Birgit Brenner : Mann, nimm’ mal was an!

Lust auf Streit: Wie die Künstlerin Birgit Brenner Liebesdramen inszeniert. Ein Atelierbesuch.

Nicola Kuhn
Brenner
Das Leben belauschen. Birgit Brenner mit einer ihrer Skulpturen. -Foto: Mike Wolff

Von hinten sieht es aus wie ein weißes Gebirge, von vorne wie eine dicke liegende Frau, deren Brüste und Bauch aus dem viel zu engen BH und Slip nach vorne quellen. Von der Seite fällt der Blick auf die an eine Wand gepinnten Bildvorlagen für dieses Skulpturen-Ungetüm. Dabei entdeckt der Atelierbesucher, dass ein Mann mit Perücke hinter all der üppigen Weiblichkeit steckt und mit ausgestopftem Badeanzug posierte. „Ja, da hat mein Assistent sehr leiden müssen,“ amüsiert sich Birgit Brenner.

Schon kann man sich vorstellen, wie die Künstlerin ihr Modell Heinz in ihrem Kreuzberger Studio beherzt dirigierte, damit es halb am Boden liegt, aber noch nicht allen Widerstand aufgegeben hat. In der endgültigen Fassung wird die Skulptur, deren Kopf im Nachhinein abgesägt wurde, mit einer Tafel versehen sein, auf der zu lesen ist: „Ein Satz noch und ich schlage zu.“ Auch eine Männerfigur ist für die Ausstellung zum Thema „Paare“ im Ulmer Museum geplant. Deren Text steht noch nicht fest. Nur so viel weiß die Künstlerin bereits: Als klarer Verlierer oder Gewinner wird keiner von beiden inszeniert.

Birgit Brenner ist Expertin, wenn es um Frauen und Männern mittleren Alters geht. Mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung seziert die 44-Jährige diese Spezies, von der sie sich selbst gar nicht so weit entfernt fühlt. Sie inszeniert deren Dramen in Form raumgreifender Installationen aus Pappschildern, Holzleisten, Digitalprints und Texten, in die sich der Betrachter immer neugieriger, immer fassungsloser vertieft.

Gerade ist von ihr im Ausstellungsraum der Medienmanagerin und Kunstsammlerin Christiane zu Salm im Chipperfield-Galeriehaus die Arbeit „Die besten Jahre“ zu sehen. Dort wurde auch ihr im Prestel-Verlag erschienenes Buch „So sieht Glück aus“ präsentiert. Natürlich ist das ironisch zu verstehen, wenn wie bei einem Storyboard an die Wand geschrieben steht: „Nach dem gemeinsamen Frühstück gibt er ihr seine halb aufgerauchte Zigarette. Mehr konnte sie nicht erwarten. Sie war weit über vierzig.“

Birgit Brenner ist eine Meisterin der lakonischen Texte, zu denen sie sich etwa von Gesprächen am Nebentisch im Café inspirieren lässt. Außerdem recherchiert sie im Internet, etwa die Abschiedsbriefe von Selbstmordkandidaten. Gerade hat sie die abstrusen Bemerkungen eines Rainer – „Kannst Du das annehmen?“ – aus einer Männergruppe in ihren Computer getippt. „Die sind alle so traurig, kraftlos, jämmerlich,“ ist sie selber überrascht. Von Frauen kennt die alleinerziehende Mutter so etwas nicht. Deshalb versucht sie sich auch subtil in die männliche Psychologie einzufinden. Ihr Assistent hat sie bisher immer gewarnt, wenn sie wieder einen „Brenner-Mann“ für eine Story konstruierte. In der Wirklichkeit würden sich Männer nie hinter einem Vorhang verstecken, bremst er sie dann.

Anfangs hatte sich die Künstlerin noch auf die Frauenwelt am Rande des Nervenzusammenbruchs konzentriert, woraufhin sie selbst immer wieder mit den dargestellten Personen identifiziert wurde. Mögen auch ihre eigenen Ängste in den Figuren stecken – die klassische Mittelschichtsorge vor dem Abstieg, einmal nicht mehr dazuzugehören –, so geht es doch um mehr: ein Gesellschaftsporträt. Birgit Brenner nimmt den Satz „Das Private ist politisch, das Politische privat“ für ihre Arbeit ernst. „Auch wenn man mit Kunst nicht die Welt verändern kann, so würde ich nie belanglosen Deko-Kram machen,“ stellt sie klar und dreht sich eine weitere Zigarette.

Vielleicht gelten deshalb ihre sperrigen Installationen noch als Geheimtipp, obwohl sie in den letzten Jahren zahlreiche Einzelausstellungen bestritt, zum Stamm der Berliner Erfolgsgalerie Eigen + Art gehört und in vielen Sammlungen vertreten ist. „Allerdings nicht im angelsächsischen Raum, eher in Osteuropa“, schränkt die UdK-Absolventin und Meisterschülerin von Rebecca Horn ein, „und auch nicht bei Sammlern, die mit Kunst spekulieren.“ Dafür besitzen die Installationen in ihrer Materialität einen viel zu geringen Eigenwert. Die Holzlatten und billigen Pappschilder sind nicht repräsentativ genug. Sie stammen noch aus jener Zeit, als die Künstlerin jeden Cent umdrehen musste. Da hatte auch der Werkstoff sparsam zu sein.

Von damals hat sich die stramme Arbeiterin, die nicht nur durch einen kleinen Akzent ihre schwäbische Heimat verrät und Kaffeepausen für Zeitverschwendung hält, eine wichtige Erkenntnis bewahrt, die sie nun an ihre Studenten an der Stuttgarter Akademie weitergibt: „Künstler zu sein ist harter Kampf, der mit größter Wahrscheinlichkeit in die Armut führt. Nur Schriftstellern geht es schlechter.“ Deshalb verlangt sie ihrer Klasse einiges ab – Tempo, pünktliche Abgabe, zuletzt eine gemeinsame Mappenedition mit hundert Unikaten, damit Geld in die Kasse kommt. Bei Birgit Brenner dürften sie einiges lernen. Bei ihren dem Leben abgelauschten Installationen erfährt der Betrachter vor allem etwas über sich: die Lust am Drama zwischen Couchtisch und Gummibaum, an den Abgründen des Alltags zwischen Paaren.

Kunstraum Christiane zu Salm, Am Kupfergraben 10, Info: www.aboutchangecollection.com; Kunstwerkstatt Birgit Brenner: „So sieht Glück aus“. Hrsg.: Marion Traube und Christina Bylow. Prestel 2008, 80 S., 39,95 €.

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