt. Im Gegenteil: Für diese Figuren gibt es keine Vergangenheit und wohl auch keine Zukunft; wir sind dicht dran an ihnen im jeweiligen Augenblick, bevor sie wieder ausgeblendet werden.

„Roman“ ist eine gewagte Gattungsbezeichnung für dieses rund 160 Seiten starke Debüt, für das Birnbacher mit dem Förderpreis der Pontostiftung bedacht wurde. „Wir ohne Wal“ ist eine Sammlung von Short Cuts aus dem Leben einiger Anfangszwanziger. Oft weiß man nicht, wer spricht und warum, und erst allmählich bemerkt man, dass einige der zehn Prosastücke miteinander verknüpft sind; das eine an das andere anschließt oder aus einer neuen Perspektive eine andere Geschichte aufnimmt oder deren Vorspiel erzählt.

Kleine Alltagsdramen

Das ist technisch geschickt gemacht. Es herrscht eine diffuse Stimmung. Birnbacher schickt ihre lebensunsicheren Protagonisten in seltsame Situationen. Auf eine Party in einer Kommune etwa, deren Hauptregel darin besteht, dass sich alle am Eingang komplett ausziehen müssen. Dann sitzen sie beisammen, tun so, als sei das normal, nehmen Drogen und warten, bis sich das natürliche Schamgefühl verflüchtigt hat.

Birnbachers Debüt ähnelt dem der Pontopreisträgerin des vergangenen Jahres, Sandra Weihs. Psychopathologien spielen bei beiden eine entscheidende Rolle, allerdings ist Birnbacher in der Darstellung subtiler und sprachlich versierter. „Wir ohne Wal“ ist ein Reigen von hingetupften Momentaufnahmen, deren Stärke in ihrer Unmittelbarkeit liegt. Kleine Alltagsdramen, gespeist aus Unruhe, Rastlosigkeit, Desorientierung. Nicht neu das alles, aber als Talentprobe viel versprechend.

Birgit Birnbacher: Wir ohne Wal. Roman. Jung und Jung Verlag, Salzburg/Wien 2016. 168 Seiten, 18 €.

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